Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1888)
- Date
- 1888-03-22
- Page
- Seite 180 (sequence 4)
- Language
- German
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180 fahren worden. Seetion II greift in weitere Kreise, beschrankt sich aber dafür auf kleinere Unterstützungen in momentaner Nothlage. Hier finden wir 17 Schriftsteller und Studircnde, 14 Künstler und Kunstgewerbtreibende, 19 Ge' lehrte und Lehrer, 13 Schauspieler und Recitatoren, 42 Angehörige des Kaufmannsstandes und 33 des Gewerbestandes vertreten. Bisher hat die Mendelssohn-Stiftung in ihrer sieben' undzwanzigjährigen Thätigkeit (1861—1888) in Seetion I 791 Stipendien mit 47,947 M., in Seetion II 1242 Unterstützungen mit 13,546 M. zur Vertheilung gebracht und dadurch manchem Talent emporgeholfen, manche Sorge ehrlich und redlich vorwärts Strebender gelindert. Ein solches erfreuliches Resultat verdient gewiß die Beachtung und Theilnahme aller Menschenfreunde, zumal in unserer Stadt, wo Wissenschaft und Kunst blühen und wo der Name Mendelssohn hoch geachtet ist. Unsere Mitbürger werden durch Schenkungen und durch Zeichnung von Jahresbeiträgen damit jedenfalls eine Sache der echten Humanität fördern. Die Generalversammlung ertheilte der durch Herrn Beruh. Bodek in exaetester Weise nun bereits 10 Jahre lang geübten Buch- und Cassaführung Decharge und votirte ihm für seine mühevolle Thätigkeit einstimmigen Dank. Von den Neuwahlen sei noch erwähnt, daß auf Herrn S. Finkelstein die Wahl zum ersten Vorsitzenden fiel. Rufen wir der Stiftung ein Floreat und Crescat auch für ihre fernere Wirksamkeit zu." Aus Stuttgart vom 1. März berichtet die „Württembergische Landeszeitung": Israelitischer Kranken-Unterstützungs-Verein. In der gestern Abend im Hotel Degginger stattgehabten Generalversammlung gedachte Hr. Vorstand S. Ellinger beim Beginn seines Jahresberichtes in warmen Worten der beiden hohen Patienten in San Remo und Florenz, denen jeder loyale Württemberger baldigste Genesung wünschte, zur Bekräftigung erhob sich die Versammlung von den Sitzen, auch des noch immer leidenden Herrn Kirchenrathes vr. von Wassermann wurde in gleicher Weise ge' dacht. Der Cassier, Herr Sontheimer, verlas den Finanzbericht; der Verein zählt 244 Mitglieder, besitzt jetzt einen Grundfonds von 24,450 Mark und spendet jährlich an bedürftige Kranke 2300 Mark. Leider mehren sich auch die Anforderungen sehr bedeutend und sollte sich daher kein Wohlthäter, der in der glücklichen Lage ist, geben zu können, bei diesem philanthropischen Unternehmen ausschließen. EiuePrincipienfrage, welche zwischen dem Vorstand und den anderen Ausschußmitgliedern zu Differenzen geführt hatte, erledigte die Versammlung in tactvollster Weise dadurch, daß sie dem Ausschuß volle Decharge ertheilte und dem Herrn Vorstand Ellinger durch Wiederwahl per Akklamation ein solches Vertrauensvotum ausstellte, daß derselbe nicht umhin konnte — obgleich nach einigem Zögern — diese ehrenvolle Wiederwahl zur Freude der Anwesenden zu acceptiren. In Berlin hält die „Gesellschaft der Freunde" in den nächsten Tagen ihre 96. ordentliche Generalversammlung. Der Jahresbericht liegt uns bereits vor, und wir entnehmen ihm folgende Notizen. Die Gesellschaft, welche die gegenseitige Unterstützung in Nothfällen zum Zwecke hat, und einst vom ältesten Sohne Mendelssohns mit seinen Freunden gegründet worden, zählt gegenwärtig 547 Mitglieder und besitzt ein Vermögen von 527,943 M. Im verflossenen Jahre hat sie an Unterstützungen 23,625 M. gewährt. Die mit ihr verbundene, aber gesondert verwaltete „Unterstützungs- Anstalt für Wittwen und Waisen von Mitgliedern der Gesellschaft der Freunde" hat 14,398 M. ausgezahlt und besitzt ein Vermögen von 218,100 M. Hiernach besitzt wohl dieser Verein, wie er einer der ältest bestehenden ist, die bederltendsten Mittel unter ähnlichen Gesellschaften. D arm stad t, im März. vas deutsche Zyuagogenlied im jüdischen Lultirs.') Von M. Mannheimer. Es ist eine unleugbare Thatsache, daß das deutsche Lied bereits in vielen Synagogen cingeführt ist; ebenso gewiß läßt es sich voraussehe», daß dasselbe in Zukunft noch mehr Boden in den deutsch-israelitischen Gemeinden gelvinnen werde. Es tritt daher die Frage an uns heran: welche Eigene schäften muß das deutsche Lied haben, um tauglich und würdig zu sein, in den öffentlichen israelitischen Cultus ausgenommen zu werden? — Von dem einzuführende» Synagogenlied können wir vor Allem Wahrheit fordern; denn der Grnndcharakter des Judenthums ist die Wahrheit, und ein standhafter Zeuge der Wahrheit zu sein, ist seine weltgeschichtliche Mission. Das Lied darf also nichts enthalten, was der Wahrheit widerstreitet, also nicht religiöse Fiction, Schein, Jrrthum, oder gar Lüge. — Die Wahrheit ist enthalten in Vernunft *) Daß auch in solchen Gemeinden, wo das deutsche Synagogenlicd eingeführt ist, das Hebräische die wesentliche Gebetsprache fortan bilden müsse, bedarf kaum der Erwähnung. Denn sie bildet ja das Band, welches alle Israeliten auf dem ganzen Erdenrunde umschließt und sie zu einer Religionsgesellschast vereinigt, und durch dieselbe wird jeder Israelit an die große Aufgabe erinnert, die dem Volke Israel in der Völkerfamilie geworden ist: den reinen, alle Menschen allmählig versöhnenden und verbrüdernden Monotheismus zu tragen durch alle Welt und alle Zeit, bis das Reich Gottes auf Erden hergestellt ist, d. i. das Reich der Wahrheit, der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens. — Corresp. mmmna