Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1888)
- Date
- 1888-03-15
- Page
- Seite 166 (sequence 6)
- Language
- German
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166 Dieser erweiterten Tendenz entsprechend, führte der Verein fortan den Namen: „Studien- und Arbeitsbeförderungs- Verein für Israeliten in Bayern" und wurde durch Beschluß des kgl. Bezirksgerichts München l. I. vom 17. Februar 1879 auf Grund des Gesetzes vom 29. April 1869 „die privatrechtliche Stellung der Vereine betreffend, anerkannt. In den seit Anerkennung des Vereines verflossenen neun Jahren, über welche alljährlich ausgegebene gedruckte Berichte vorliegen, hat der Verein auf die Erfüllung der Vereinszwecke die stattliche Summe von rund fünf und zwanzig Tausend Mark verausgabt und nach der gewissenhaftesten Ueberzeugung des Unterzeichneten Verwaltungsausschusses viel Gutes und Nützliches geschaffen, die Entwickelung zahlreicher trefflicher Jünglinge nach Kräften gefördert. Doch ist der Verein, trotz des ihm von manchen Seiten geschenkten Wohlwollens noch immer nicht im Stande, alle an denselben gestellten berechtigten Ansprüchen in vollem Umfange zu genügen." Im Jahre 1887 vereinnahmte der Verein 4061 Mark, wovon 2700 Mark an Unterstützung für 42 Stipendiaten worunter 10 Handwerker, verausgabt wurden. Bonn, 11. März. Literarischer Wochenbericht. Herr Prof. Stein thal in Berlin hielt einen Vortrag, wenn wir nicht irren, zum Besten der Stipendienkasse für Hörer der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums — und zwar „über Demuth". Derselbe ist im Feuilleton der „Nationalzeitung" abgedruckt. Wir haben ihn mit großer Befriedigung gelesen, denn er ist durchweht von echt religiösem Geiste und hat sicher die Zuhörer ergriffen und das religiöse Bewußtsein in ihnen gestärkt. Wenn wir hier einige Bemerkungen geben, so wollen wir damit durchaus nicht den Werth des Bortrages schmälern. Allerdings beschränkt Steinthal den Begriff der Demuth auf desseu religiöse Bedemung, was wir uns, weil hierauf der ganze Bortrag sich gründet, gefallen lassen. Eine gründliche sprachliche Untersuchung würde allerdings eine Differenz ergeben, denn das Wort „Muth" hat in den zusammengesetzten Wörtern einen sehr verschieden gefärbten Sinn. Aber etwas im ganzen Aufbau des Vortrages fällt uns auf. Er sagt einleitend: „Der Ursprung des Wortes Demuth ist aus der religiösen Rede, aus dem Begriffskreise des Christenthums erwachsen". Weiterhin: „Im Christenthum ist die Demuth von hervorragender, ganz charakteristischer Wichtigkeit". Ferner: „Man könnte zweifeln, ob die Demuth, wie wir sie verstehen, dem Hebräer aufgegangen war." Und was folgt nun? Der Redner führt eine lange Reihe von Bibelstellen an, und zwar aus allen Theilen unserer heiligen Schrift, in welchen der Begriff der Demuth so klar, so psychologisch richtig, so tief empfunden hervorgeht, daß in der That Niemand wird zweifeln können, daß der Begriff der Demuth nicht allein „dem Hebräer ausgegangen" ist, sondern ein Grundzug seiner religiösen Anschauung geworden und zum prägnanten Ausdruck gekommen ist. Nun, es war unverkennbar der Zweck Steinthals, dieses zu erweisen und es als ein Voruriheil zu kennzeichnen, wenn die Demuth bloß dem Christenthume zugeschrieben wird, während sie ein integrirendes Element der israelitischen Religion ausmacht und dies in allen unsren religiösen Schriften ausgesprochen ist. Dies hätte aber der Redner klarer und bestimmter ausdrücken müssen, und ein bloßes „indessen" genügte nicht, um es Hörern und Lesern erkennbar zu machen. Es versteht sich, daß Steinthal in diesem Vortrage bei Weitem nicht alle Stellen der heiligen Schrift, welche die Demuth besprochen, anführen konnte. So z. B. hätten wir die grundlegenden Worte Micha's (6, 8) angeführt gewünscht: „Verkündet hat er dir, o Mensch, was gut und was der Ewige von dir fordert: nur Recht zu üben und Huld zu lieben und demüthig zu wandeln mit deinem Gott". Hier haben wir das ganze System der Sittlichkeit nach israelitischem Geiste: Recht, Liebe und Demuth, nicht vereinzelt, sondern in ihrer innigsten, psychologisch richtigen Verbindung. Eine solche mit Recht und Liebe innig verschmolzene Demuth kann nicht zu Hockmuth und nicht zur Heuchelei werden. Wie sehr die Demuth im Geiste unsrer heiligen Schrift wurzelt, wird auch dadurch klar, daß ihr mehrere Worte zum Ausdruck dienen, natürlich mit einiger Nuaucirung, so z. B. y;* Micha 6, 8. 22b -ndj Ps. 109, 16. itp. bm Spr. 29, 23, wobei wir nicht unterlassen, darauf aufmerksam zu machen, daß die Demuth sowohl mit 22b dem Herzen, als mit nn dem Verstände in Verbindung gesetzt ist. Aus der jüdischen nachbiblischen Literatur citirt Steinthal nur eine Stelle, den bekannten Spruch 'ei i:”n no hd, den er aus der Schem.Esre zuNella anführt. Jndeß wird derselbe in jedem Morgengebete gesprochen D'izbyn bj fiin, und zwar noch viel charakteristischer, indem der Satz mit Daniel 9, 18 anfängt: Herr aller Welten, „nicht auf unsre Gerechtigkeit hin legen wir unser Flehen vor dir nieder, sondern auf deine große Barmherzigkeit hin; was sind wir? was unser Leben? was unsre Güte, was > unsre Gerechtigkeit, was unsre Hilfe, was unsre Kraft, was unsre Stärke, was sollen wir sprechen vor dir u. s. w." Jndeß erkennen wir mit Vergnügen an, daß Steinthal die von ihm angeführten Schriftstellen in vorzüglicher Weise interpretirt. Nur eine Bemerkung wollen wir noch hinzufügen. Er sagt: „Sowohl die Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen, als die Liebe des Menschen zu Gott ist ganz anderer Art, als die Liebe unter Menschen. Es könnte nur