Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1888)
- Date
- 1888-03-15
- Page
- Seite 169 (sequence 9)
- Language
- German
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169 fürchtet, vielmehr sind es die inneren Verhältnisse, welche schwere Besorgniß erwecken. In der That, so ungern man es eingesteht, haben Kriege in unserm Jahrhundert schon oft recht lustreinigend gewirkt. Der Krieg 1859 endigte die reactionäre Aera in Oesterreich; der Krieg von 1866 machte in Preußen dem Conflici ein Ende, und der französischdeutsche Krieg ließ das deutsche Reich auf freiheitlichen Grundsätzen errichten. Daß später die Entwickelung wieder retrogade ward, muß wohl in den historischen Grundlagen der modernen Staaten, so wie in der Neigung Zum Radicalismus im Volke seine Ursache haben. Eine Erklärung der Thatsachen tröstet aber wenig über deren Vorhandensein. Wenn jene Besorgniß ganz besonders bei unsren Glaubensgenossen Raum findet, so haben sie wohl Ursache dazu. Es ist jedoch nicht zu verkennen, daß im deutschen Reiche der Antisemitismus gegenwärtig nur zu einem Symptom ge worden; er war ein Mittel für die Reaction, ist aber jetzt nur ein secundäres Glied derselben — während er in Oesterreich noch eine selbständige Krankheit neben den anderen, an welchen der cisleithanische Kaiserstaat leidet, zu sein scheint. Zeigt sich dies doch auch in den Parlamenten. Im deutschen Reichstage werden, trotz des Beifalls welchen die Conservativen antisemitischen Aeußerungen Stöcker's und Böckel's gewähren, schließlich doch diese vom Präsidenten aus abgeschnitten, während im österreichischen Reichsrathe die antisemitischen Reden der Hetzer freien Lauf haben. Ueber die ganze Lage der Dinge finden wir in der „Franks. Zeitung" vom 6. d. eine Darstellung, die uns zutreffend erscheint und von welcher wir deshalb einige Sätze citireu wollen. Es heißt da: „Seine Verehrer thun auch Herrn Stöcker gar keinen Gefallen, wenn sie ihn immer als den zuerst Herausgeforderten wegen seiner antisemitischen Hetzereien zu entschuldigen suchen. Wir sind gerechter gegen ihn. Wir halten ihn für einen überzeugten Fanatiker und würden in der Sprache, die er spricht, etwa sagen: „Der Geist treibt ihn". Sein Charakter gewinnt dadurch; man könnte ihn sogar bei aller Gegnerschaft noch achten, wenn er nicht in den Mitteln, deren er sich bei seiner Agitation bedient, ein unwahrer Mensch wäre, dem eine gewisse Art von Lüge und Heuchelei zur zweiten Natur geworden ist. Wir sprechen oas nicht aus, um ihn zu kränken, es läßt ihn auch sehr kühl. Wir sagen es auch nicht auf Grund des einen Falles, in welchem er vor Gericht auf der Unwahrheit ertappt worden ist, sondern auf Grund einer Ueberzeugung, die wir in jetzt zehnjähriger gewissenhafter Beobachtung gewonnen haben. Wir sagen es auch schließlich nicht, weil wir ihn als Antisemiten hassen, denn der Antisemitismus ist für diesen orthodoxen Reactionär ja nur ein Mittel zum Zweck, ein Reizmittel der Agitation; selbst aber zweck- und ziellos. Was der Antisemitismus an Uch leisten kann, hat er geleistet, schlimmer kann es nicht werden, selbst in der bewußten nahen Zukunft nicht. Der „sorgenschwere Blick", den die „Kreuzzeitung" an uns bemerkt hat, entstammt doch nicht etwa der Befürchtung, daß die maßgebenden Persönlichkeiten der nächsten Zukunft Ausnahmegesetze gegen die Juden machen würden. Nein; wir hegen die begründete Besorgniß, daß die Reaction in Kirche, Schule, Verwalung, in der wirthschaftlichen und politischen Gesetzgebung, in der wir uns schon seit geraumer Zeit befinden, und für die ja fast jeder Tag neue Proben liefert, in einer nahen Zukunft Verstärkung nach dem Herzen des Herrn Stöcker und die Voraussetzung einer Dauer erhalten kann, die sie nicht haben würde, wenn nicht das Schicksal mit rauher Hand in den regelmäßigen Lauf der Dinge eingreifen würde. Dann kann Herrn Stöcker's Zeit kommen." — Der deutsch-israelitische Gemeindebund versendet soeben eine neue Ausgabe seines „statistischen Jahrbuches" für lö88. Dieses mit großem Fleiße hergestellte Jahrbuch bringt zuerst ein geographisches Verzeichniß der jüdischen Gemeinden im deutschen Reiche, ihrer Seelenzahl, Vorsteher, Beamten, Wohlthätigkeitsvereine, dann ein alphabetisches Register dieser Gemeinden und ein solches der Beamten; endlich behördliche Entscheidungen und Verordnungen. Es ist dies ein für mehrfache Zwecke nützliches Werk. — Eines wichtigen Zwischenfalles müssen wir hier doch erwähnen. Im Kammin - Greiffenberg'schen Wahlkreise, wo bis jetzt unbedingt Conservative in den Reichstag gewählt wurden, hat in diesen Tagen ein Deutsch-Freisinniger mit mehr als 200 Stimmen Mehrheit gesiegt. Die Cartellparteien sind von dieser völlig ungeahnten Niederlage äußerst betroffen, und ihr Streit um die Ursache ist sehr charakteristisch. Die Nationalliberalen behaupten in ihren Organen, daß die retrograden Gesetze, die der Reichstag jüngst voürte, die Ursache seien, während die Kreuzzeitung behauptet, diese Gesetze seien nur halb und deshalb wäre die Landbevölkerung abgefallen! Bedeutend scheint uns nur, was die freiconservative Post darüber schreibt, da dies gegen die „Stöckerei und Muckerei" gerichtet ist. Sie sagt: „Man wird schwerlich mit der Annahme fehlgehen, daß die Ersatzwahl in Kammin - Greiffenberg die erste Wahlfrucht des seit dem Herbste wahrnehmbaren stärkeren Hervortretens der äußersten kirchlichen und politischen Rechten ist, wie sie namentlich in der „Kreuzzeitung" das Wort führt. Diese Annahme findet eine wesentliche Unterstützung in dem Umstande, daß gerade in Hinterpommern diese Verbindung extremer kirchlicher und politischer Tendenzen in besonderer Stärke und Reinheit besteht. Der politisch-kirchlichen Firma Hammerstein-Kleist-Retzow ist daher anscheinend der Wahlausfall in Kammin - Greiffenberg in erster Linie auf die Rechnung zu setzen.Zugleich aber tritt für die Reichs- und Staatsii