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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-03-15 · Heft 11 (15.3.1888) · p. Seite 162

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 11 (15.3.1888)
Date
1888-03-15
Page
Seite 162 (sequence 2)
Language
German
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162 und seinen Namen darüber nennen läßt. Diese Häufigkeit des Betens wird übrigens auch anderweitig bestätigt, denn schon Jesaias (1, 15) ruft den Israeliten zu: „So ihr ausbreitet eure Hände, verhülle ich meine Augen vor euch; so ihr mehret Gebet, ich höre nicht", da Unrecht und Gewaltthat damit verbunden sind, und Kohelet (5, 1) warnt vor leichtsinnigem und wortreichem Gebete, da mit solchem Andacht und Herzensinnigkeit nicht vereinbar ist. — Aber dieses völlige Jgnoriren des Opfercultus und der Priesterschaft hat doch einen tieferen Inhalt. Der Grundzug des ganzen Gebetes ist ein sehr ernster oder vielmehr trüber. Es ist darin von keiner Freude, von keinem Jubel und Aufjauchzen, ja nicht einmal von Dankgebeten die Rede: es wird lediglich um Rettung von allgemeinen oder einzelnen Plagen und Unglücksfällen und aus Versündigung des Volkes oder der Einzelnen gebetet und daß Gott diejenigen erhöre, welche in solchem Bedrängniß zu ihm in diesem Tempel beten und um Vergebung der Sünde, wenn diese aufrichtig bereut und um ihre Verzeihung gebetet wird. Dann möge Gott den reuigen Beter erhören und ihm verzeihen. Dies geht durch das ganze Gebet. Da leuchtet denn aufs Unzweideutigste die Lehre hervor, daß eine Mittlerschaft, eine Vermittelung zwischen Gott und den Menschen nicht stattfindet, daß namentlich ein bestimmter Opferakt zur Versöhnung Gottes, zur Vergebung der Schuld nicht erforderlich ist, daß vielmehr Gott unmittelbar zum Menschen stehe, und aufrichtige Reue und inniges Gebet des einzelnen Sünders oder des ganzen sündhaften Volkes genügen, um von der Barmherzigkeit Gottes Befreiung von der Sündhaftigkeit und Rettung in der Noth zu erlangen. Auf diese Lehre, wie sie also im alten Israel schon gewissermaßen offiziell ausgesprochen ward und verbreitet war, haben wir großes Gewicht zu legen. Was spätere Neligionssysteme für ihre Dogmen aus dem mosaischen Opfercultus und Priesterthum herleiteten, ist damit gänzlich abgeschnitten. Nicht einmal die Meinung der Talmudisten, welche nach dem Aufhören des Opfercultus die vorschriftsmäßigen Gebete an die Stelle der Opfer getreten glaubten, ist dadurch bestätigt. Im Verhältniß des Menschen, auch des Israeliten, zu Gott, ist die aufrichtige Reue und das mit ihr naturgemäß verbundene innige Gebet des Herzens das alleinige Erforderniß für die Sündenvergebung. Es ist dies ein Kernpunkt der israelitischen Religionslehre und besonders des nachbiblischen Judenthums. Hieraus erhellt die Wichtigkeit des von uns behandelten Gebetes. Gehen wir nun auf dasselbe näher ein. Wir übergehen den ersten Theil des Gebetes, der subjektiv sich mit der Verheißung an David und der Erfüllung unter Salomo beschäftigt. Das eigentliche Gebet beginnt mit V. 22 und stellt die Einigkeit Gottes voran und wie Gott denen, die vor ihm wandeln, Heil angedeihen läßt. V. 27 heißt es dann: „Zwar in Wahrheit sollte Gott wohnen auf der Erde? Siehe, die Himmel und der Himmel Himmel umfassen dich nicht, wie viel weniger dieses Haus, das ich erbauet habe!" Der Beter will sich über die Bedeutung des Gotteshauses klar machen. Es ist ihm nicht eine besondere Wohnstätte Gottes, sondern eben nur ein Heiligthum für den Menschen, in welches dieser, aus dem weltlichen Leben sich lösend, hineintritt, um sich mit ganzer Seele an der hierzu geweihten Stätte seinen religiösen Empfindungen hinzugeben. Darum heißt es sofort weiter: „Doch wirst du dich wenden zum Gebet deines Knechtes und zu seinem Flehen, Ewiger, mein Gott, indem du hörest auf das Flehen und das Gebet, das dein Knecht vor dir betet." Und weiter: „So höre auf das Flehen deines Knechtes und deines Volkes Israel, welches sie beten werden an diesem Ort, höre du es an dem Orte deiner Wohnung, im Himmel, höre es und vergieb". Also nicht eine Wohnstätte Gottes, sondern eine geheiligte Betstätte für den Menschen. Nirgends in der Schrift ist die Allgegenwart und die Ueberweltlichkeit Gottes, daß das unermeßliche Universum, die ganze sinnliche Welt, in welcher Gott doch allgegenwärtig, Gott nicht faßt, so klar und scharf ausgedrückt als in den Anfangsworten dieser Sätze. Sie übertreffen hierin das poetisch gehaltene Wort des Propheten (Jesaias 36, 1), der dasselbe besagt: „Der Himmel ist mein Thron und die Erde meiner Füße Schemel. Wo ist da ein Haus, das ihr mir bauen möget, und wo da ein Ort meiner Ruhestatt? Dies Alles hat ja meine Hand geschaffen, daß all dies ward, spricht der Ewige: und auf den schaue ich, auf den Armen und Geistesgebeugten und der vor meinem Wort sich fürchtet" — worauf weiter die Verwerfung der Opfer ohne Gerechtigkeit und Liebe. Wer erkennt nicht an beiden Stellen die Besorgniß, den Gottesbegriff durch die Meinung von einem Gottessitze in einem Menschenwerk beschränkt, und den religiös-sittlichen Lebenswandel durch Opfer und Priesterschaft gefährdet zu sehen? Und man erwäge wohl, diese Lehre wird als bei der Einweihung des Tempels und vor der Rückkehr nach Jerusalem zur Erbauung des Tempels ausgesprochen gedacht. Wie immer nun in der Schrift, so auch hier folgt auf die Aufstellung eines metaphysischen Begriffes die populäre Vorstellung. Im Verlaufe ist daher wiederholt von der „Wohnung Gottes, dem Himmel," die Rede, aber stets mit der bestimmten Unterscheidung: der Beter betet im Tempel, Gott hört und erhört im Himmel. — — Wie es der Situation angemessen, betet der König zuerst, „daß die Augen Gottes offen seien über dies Haus, Tag und Nacht, über den Ort, von dem du gesprochen: mein Name soll daselbst sein". Indem er dann auf die einzelnen Lagen, in welchen der Mensch sich betend an Gott wendet, eingeht, ist es eigenthümlich, daß er voranstellt (B. 31): „Wenn Jemand sün-

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