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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-03-22 · Heft 12 (22.3.1888) · p. Seite 178

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 12 (22.3.1888)
Date
1888-03-22
Page
Seite 178 (sequence 2)
Language
German
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178 runden Zahlen oder auch mit gar keinen fürlieb nehmen, und um so mehr dankbar sein, als im großen Ganzen die Ergebnisse als sicher angenommen werden können. Durchmustert man nun dieses Jahrbuch, so drängt sich das Erstaunen über die außerordentliche Zerstreuung und Zersplitterung unserer Glaubensgenossenschaft innerhalb des deutschen Reiches auf. Längst hat man die Tendenz der jüdischen Bevölkerung erkannt, sich nach den Centren der Industrie und des Handels, der Wissenschaft und der Kunst zu ziehen, so daß sich an diesen Orten Gemeinden sammeln, wie sie früher in Mittel- und Westeuropa nicht vorhanden waren. Die Folge davon ist eine Entleerung der Landgemeinden, unter denen nicht wenige, die früher bedeutende unN" vielgenannte Gemeinden waren, jetzt zu völliger Bedeutungslosigkeit herabgekommen, da sie mehr als die Hälfte, ja als zwei Drittel ihrer früheren Seelenzahl eingebüßt haben; ja es giebt Ortschaften, aus welchen die Juden gänzlich verschwunden sind, obschon sie daselbst früher ganz hübsche Gemeinden bildeten. Das Jahrbuch zeigt uns Gemeinden, in welchen noch eine Menge Stiftungen bestehen und die jetzt! nur noch geringzählig an Mitgliedern sind. Doch hat dieser Wandel im großen Ganzen auf die Diaspora keinen bestimmenden Einfluß. Bilden wir uns von derselben durch folgende Betrachtungen eine genauere Vorstellung. Wir besitzen gegenwärtig im deutschen Reiche eine große noch immer anwachsende Gemeinde: Berlin (64,300); aber von hier bis unter 20,000 ist keine vorhanden, denn Breslau zählt 18,000, Hamburg 10,000 und Frankfurt a. M. 15,500. Von hier kommen wir bereits auf 0700 in Posen, 5300 in Köln, 4800 in München, 4400 in Königsberg, 4200 in Nürnberg, 4200 in Mannheim, 3000 in Hannover, 3500 in Mainz, 3500 in Leipzig, 3300 in Fürth, 3100 in Straßburg und 3000 in Cassel. lieber 2000 haben Danzig, Stettin, Beuthen. Dresden, Stuttgart, Karlsruhe, Mühlhausen im Elsaß, lieber 1000 zählen Gleiwitz, Kattowitz, Ratibor, Magdeburg, Altona, Dortmund, Düsseldorf, Elberfeld, Aachen, Bamberg, Augsburg, Tilsit, Thorn, Kempen (Posen), Krotoschin, Ostrowo, Rawicz, Rogasen, Schriinm, Bromberg, Gnesen, Jnovraclav, Glogau, Liegnitz, Darmstadt, Offenbach, Worms und Colmar. Zählen wir diese nach ihren Detailszahlen (zusammen 220,000 Seelen), so wohnen 40 Procent der jüdischen Bevölkerung des deutschen Reiches in Gemeinden von über 1000 Seelen beisammen. Der übrige Theil ist aber in zahllosen kleineren Gemeinden durch das ganze deutsche Reich zerstreut und an vielen Orten wohnen nur einige Juden. Um hiervon uns ein Bild zu machen, wählen wir einige Beispiele ans. In der Provinz Ostpreußen sind Juden ansässig in 64 Orten, und nur m einem über 1000 Seelen. Ebenso in 59 Ortschaften der Provinz Westpreußen mit zwei Gemeinden über 1000 Seelen. Dasselbe findet in der Provinz Sachsen statt, worunter 33 von Juden besiedelten Orten nur Magdeburg 1700 Seelen zählt. Noch viel eclatanter ist die Provinz Hannover in dieser Richtung. Hier wohnen Juden in 127 Orten und nur die Stadt Hannover befaßt mehr als 1000 Seelen. Darüber hinaus sehen wir in Westfalen in 167 Orten Juden wohnen und nur eine Gemeinde, Dortmund, zählt 1100 Seelen. Dies wird genügen, um die Zersplitterung der jüdischen Bevölkerung im deutschen Reiche, wie sie in dieser Weise wohl kaum in einem anderen Staate erreicht werden mag, zu kennzeichnen. Es knüpfen sich hieran mancherlei Fragen. Diese ganze Masse von mehr als einer halben Million Seelen, durch ein weites Terrain zerstreut, besitzt außer in Württemberg und Baden keine Organisation. In Preußen steht jede Gemeinde für sich allein, autonom, mit nur ganz äußerlicher Beaufsichtigung seitens der Staatsbehörde. In den 1865 neu erworbenen Provinzen besteht zwar noch die frühere Verfassung, aber nur mit geringen Attributen; im Reichslande bestehen noch die Institutionen ans französischer Zeit. Dürfte da nicht eine einheitliche Organisation notwendig oder doch räthlich sein? Theoretisch gewiß. Biele, namentlich kleinere Gemeinden, werden nicht so viele intelligente und eifrige Männer besitzen, um mit den Bedürfnissen der Zeit in Gottesdienst und Religionsunterricht gleichen Schritt zu halten. Dennoch muß der vorurtheilslos Prüfende erkennen, daß dies mehr theoretisch als practisch der Fall ist. Wir stehen hier auf religiösem Boden, und auf diesem ist irgend welcher Zwang unzulässig und richtet bei der besten Absicht mehr Schaden als Nutzen an. Auf religiösem Boden mnß Alles von Innen heraus kommen, ganz besonders bei jeder Bewegung nach vorwärts. Dies haben denn auch die jüdischen Gemeinden in ihrer Mehrzahl bewiesen. Drängt der Geist in einer Gemeinde auf Verbesserung des Gottesdienstes und des Religionsunterrichtes, so dringt er mit der Zeit schon durch. Leuten aber, welche für einen verbesserten Cultus und Unterricht keinen Sinn haben, ihm vielmehr feindlich gegenüberstehen, eineil solchen anfdrängen zu wollen, ist vom Nebel. Freuen wir uns vielmehr, daß für uns das immer wachsende Reglementiren vom grünen Tische aus nicht besteht. Haben wir doch zahlreiche neue schöne Gotteshäuser erstehen, an vielen Orten den Gottesdienst unb den Religionsunterricht nach besseren Zuständen streben und überall die Wohlthätigkeitsanstalten zu schöner Blüthe sich entfalten sehen. Die Stellung des Judenthums innerhalb der übrigen Welt erfordert von jedem einzelnen Juden eine genügende Widerstandskraft gegen die ans ihn anstürmenden feindlichen und zersetzenden Elemente. Um so mehr tritt ein solches Verlangen an jede jüdische Gemeinde heran, und sie hat sie bis jetzt immer gefunden. Aber worin eine Organisation practisch sehr nothwendig wäre, das ist die Unterstützung der

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