Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1888)
- Date
- 1888-03-15
- Page
- Seite 170 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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170 Politik die Nothwendigkeit hervor, in noch entschiedenerer Weise, als dies früher geschehen, gegen die reactionären Tendenzen auf kirchlichem und staatlichem Gebiete Front zu machen. Herr v. Goßler und Herr v. Scholz haben am Sonnabend nach dieser Richtung Erfreuliches geleistet; es muß aber auch sonst kein Zweifel darüber bleiben, daß die Richtung der „Kreuzzeitung" und des „Reichsboten" in der preußischen Regierung weder direct noch indirekt eine Stütze findet." — Weiter wollen auch wir nichts! Leipzig, 7. März. (Privatmitth.) Eingedenk der dankenswerthen Mittheilung Ihrer geschätzten Zeitung, welche der Berichterstattung über die „Feier des 100. Gedächtnißtages des Todes Moses Mendelssohn's", im Jahre 1886, den Briefwechsel des Rectorats der Universität Leipzigs und des Schatzmeisters der Mendelssohn-Stiftung zu Leipzig anreihte und das Prinzip humanen Wetteifers in Ausübung der Wohlthätigkeitsbestrebungen, ohne consessionellen Unterschied, seststellte, sind wir heute in der Lage, die derzeitige Kundgebung edler Gesinnung seitens der hohen Leiter unserer Universität durch Fakten zu bestätigen. Wir befinden uns unter dem Eindrücke besonderer Befriedigung, über die Berwilligung von zwei Stipendien zu berichten, von denen das eine, durch die philosophische Fakultät, bereits im vorigen Jahre an einen fleißigen und braven, jüdischen Studirenden der Philosophie, und ein zweites, durch die medicinische Fakultät, an einen mit Auszeichnung und hervorragender Befähigung studirenden jüdischen Candidaten der Medizin zu Theil wurde. Es kennzeichnet dieses, daß Begabung und ernstes, redliches Streben allezeit, wenn auch nur nach mühsamem und schwerem Kampfe, die Schranken, welche veraltete Vorurtheile dem Fortschritte in den Weg stellten, zu durchbrechen vermochten - und in echter Humanität, die Gemeingut aller Edelgesinnten ist, eine Stütze und einen dauernden Halt fürs Leben finden. Königsberg i. Pr., im März. (Privatmitth.) Man spricht oft Verwunderung darüber aus, daß unter den Studenten eine verhältnißmäßig große Zahl den antisemitischen Hetzern Gefolgschaft leistet. Den größten Bruchtheil hierzu liefern die juristischen Studenten. Diese Verwunderung mindert sich, wenn man die gegenwärtigen Zustände unter den Studenten der juristischen Fakultät beachtet. Es haben sich bereits sehr gewichtige Stimmen über die Indolenz und Kneipsucht, die unter den Jurastudirenden herrschen, vernehmen lassen, welche nachdrücklich auf Maßregeln gegen diesen Unfug drangen. Eine drastische Illustration bot in diese» Tagen ei» Anschlag der hiesigen juristischen Fakultät am schwarzen Brett der Universität, in welchem es heißt: „Die juristische Fakultät hat sich zu ihrem lebhaften Bedauern der Wahrnehmung nicht entziehen können, daß seit einiger Zeit der Besuch der juristischen Vorlesungen seitens einer großen Zahl ihrer Studirenden in auffälliger Weise vernachlässigt wird. Dieser Uebelstand hat im laufenden Semester in so hohem Grade zugenommen, daß die Fakultät sich zu eindringlicher Mahnung dagegen genöthigt sieht. Sollte wider Erwarten eine Besserung in dem Besuch der Vorlesungen nicht eintreten, so wird die Fakultät Maßregeln in Aussicht nehmen, um dies Uebel mit den ihr zu Gebote stehenden Mitteln mit Nachdruck zu bekämpfen u. s. w." Bei solcher Vernachlässigung der Studien ist es erklärlich, daß diese Studenten ihre Mußezeit auch mit der Politik ausfüllen und geneigte Organe für den Antisemitismus sind, da die jüdischen Studirenden in der Regel hinsichtlich ihrer Studien ein entgegengesetztes Bild bieten, und jene deshalb in diesen die Besorgniß erregenden Concurrenten erblicken. Um so mehr ist das Bestreben jener Agitatoren zu verurtheilen, die studentische Welt an sich zu ziehen. Ihre Gewissenlosigkeit, die nur auf Befriedigung ihrer persönlichen Leidenschaften und Interessen bedacht ist, läßt sie vor dem Gedanken nicht zurückschrecken, die Zukunft dieser jungen Männer, noch mehr die Zukunft des Staates, aufs Aeußerste zu gefährden, in welchem diese einst Richter, Verwalter und Gesetzgeber werden sollen. Unwillkürlich kommt man auf den Gedanken, daß die akademische Freiheit bei den Maßnahmen der Unterrichtsverwaltnng in den letzten Jahrzehnten weit über das richtige Maß ausgedehnt worden und daß mit Recht die französischen und belgischen Universitäten auf diesem Wege nicht nachgefolgt sind. Görlitz, 23. Februar. Der „Neue Görlitzer Anzeiger" vom 22. Februar enthält einen Bericht über einen Fall, der just kein beredtes Zeugniß von der Humanität unserer Zeit giebt, vielmehr, daß wir uns in humaner Beziehung noch nicht allzu weit von früheren Jahrhunderten entfernt haben. Er lautet: Es wird nicht viele Petitionen geben, die auf allgemeine Beachtung Anspruch haben. Eine solche Beachtung verdient aber die Petition, welche der hiesige Cantor und Schullehrer Ebel beim Abgeordnetenhause eingebracht hat und mit der sich kürzlich die Petitionscommission sehr eingehend zu befassen veranlaßt worden ist. Zur Klarlegung der Sachlage müssen wir etwas weiter ausholen. Der Petent Ebel war aus Oesterreich nach Preußen verzogen, hatte zuerst in Löwenberg und dann in Görlitz seinen Aufenthalt genommen, woselbst er von der Synagogen-Gcmemeinde angestellt wurde. Mit der Absicht umgehend, dauernd in Preußen zu bleiben, beantragte er seine Naturalisirung als Preuße. Prinz Handjery in Liegnitz ließ ihm zweimal einen zusagenden Bescheid von der Löwenberger resp. Görlitzer Polizeiverwaltung zugehen.