Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1888)
- Date
- 1888-03-08
- Page
- Seite 154 (sequence 10)
- Language
- German
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154 die schwächliche Opposition, welche die „NationalzeiLung" gegen ihn erhebt, nicht auf. Stöcker ruft den Nationalliberalen zu: „Der Mohr hat seine Schuldigkeit gethan, der Mohr kann gehen!" Die Nationalliberalen haben ihn in Siegen gewählt, die Führer derselben haben den Stöcker'schen Aufruf unterschrieben, nun ruft ihnen ihr Schützling zu: entweder — oder, entweder ganz, oder garnicht, euren Passe- Port habe ich in der Tasche! Er hält sich für „den Mann der Zukunft", und es giebt bereits recht Biele, die ihn auch dafür halten und ihr Betragen danach einrichten. Jndeß hierin kann er sich doch irren, denn es giebt zu Viele, welche im gegebenen Falle einen Theil der Erbschaft antreten wollen und die den allzu einseitigen Stöcker bei Seite schieben werden." Die Versammlung bestand aus ungefähr 1500 Personen, zwei Drittel etwa „deutsche Studenten". Stöcker dekretirte für Heine „ein Denkmal aus Koth" und entwickelte ästhetische Urtheile ungeheuerlichster Art. Was ist aber gegenwärtig in Deutschland Derartiges nicht möglich? Die Studenten jubelten ihm zu, und nur wenige Anwesende verließen den Saal vor dem Beschluß über die Resolution. Jedenfalls wird die Sache noch eine weitere Entwickelung haben.*) — Bei dieser Gelegenheit muß ich doch noch eines kleinen Vorganges erwähnen, der in diesem Blatte noch unbesprochen blieb und doch einen gewissen symptomatischen Charakter hat. Man wird sich erinnern, daß man den Präsidenten des Reichstages, Herrn von Wedell-Piesdorf, einer gewissen Parteilichkeit zu Gunsten Stöckers in der Verhaus lung über die Verlängerung der Legislaturperiode zieh. Anders geschah es in der Sitzung vom 21. Februar, wo bei Gelegenheit der Tabaksproduktion Böckel eine antisemitische Rede beabsichtigte, um seiner stets von Judenhaß angeschwollenen Leber einen Erguß zu verschaffen. Der Präsident verwies ihm jede Abschweifung nach dieser Seite, und da Böckel immer wieder darauf zurückkam, bedrohte er ihn mit der Entziehung des Wortes. Allerdings steht Böckel nicht auf der konservativen Seite. Gera, 22. Februar. Der „Franks. Zeitung" schreibt man: Massenhaft werden jetzt von Leipzig aus wieder antisemitische Flugblätter verbreitet, welche die nackteste Aufhetzung gegen unsere israelitischen Mitbürger predigen. Da derartige Machwerke selten in die Hände der Redactionen größerer Blätter kommen, so lege ich das jüngst vertheilte 10. „Saison-Flugblatt", wie es sich nennt, bei. Sie werden daraus am besten erkennen, in welcher Sprache die Freunde und Genossen Stöcker's, dessen Stadtmission auch die Herren v. Bennigsen und Miauet unterstützen, zum deutschen Volke *) Eine ausgezeichnete drastische Schilderung der gedachten Versammlung, besonders der Rede Stöckers und der vollendeten Schauspielerkunst desselben, findet sich im Feuilleton der „Franks. Ztg.", Abendbl. vom 27. Februar. sprechen — im Jahrhundert der Humanität! Uebrigens kann ich constatiren, daß diese Hetzblätter Erfolg bei der großen Masse des Publikums, auf welches sie berechnet sind, nicht haben. Oesterreich -Ungarn. Pest, 15. Februar. Die Bewilligung zur nachträglichen Jmmatrikulirung von Geburts-, Trauungs- und Sterbefällen, deren Anmeldung und Eintragung seiner Zeit unterlassen wurde, mußte bis jetzt im Wege der competenten Behörden beim Cultusministcrium angesucht werden und die Ministerial- Verordnung, nach welcher Brautleute, deren Geburtsdaten nicht immatrikulirt sind, ohne ministerielle Bewilligung nicht getraut werden dürfen, verursachte große Unannehmlichkeiten. Nun hat der Cultus- und Unterrichtsminister das Gesuch des Rabbiners Horowitz, welcher diesbezüglich im Einvernehmen mit den Rabbinen Löw und Diossi Vorstellungen gemacht, berücksichtigt und verordnet, daß es künftighin zur Machtsphäre des Verwaltungs-Ausschusses gehören soll, in Sachen der nachträglichen Jmmatrikulirung zu bestimmen und nur im Recursfalle sollen die diesbezüglichen Acten dem Cultus- Ministerium unterbreitet werden. Pest, 22. Februar. (Privatmitth.) In der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses debntirte ein würdiger Antisemitenpriester mit einem Ausfall gegen die Juden. Unter dem Borwande, die Linderung des angeblichen Nothstandes in der Obern Schutt zu erwirken, gab er eine Menge abstruses, aus verschiedenen antisemitischen Pasquillen geschöpftes Zeug zum Besten und machte dem Minister-Präsidenten den Vorwurf, daß in Oesterreich Fürsten, Grafen, Barone und hohe Geistliche dem Antisemitismus Lobhymnen singen, es der ungarische Minister-Präsident an der Zeit findet, eine Jüdin hoffähig zu machen. Präsident (läutet): Ich ersuche den Herrn Abgeordneten, bei seinem Gegenstände zu bleiben. (Zustimmung.) Johann Kudlich will nicht untersuchen, ob jene Jüdin wirklich hoffähig sei. . . Präsident (läutet): Ich habe den Herrn Abgeordneten schon einmal ersucht, bei der Sache zu bleiben. (Allgemeine lebhafte Zustimmung.) Der Interpellant kehrt nun zu den „Wunden des Volkes" zurück und erklärt schließlich, daß er sich einige derselben für ein anderes Mal aufspare. In der nicht weit von der Hauptstadt entfernten Gemeinde Haraßti wurde ans Anlaß der nahenden Osterfeiertage von Seiten gewissenloser Hetzer das blöde Ammenmärchen von Menschenopfern wieder aufgefrischt. Die Gensdarmerie eruirte alsbald, daß die Geschichte nur zu dem Zwecke erfunden worden sei, um die leichtgläubige Menge gegen die in Haraßti wohnhaften Juden, insbesondere gegen zwei der-