Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1888)
- Date
- 1888-03-08
- Page
- Seite 155 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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155 selben, Moritz Pollak und Adolf Stern, aufzuwiegeln. Dem Ministerium des Innern wurde ein entsprechender Bericht unterbreitet, und die Nachforschungen nach dem Verbreiter jenes Gerüchtes sind noch keineswegs abgeschlossen, obgleich sie bisher ein positives Resultat nicht ergeben haben. Pest, 26. Febr. (Privatmitth.) Die Repräsentanz der hiesigen israelitischen Religionsgemeinde hielt heute unter dem Vorsitze des Präsidenten Moritz Wahrmann ihre Generalversammlung ab. Anknüpfend an jenen Punkt des Jahresberichtes, welcher von dem Unterrichtswesen handelt, hielt der Reichstagsabgeordnete Alexander Ullmann eine längere Rede. Er beschäftigt sich eingehend mit dem Jahresberichte des Vorstandes und beantragt, indem er die Verdienste des Präsidenten Moritz Wahrmann in schmeichelhaften Worten hervorhebt, die Zuerkenntniß des Berichtes. Redner glaubt aber, daß die israel. Gemeinde von Budapest auch die Aufgabe hätte, sich mit Fragen, welche das ganze Judenthum des Landes nahe berühren, zu beschäftigen. Als solche bezeichnet er die Fragen der Errichtung eines Gymnasiums und die Organisation der jüdischen Confession. Die Errichtung eines Gymnasiums sei nicht nur eine moralische, sondern auch eine culturelle Pflicht. Redner weist auf die neuesten officiellen Ausweise des Cultusministeriums hin nnd beantragt die Bildung eines Gymnasialfonds, dem alljährlich aus Gemeinde- Mitteln ein Beitrag, sowie die freiwilligen Spenden insolange zuzuweisen wären, bis derselbe zur suecessiven Errichtung des Gymnasiums hinreichen würde. Redner bespricht sodann die Organisationsfrage und verhehlt sich keineswegs die Schwierigkeiten der Lösung derselben. Allein das sei kein Grund, um absolut nichts zu thun. Die Pester Gemeinde, als reichste und größte des Landes, hätte schon vermöge ihrer Tradition die Pflicht, sich an die Spitze der Bewegung zu stellen, deren Endziel die Organisation der Gemeinden, die Autonomie und Reception wäre. Ohne diese bleibe die Gleichstellung der Israeliten auf dem Papier. Redner unterläßt es, einen concreten Antrag zu stellen und überläßt es dem Gemeindevorstande, die ihm geeignet erscheinenden Mittel zu ergreifen. Zum Schluffe apostrophirt Redner den Vorstand und weist aus die großen Verdienste hin, die sich die Pester Gemeinde in diesem Jahrhundert um die Rechte der Juden erworben hat. — Die Rede Ullmann's wurde mit großer Aufmerksamkeit angehört. Diese Rede gab zu einer längeren Debatte Anlaß. — Präsident Moritz Wahrmann will nicht anerkennen, daß irgend eine Confession die moralische Pflicht habe, Mittelschulen zu errichten. Dies sei nur eine Pflicht des Staates und die Juden nehmen an den öffentlichen Lasten ebenso Theil, wie die Anhänger jeder anderen Confession. Wird eine gesellschaftliche Action in dieser Richtung angebahnt werden, dann wird die Pester Gemeinde dieselbe sicherlich mit ihrem ganzen moralischen und materiellen Gewichte unterstützen. — Paul Tencer verweist auf den großen Unterschied zwischen den Protestanten und Juden. Während erstere eine einheitliche Confession bilden, ist die Judenheit in zwei Lager gespalten. Wenn von der Organisation der Judenheit die Rede ist, kann somit immer nur ein Theil derselben in Betracht kommen. Die erste Aufgabe wäre daher, die einheitliche Organisation durchzuführen und erst dann könnten die von vr. Ullmaun vertretenen Principien zur Geltung gelangen. Redner beantragt übrigens, den Vorstandsbericht zur Kenntniß zu nehmen. Professor Moritz Karman spricht sich entschieden für die Errichtung eines jüdischen Gymnasiums aus. In Ungarn ist Alles confessionell und jede Confession besitzt jene Bedeutung, die sie sich durch ihre Wirksamkeit erringt. Es ist dies eine nationale, durch die Tradition sanctionirte Eigenthümlichkeit, mit welcher man rechnen muß; man möge daher die leeren Theorien fallen lassen und sich auf das Gebiet der Praxis begeben; was die Organisation der Judenheit anbelangt, sieht er die Nothwendigkeit einer, die gesammte Judenheit umfassenden Organisation nicht ein; es genügt vorderhand, wenn sich eine Anzahl Gemeinden zum gemeinschaftlichen Zwecke zusammenschließt. Ernst Mezei beantragt, in Angelegenheit der Organisation eine Petition an die Regierung und den Reichstag zu richten, da in erster Linie die Reception der Juden durchzuführen ist, da nur diese die Gleichberechtigung der Juden vollendet. Die Generalversammlung faßte über die vorgelegten Anträge keine meritorischen Beschlüsse. Der Jahresbericht wurde zur Kenntniß genommen. Weiter wurde beschlossen, dem Knaben-Waisenhause ein neues Stockwerk aufzusetzen. — Die Herren Dr. Anton Neumann und Berthold Herzmann wurden in den Ausschuß gewählt. Linz, 21. Februar. Nachdem der Deutsche Club, der Vereinigungspunkt der hiesigen Antisemiten, im totalen Niedergangeist, versuchten die Antisemiten gestern die Gründung eines anderen politischen Vereins. Bon vielen hundert zur coustituirenden Versammlung Geladenen waren nur sehr wenige, meist jugendliche Antisemiten und einige kleine Gewerbetreibende erschienen. Durm-Szerdahelh, den 22. Februar. (Privatmitth.) Die in den nächsten Tagen stattfindende Abgeordnetenwahl beschäftigt alle Kreise. Bis jetzt sind drei Kandidaten zu verzeichnen, die sämmtlich der liberalen Partei angehören: Graf Stefan Keglevich, Aurel Bartal und Ludwig Krauß, unser Glaubensgenosse. Die Weiber, welche für den früheren antisemitischen Kandidaten Ludwig Szabo noch immer fanatisirt sind, machen für den Grafen Keglevich, in dessen Interesse io*