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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-03-08 · Heft 10 (8.3.1888) · p. Seite 153

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 10 (8.3.1888)
Date
1888-03-08
Page
Seite 153 (sequence 9)
Language
German
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155 Mühe gehabt, wenn er sich das Judenthum hätte idealisiren wollen, und er that jenes doch wohl nur, um nachträglich jenen Uebertritt zu rechtfertigen. — Ganz direct schadeten aber jene beiden Männer dem Judenthume durch eine Reihe von Aussprüchen, mit denen sie dasselbe beschimpften, Schlagwörter, welche lange Zeit eine üble Wirkung thaten. An sich Gegner des orthodoxen Judenthums, sahen sie nichts unlieber, als daß das Judenthum sich klärte, den alten Rost abrieb und seinen Lehrinhalt in neues, Helles Licht stellte. Börne hatte nichts als die alte Frankfurter Judengasse vor sich, und Heine spottete über das orthodoxe Judenthum und schnitt dem reformirreu Grimassen, z. B. dem Hamburger Tempel und seinen Predigern. Von einer wissenschaftlichen Auffassung war bei beiden keine Ahnung. — Endlich brachte es uns nicht wenig Nachtheil, daß die Vorzüge derselben Neid und Eifersucht weckten, ihre nachtheiligen Seiten aber immer auf ihre jüdische Abstammung verwiesen wurden. Die meisten derer, die ihnen hold waren, sprachen ihnen Verdienste zu, „obschon" und ihre zahlreichen Gegner schimpften auf sie, „weil" sie Juden seien. Es ist dies einmal unser Verhängniß. Zeichnen sich Juden aus, so ist man ärgerlich darüber und schlägt auf alle Juden los. Ihre Fehler aber veranlassen nur um so mehr, diese allen Juden zuzuschreiben. Die als Menschen harmlosen und würdigen Meyerbeer, Felix Mendelssohn, Ferdinand David und Ferdinand Hiller regten wegen ihrer musikalischen Verdienste den Haß Richard Wagner's und Franz Lizst's an und diese ergossen deshalb die heftigsten Schmähungen auf alle Juden. Börne und Heine nun gaben zahllosen Gegnern geeignete Veranlassung, gegen sie loszugehen; sie thaten es aber stets gegen alle Juden. Der Jude war ihnen in jenen beiden Autoren der Nagel, an den sie ihre Jnvectiven hingen, und dieser Jude war ihnen nun Typus für den ganzen Stamm. So wurden jene zwei Männer, die sich vom Judenthum losgesagt und die selbst Spottreden gegen die Juden geschmiedet, doch nur wieder benutzt, um Feindseligkeiten gegen uns Juden auszuführen. Es war deshalb um so weniger zu verwundern, daß wir Juden von Börne wie von Heine als zu uns gehörig nichts wissen wollten. Sie hatten uns aufgegeben, warum sollten wir sie nicht aufgebeu? Dies hatte mit anderweitiger Würdigung derselben gar nichts zu schaffen. — Was nun die vorliegende Biographie Börne's betrifft, so ist sie recht gründlich „nach den Quellen dargesteüt." Aber die Sprache, in der sie geschrieben, ist durchaus nicht lobenswerth. Schon wer die erste Seite liest, die verzwickte Satzbildung und die zahllosen Fremdwörter, muß meinen, daß Börne im Grabe sich umdrehen müsse, wenn er sie lesen sollte. Deutschland. Berlin, 27. Febr. (Privatmitth.) Wenn man die Anstrengungen sieht, mit welcher Stöcker Tag für Tag hervorj zutreten und sich an die Spitze der conservativen Partei, wenigstens ihres äußersten Flügels, aufzuschwingen sucht: so überkommt einem die Besorgniß, daß hier eine neue Aufführung des Wöllner'schen Regiments geplant wird. Unterrichtend hierüber sind die betr. Kapitel in der „Geschichte des Preußischen Staatswesens vom Tode Friedrichs des Großen bis zu den Freiheitskriegen" von Martin Philippson (Leipzig, Veit 1880), im ersten Bande über das Emporkommen, im zweiten Bande über die Ziele und Mittel Wöllners, sowie über das Geschick derer, die ihm zu oppvniren wagten. Wöllner war der Sohn eines Landpfarrers bei Spandau, ein Günstling der Herren von Jtzenplitz, bei denen er Hofmeister gewesen und die ihn zum Prediger in ihrem Patronatsdorfe gemacht. Mit geringen theologischen Kenntnissen verband er eine wortreiche Suade, ohne korrekt zu sprechen und zu schreiben. Wurzel faßte sein Regiment nicht, und dasselbe fiel mit dem Tode des Herrschers in den Staub. Allerdings sind die Verhältnisse und Bedingungen in unserer Zeit andere, zuletzt kommt aber doch Alles auf die Macht an, und selbst der Kampf mit einer Stöcker'schen Richtung bringt traurige Wirkungen mit sich. — Das eben erschienene Gemeindelexikon für den preußischen Staat giebt nach der Zählung vom 1. Dez. 1885 unter der Bevölkerung von Berlin von 1,315,278 an: 33,242 Juden männlichen Geschlechts und 31,141 weiblichen Geschlechts, zusammen 61,383. Diese Zahl trifft aber jetzt nicht mehr ganz zu, da die Bevölkerung Berlins in diesem Augenblick auf 1,417,504 Personen gestiegen ist. Berlin, 28. Februar. (Privatmitth.) Stöcker hat offenbar mit seiner Versammlung und Rede gegen die Errichtung des Heine-Denkmals von seinem Standpunkte aus einen meisterhaften Streich gespielt. Man kann es sich ja nicht verhehlen, daß Heine im deutschen Publikum eine große Partei gegen sich hat. Daß nun Stöcker gewissermaßen den Muth hatte, dieser Antipathie zum Organ zu dienen, schaart die Partei nur um so mehr um ihn. Dagegen kommt 10

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