Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1888)
- Date
- 1888-03-15
- Page
- Seite 167 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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167 zu argen Verirrungen führen, wollte man Gott in derselben Weise und nur in noch höherem Maße lieben als Gatte und Gattin oder Freunde einander lieben". Ganz recht; aber es wundert uns doch, daß Steinthal etwas übersieht, was doch im menschlichen Herzen ein Analogon für die Liebe zu Gott bietet, nämlich die Liebe der Kinder zu den Eltern, die mit ihrer Innigkeit Ehrfurcht, Dankbarkeit und Gehorsam verbindet. Wir können allerdings deshalb die Liebe zu Gott als die Liebe der Kinder zu den Ettern in höherem und reinerem Maße ansehen. — Wir wollen hierbei nicht unterlassen, denjenigen jüdischen Rednern, welche Vorträge aus dem Gebiete des Judenthums halten, diesen Vortrag Steinthals wegen der religiösen Wärme und der Offenheit, mit der er diese zum Ausdruck bringt, als Vorbild zu empfehlen. Nicht aus bloßer geschichtlicher Darstellung und in der Auswahl irgend eines wichtigen Stückes unsrer Literatur, sondern in der religiösen Weihe, die darüber hingehaucht wird, besteht der Zweck und die rechte Wirkung solcher Vorträge. — Man schreibt aus Frankfurt a. M. vom2.März: „Gestern hielt Herr Stadtrabbin er t)r. Steckelmacher aus Mannheim im Mendelssohn-Verein einen mit'vielem Beifall aufgenommenen Vortrag über „Steinheim als Dichter und Religionsphilosoph". Steinheim, seines Berufes Arzt, der Freund Gabriel Riefser's, wirkte mit diesem gemeinsam für die Emancipation der Juden. Rieffer, der Mann der Thal, wurde angeregt und ergänzt durch Steinheim, den Mann des Gedankens, der eine geistige Emancipation der Juden nach innen anbahnte , indem er die Offenbarnngsidee zum Gegenstände philosophischen Nachdenkens machte und durch Klarlegung dieses Begriffes weiter anregte, diesen Grundgedanken des Judenthums philosophisch zu behandeln. In seinen Gedichten strebte er es an, das gesunkene geistige Selbstbewußtsein seiner Glaubensgenossen zu heben und sie mit Begeisterung für ihre Sendung in der Geschichte zu erfüllen." (Wir können nur unsere Befriedigung darüber aussprechen, daß Herr Steckelmacher die Aufmerksamkeit seines Zuhörerkreises auf Steinheim gerichtet hat. So verhältnißmäßig kurze Zeit seit der Wirksamkeit dieses Philosophen und Dichters verflossen ist, ist sein Gedächtniß in dem jetzigen Geschlecht verblaßt, und die gegenwärtigen Jünger der jüdischen Wissenschaft scheinen die religions-philosophischen Bestrebungen der dreißiger und vierziger Jahre vor ihren Forschungen über die Zeit vor Jahrhunderten vergessen zu haben. Allerdings hatten die philosophischen Arbeiten Steinheims sich ein unmögliches Ziel gesetzt: den Offenbarungsglauben auf den Standpunkt einer exacten Wissenschaft zu bringen. Jedenfalls aber hat er auf diesem Wege jenen vielfach vertieft, so daß es einem ernsten Forscher des Judenthums nicht zusteht, an ihm vorüberzugehen und sich mit dem oberflächlichen Rationalismus Anderer zu genügen. Das didactische Gedicht Steinheids „Sinai" ist werth, in jeder jüdischen Bibliothek gefunden und von der ernsteren Jugend gelesen zu werden. Redaction.) __ Groß-Kanisza, im Februar. Mit wahrer Befriedigung berichten wir heute von einer literarischen Erscheinung oder vielmehr einer Gelegenheitsschrift, die nicht nur wegen ihres innern Werthes, sondern ob der Opferwilligkeit einer wackeren jüdischen Gemeinde, der wir dieselbe zu verdanken haben, auch in dieser Zeitung gewürdigt zu werden verdient. Es ist dies die Geschichte der Szegediner Chewra-Kadischa (1787—1887) von Immannel Löw und Salomon Klein. Dieselbe Gemeinde, die sich erst vor zwei Jahren durch die Veröffentlichung ihrer Geschichte ein ehrendes Denkmal gesetzt, hat durch die Herausgabe dieser Schrift einen abermaligen Beweis ihres innigen Verständnisses für die Aufgaben einer gebildeten, zielbewußt vorwärts schreitenden religiösen Genossenschaft geliefert. Es ist schon oft betont worden, daß es die Pflicht der bedeutenderen altern jüdischen Gemeinden wäre, ihre Archive zu öffnen, um das in denselben unbenutzt liegende, oft äußerst werthvolle Material der Geschichtsforschung zugänglich zu machen. Man würde hierdurch nicht nur literarische Zwecke fördern und die Kenntniß unserer Vergangenheit mehren, sondern durch den Hinweis auf die Glaubensinnigkeil und den Opfermuth der Väter anregend und befruchtend, erweckend und begeisternd auch auf unser allzu nüchtern und kühl angelegtes Geschlecht wirken. Leider fehlt es noch in den meisten jüdischen Gemeinden unseres Vaterlandes an dem erforderlichen Berständniß für jedes über die Bedürfnisse des Tages hinausragende Streben und das neuerwachte Interesse an der jüdischen Literatur ist noch bei weitem nicht in dem Maße erstarkt, wie es in den letzten Jahrzehnten mit erschreckender Raschheit gesunken. Um so anerkennungswerther ist die Opferwilligkeit der Szegediner Gemeinde, die es sich zum Ziele gesetzt zu haben scheint, auf diesem Gebiete allen andern voranzuschreiten und als Muster zu dienen. Das splendid ausgestatlete, 123 Seiten starke Heft, enthält mehr als der Titel verspricht und besitzt auch einen literarischen Werth. Von S. 1t bis 18 handeln die Verfasser nämlich über den Ursprung der Chewra-Kadischa überhaupt, und wenn wir uns auch nicht allen ihren Ansichten anschließen können, so sind dieselben jedenfalls einer ernsten Berücksichtigung und tieferen Eingehens werth. „Gleichwie der Inden Sprache und Literatur eine nach Epochen und Ländern gestaltete Entwickelung ist, offenbart sich auch in dem jüdischen Leben und der jüdischen Sitte, neben dem Kampfe für Alterthum und Selbständigkeit, der Einfluß der Kulturstufen, welche die Nationen betreten haben; und das