Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1888)
- Date
- 1888-03-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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•jUW+VHl-ßr,- 1 Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Ein nnpartmschcs Organ siir alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch denBuchhandel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Wlippson in Bonn. GXpeöition: Leipzig, Woßplrrh 17. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 52. Jahrgang. Leipzig, den 15. März 1888. Nr. 11. Iökalt. Leitende Artikel: Das Tempelweihegebet. — Wohllhätige Werke. I. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Leipzig, Königsberg i. Pr., Görlitz, Gießen. — Oesterrr eich -Ungarn: Wien. — Rumänien: Bukarest. — Amerika: Washington. — Marokko: Madrid, Tanger. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Ein Modell des Tempels. — Was aus Mortara geworden ist. Zeitcnbe 01 zti&ef. Bonn, den 11. März. Das Tempelweihegebet. Aus den Schätzen des Alterthums einen Edelstein her auszusuchen, den Staub, den die Zeit darauf legt, abzuwischen und ihn von Neuem im Hellen Lichte des Tages erglänzen zu lassen, ist eine edle und dankbare Thätigkeit. Solche Kleinodien sind nicht allzu häufig, werden nur selten unter günstigen Umständen hervorgebracht. Nun, auch unsre Zeit schafft manchen Demant des Geistes, und es wird der Beruf zukünftiger Geschlechter sein, auch unsrer Zeit gerecht zu werden und ihr den Dienst zu leisten, den wir an der Vergangenheit geübt. Als ein beredtes Zeugniß des lauteren religiösen Geistes, der sich im israelitischen Alterthume entwickelt hatte, ist das Gebet anerkannt, welches nach dem achten Kapitel des ersten Buches der Könige Salomo am Altar des vollendeten Tempels vor dem versammelten Volke gehalten. Es ist um so bemerkenswerther, als es sehr geraume Zeiten vor dem Entstehen jener beiden Töchterreligionen abgefaßt ward, welche so gern den Ruhm höherer' religiösen Vorstellungen sich zuschreiben, ohne diesen immer zu genügen. Allerdings haben Kritiker Zweifel darüber erhoben, ob Salomo wirklich bei der gedachten Gelegenheit diese Worte gesprochen, und haben einigen Anhalt in der Fassung des Gebetes, namentlich in der Schilderung, wie das Volk Israel gefangen in ein fremdes Land geführt daselbst zu Gott zurückkehrt und in seiner Reue nach seinem Lande zurückgeführt wird. Ohne in die Erörterung über diese Frage näher einzugeheu, ist es doch gewiß, daß der Verfasser der Bücher der Könige, um dieses Gebet seinem Berichte einzuverleiben, es vor sich haben mußte, und zwar mit der alten Tradition, daß es von Salomo selbst herrühre. Es ist also ein altes Produkt, und unsre Leser werden es uns nicht verargen, wenn wir es hier nach seinem Inhalte zu beleuchten versuchen, um abermals den Beweis zu erbringen, wie aufgeklärt und wahrhaft human der Geist schon im alten Israel gewesen. —*) Vor allem bemerken wir, was negativ diesem Gebete eigen ist, nämlich daß in demselben weder von Priestern, noch von Opfern auch nur der geringste Anklang vorkommt. Es ist nur von Gebet die Rede, und zwar mit Bezug auf alle Lagen des Volkes und der Individuen. Es wird in diesem Tempel gebetet werden, und die Bitte geht nun dahin, daß Gott alle diese Gebete erhöre. Jndeß findet sich auch keine Andeutung, daß ein geordneter Gebetcultus mit bestimmten vorgeschriebenen Gebeten im Tempel abgehalten wird: es betet die Gesammtheit oder der Einzelne aus dem Drange des Herzens je nach dem, was sie ängstigt und bedrückt. Dahingegen wird dem Tempel nach den Aussprüchen in der Thora zugeschrieben, daß Gott ihn erwählt *) Bei den 18 Synagogenweihen, welche Schreiber dieses vollzogen , hat er als einen Theil der Weiheceremonie vor der geöffneten h. Lade dieses Gebet Salomos hebräisch und deutsch recitirt, selbstverständlich mit Auslassung der Stellen und Worte, die eine besondere Beziehung für unsre Zeit nicht mehr haben. Er that dies theils um diesem Akte ein positives Moment mehr zu geben, theils um die geschichtliche Kette zwischen Synagoge und Tempel bewußt zu halten. Es machte stets einen guten Eindruck, aber, so viel wir wissen, fanden wir keine Nachfolge darin. 11