Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1888)
- Date
- 1888-03-22
- Page
- Seite 181 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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181 und Schrift, folglich muß das Lied Vernunft- und fchriftmäßig fein. — Die Psalmen enthalten, bei all ihrer Unübertrefflichkeit Härten, die zur Zeit ihrer Abfassung passend und angemessen waren, für unsre Zeit aber abstoßend und unerbaulich sind. Nur bei wenigen Psalmen ist schon eine Bersification hinreichend, um sie für den Gottesdienst brauchbar zu machen, bei gar vielen ist eine freie Umarbeitung nothwendig, so daß das Bibelwort nur der Funke ist, der die Poesie in dem Dichter entzündet, der es aber nach seiner Weise frei umarbeiten muß. Auch reichen die Psalmen nicht ans, um in ihnen den Ausdruck unseres religiösen Lebens nach allen seinen Beziehungen, ivas als Kummer oder Sorge, als Sehnsucht oder Hoffnung, als Freude oder Schmerz, als Glaube oder Liebe in uns lebt, vollkommen ausgesprochen zu finden. — Das Shnagogcnlied muß auch subjectiv wahr sein. Was der Dichter darin ausspricht, muß in ihm leben und in allen Herzen der Israeliten wiedertönen; es muß, dem Keime nach, schon in diesen liege» und nur durch das Lied zur Entfaltung gebracht werden. — Wie cs zur echten Humanität gehört, nichts Menschliches, was nur ein Menschenherz in Lust und Schmerz bewegen kann, sich fremd zu halten, ebenso gehört es zum echten Jsraelitenthum, nichts Israelitisches sich fremd zu halten. Was daher im Liede echt Israelitisches ausgesprochen ist, wie der große Beruf Israels, die Würde der empfangenen Thora, die Leiden und Hoffnungen Israels, wird von Allen empfunden werden, die noch Israeliten in Wahrheit sein wollen und sich zum echten Jsraelitenthum bekennen; sie werden es ihrem Geiste assimiliren. Welcher Jsraelite wird das von M.M. Haarbleicher in Hamburg verfaßte und von mir in die hiesige Synagoge eingeführte Lied: „Das ist die Thora, das ist das Wort re." mitsingen oder mit anhören können, ohne darin seine eigenen Gefühle und Ueberzeugungen ausgesprochen zu finden? Aehnlich verhält es sich mit dem tiespoetisch - religiösen Liede: „O Tag des Herrn, du nahest re.", verfaßt von: Rabbiner vr. Leopold Stein in Franfurt a. M., welches dazu bestimmt ist, am Vorabend des Bersöhnungstages vorgetragen zu werden. Wenn wir es aufmerksam und mit empfänglichem Gemüthe anhören, so anticipirt es in uns die Fülle hoher Gedanken und Empfindungen, die der Versöhnungstag in uns wach zu rufen vermag. Schönheit ist das zweite Merkmal, das dem Synagogenliede eigen sein soll. Hierzu gehört vor Allem die Schönheit des Gedankens. Ein Gedanke ist schön, wenn er irgend eine Wahrheit in einer solchen Form ausspricht, die sich nicht nur ihm anpaßt, sondern die auch die Phantasie anspricht und das Gefühl für sich gewinnt, so daß er mit Freuden ausgenommen wird. — Auf religiösem Gebiete muß das Schöne von einem tiefwahren religiösen Gedanken getragen werden, und damit das Religiös-Wahre ein Schönes werde, muß der Inhalt eine Gefühl und Phantasie ansprechende Form haben. — Die Sprüche der heiligen Schrift tragen das Gepräge des Schöne», und zwar ist es ebenfalls die Harmonie des Inhalts mit dem Ausdrucke — die göttliche Wahrheit tritt mit der ihr adäquaten Form ins zeitliche Leben ein. Das Schöne liegt also zunächst in den, dargestellten Gedanken. Demungeachtet macht auch dos Ohr seine Rechte dabei geltend, sofern der Gedanke in hörbaren Worten sich ausspricht. Zwar ist das gespr ochene Wort noch nicht dem musikalischen Gesetze unterworfen. Dies kommt ihin erst als gesungenem Worte zu. Aber auch das gesprochene Wort läßt Modifikationen des Tones zu, die mit der musikalischen Bestimmtheit desselbe>r verwandt sind. Da ist in Betracht zu ziehen der Rhythmus, welcher der dichterischen Rede Gestalt, Maß und Symmetrie verleiht, dann aber noch ganz besonders der Wohllaut in der Bildung der Sätze, in der Aufeinanderfolge der Wörter und Silben rc. — Noch eine dritte Forderung hätten wir an das Synagogenlied zu richte», nämlich die Klarheit und Anschaulichkeit. Man muß wissen, wovon int Siebe die Rede sei. Gedanke», die ins Nebelhafte verschwimmen und wobei sich nichts Bestimmtes denken läßt, oder dunkle Ideen, mit denen die Sprache ringt, um sie aussp rechen zu können, gehören nicht in diese Dichtung, die, o tief und inhaltsvoll ihre Gedanken sein mögen, doch hell wie ein Sonnenmorgen vor uns liegen muß. Auch dürfen dem Reime und dem Metrum zu Liebe die Worte nicht verstellt sein, so daß man sich besinnen muß, wie sie eigentlich stehen sollten. Zur Klarheit gehört ferner die Anordnung der Gedanken, damit das innere geistige Auge die Dichtung überschauen und zusammenfassen kann. Zwar will der Dichter im Liede keine Demonstrationeil aufbauen, keine didaktische Gedankenentwickelung, sondern nur ein Bild zum Anschauen geben: allein man muß bedenken, daß auch ein Bild eine gewisse Ordnung hat, und was z. B. in den Hintergrund gedrängt ist, darf nicht ebensogut im Vordergrund, in heller Beleuchtung stehen. Auch giebt es in der religiösen Wahrheit bestininite Zusannnenhänge zwischen Grund und Folge, zwischen Handlung und Motiv, die auch der Dichter nicht wohl zerreißen oder verkehren darf. — Ein nothwendiges Requisit für den poetischen Charakter des Liedes ist endlich auch die Anschaulichkeit, durch welche das innere Auge Etwas zu schauen hat. Nicht abstracte Gedanken, sondern Bilder sollen gegeben werden, die sich der Phantasie in lebendiger Gestaltung und Farbenhelle zur Anschauung darbieten; nur darf bei einer Mannigfaltigkeit von Bildern, die das Lied eilthält, das eine Bild das andere nicht stören; auch dürfen die Bilder nicht ineinander geschoben werden. — Im Vorhergehenden habe ich die Gesichtspunkte zu zeigen gesucht, von welchen aus die Güte und Vortrefflichkeit