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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-03-15 · Heft 11 (15.3.1888) · p. Seite 172

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 11 (15.3.1888)
Date
1888-03-15
Page
Seite 172 (sequence 12)
Language
German
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I 172 treten Stöcker's scheint seinen antisemitischen Gesinnungsgenossen neuen Muth einzuflößen. Lassen wir Israeliten uns davon nicht beunruhigen! Die 560,000 Juden Deutschlands sind ein viel zu wichtiger Factor inmitten des Vaterlandes, als daß ihm durch dergleichen Nörgeleien mit Erfolg beizukommen wäre. Sie tragen zur Handelsblüthe und zum Wohlstände Deutschlands einen viel größeren Procentsatz bei, als diese Herren einsehen oder zugestehen wollen. Man kann uns diese und jene Ehre, diese und jene Lebensstellung vorenthalten: an unsrer gesetzlichen Gleichberechtigung vermögen Stöcker, Böckel und Consorten nicht zu rütteln. Diese Ueberzeugung steht unwandelbar fest in uns und möchte ich auch den Lesern dieser Zeitung einflösen. Sie wird durch Folgendes noch bestärkt. So lange Amerika, England, Frank-; reich, Dänemark, Holland, Belgien, die Schweiz, Oesterreich und Italien, die hervorragenden Länder der Cultur, die Juden als vollberechtigte Staatsbürger erkennen und behandeln, kann das hochgebildete Deutschland, das anderen Staaten in so vielen Hinsichten vorleuchtet, in diesem Punkte nicht zurückstehen wollen. Unser großer Kanzler Bismarck ist viel zu scharfsichtig und weitschauend, um das nicht einzusehen. Und wie der alte Haman werden alle Stöckers und Böckels in ihren antisemitischen Bestrebungen zu Schanden werden. Rabbiner vr. Levi. Gießen, im März. (Privatmitth.) Die Zahl der Insassen der Gefängnisse eines Landes giebt bekanntlich einen ziemlich sicheren Maßstab für die, inmitten der Einwohnerschaft desselben herrschende Moralität oder sittliche Bildung ab. Da möge denn, wie in früheren Jahren schon einmal, in dieser Zeitung auf das günstige Procent-Berhältniß hingewiesen werden, in welchem die jüdischen Sträflinge des Großherzogthnms Hessen zu den Gesammtsträflingen des Landes stehen. Die Juden des Großherzogthums bilden 3, sage 3 °/0 der Einwohnerschaft desselben. Nach dem mir vorliegenden „24. Hauptrechenschaftsberichte der Großherzogl. Centralbehörde des Vereins zur Unterstützung und Besserung der aus den Strafanstalten Entlassenen für die Jahre 1884 und 1885" befanden sich damals in den 4 Strafanstalten des Landes, in Darmstadt, Mainz, Dieburg und Marienschloß, unter 1696 Gefangenen nur 20 Israeliten. Diese trugen also nicht 3 %, sondern nur etwa 1 w5 °/0 zum Contingente der Gefängnisse bei, gewiß ein günstig sprechendes Verhältniß, das auch, wie mir bekannt ist, in den beiden letzteren Jahren keine Aenderung erfahren hat. Rabbiner vr. Levi. O esterreich-Ungarn. Wien, 2. Februar. Einen charakteristischen Zug für unsere hiesige Studentenwclt wollen wir hier nicht übergehen, noch dazu, da er einen erheiternden Schluß bietet. Der Abg. Neuber hatte sich, wie das „Fremdenbl." erzählt, durch seine Haltung im Parlamente die Ungnade einiger antisemitischen Studenten zugezogen, und diese beschlossen, ihn dieselbe auch fühlen zu lassen. Vorgestern Nachmittag zog ein Troß der jugendlichen Politiker vor die Wohnung des Abgeordneten, welche sich in Gumpendorf nächst dem Wienflusse befindet, schlugen hier im kurzen Wege die Fenster ein, riefen dem Abgeordneten, welcher am Fenster sichtbar wurde, ein dreifach donnerndes „Judenknecht" (das ist das Hauptargument der jugendlichen Politiker) zu und zogen nach vollbrachter „politscher Arbeit" recht lustig über die Brücke, die nach Margarethen führt, weiter. Run befindet sich die chemische Produktenfabrik des Herrn Neuber in der Brückengasse No. 1 und die Herren Studenten mußten an derselben vorüberziehen. Herr Neuber eilte rasch zum Telephon, welches seine Wohnung mit der Fabrik verbindet, schilderte dem Fabriksdirektor den Vorgang, der sich soeben vor seinem Hause abgespielt hatte, und gab dem Direktor in knappen Zügen ein Signalement der Herren Studenten, welche an der Wiener Universität einen Kursus im Fenstereinschlagen absolviren. Diese telephonische Benachrichtigung fand in der Fabrik verständnißinnige Aufnahme, denn als die Herren Studenten an dem Hause No. 1 der Brückengasse vorbeizogen, wurden sie von einigen Fabrikarbeitern in Empfang genommen, welche nicht ermangelten, den rückwärtigen Theil der Fenstereinschläger in meuchlerischer Weise gehörig zu bearbeiten. Nachdem die Herren Studenten für ihre Heldenthaten ihre wohlverdienten Prügel erhalten, durften sie wieder abziehen. Nun wundern sich die jungen Herren nicht wenig, daß sie die rächende Nemesis so rasch ereilt habe, und können sich die merkwürdige Thatsache nicht enträthseln, daß sie in Gumpendorf die Fenster eingeschlagen haben und dafür sofort jenseits der Brücke, in Margarethen, die Prügel einheimsen. Rumänien. Bukarest, im Februar. Um die Zustände in diesem abscheulichen Staate zu charakterisiren, genügt ein Vorgang, über den die Usvistn israelitioa berichtet. Alle Jahre, kurz vor den israelitischen großen Festtagen, kommt der Rabbiner I. Taubes bei dem Divisions-Commandeur in Jassy ein, um einen Urlaub für die israelitischen Soldaten während der Dauer der Feiertage zu erbitten. Diese Petition wird an das Kriegsministerium weiter befördert, das den Corpscommandanten die nöthigen Befehle ertheilt. Als in diesem Jahre am Vorabend des Festes die israelitischen Militärs keine Anzeige ihres Urlaubs erhalten hatten, begab sich Herr Taubes zu Wagen zum Capitän Baldovici, um ihn zu bitten, die israelitischen Soldaten freizugeben, zum wenigsten für das Kippurfest. Der Zufall wollte, daß

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