Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1888)
- Date
- 1888-03-08
- Page
- Seite 152 (sequence 8)
- Language
- German
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152 er findet es im deutschen Charakter der Studenten begründet, daß sie das deutsche Lied nicht von mauschelnden Studenten mitsingen lassen wollen; viel hat er übrigens zur Erheiterung des Hauses beigetragen, als er auf den Namen Shakespeare sich nicht besinnen konnte. Auch hier hat Schönerer wacker secundirt, indem er auf die rhetorische Frage Türks, wem der Unterrichtsminister wohl angehöre, da die Deutschen von ihm nichts wissen wollen und die Czechen ihn als ihren Feind betrachten, die Antwort gab: „Er bleibt allein der Judenpresse". Man sieht, der Vater der Urenkel Schmul Löb Kohns ist unverbesserlich. Für die nächste Zeit wird es wohl noch bei mancherlei Anlässen zu antisemitischen Debatten kommen. Zunächst wird die Wahl des Abgeordneten Auspitz, über die der Legitimationsausschuß demnächst Bericht erstatten wird, eine willkommene Gelegenheit gewähren. Schon deshalb, weil Auspitz Jude ist, dann auch, weil er in einem gemischt-sprachigen Bezirke gewählt wurde, und endlich deshalb, weil in diesem Bezirke einige jüdische Gemeinden sind, die noch immer als politische Communen bestehen, denen man, wenn auch ungerechtfertigter Weise, einen großen Einfluß auf den Ausfall der Wahl zutraut. Ein weiterer Anlaß liegt in dem Berichte des Petitionsausschusses über die seiner Zeit von Schönerer überreichte Petition gegen die Zulassung eiuwandernder russischer Juden in das österreichische Staatsgebiet. Im Ausschüsse selbst stellte der Berichterstatter den Antrag, diese Petition der Regierung mit der Bitte abzutreten, den ausländischen Juden gegenüber die Gesetze anzuwenden. Rur mit einer Stimme Majorität wurde der Gegenantrag Winterhallers angenommen, den einfachen Uebergang zur Tagesordnung zu beantragen. Winterhaller hat als Referent in Schulangelegenheiten bei der mährischen Statthalterei, sowie als Bürgermeister von Brünn sich stets nur von liberalen Grundsätzen in feiner Amtsführung leiten lassen, und gehört zu den wenigen Politikern, welche ihren Liberalismus nicht der veränderten Zeit zum Opfer gebracht haben. Zu gewärtigen steht aber immer noch, daß diese Angelegenheit im Plenum des Abgeordnetenhauses eine unerfreuliche Debatte Hervorrufen wird. Wir müssen ruhig zusehen und abwarten, daß die göttliche Weltordnung den Grundgedanken der jüdischen Geschichte, aus den Feindseligkeiten uns zum Genuß des Rechtes zu führen, wie noch immer, so auch jetzt zum Durchbruch bringen wird, nach den Worten des Psalmes: Der Herr ist gerecht, er hat durchhauen die Fessel der Böswilligen. (Psalm 129, 4.) Bonn, 28. Febr. Literarischer Wochenbericht. Wir waren jüngst veranlaßt, einer trefflichen Arbeit über Heinrich Heine von vr. Gustav Karpeles anerkennend zu erwähnen, und jetzt liegt uns vor: „Ludwig Börne. Sein Leben und sein Wirken nach den Quellen dargestellt yon Dr. phil. Michael Holzmann. (Berlin, Oppenheim 1888)." Es ist dieses Zusammentreffen wohl kein zufälliges, sondern vielmehr ein Ausfluß der Erscheinung, daß die beiden genannten Schriftsteller wieder einmal lebhaft in die Erinnerung der Gegenwart gekommen sind. Dafür zeugt auch der Plan, Heine in Düsseldorf ein Denkmal zu errichten, der bereits Wolken von Staub aufgewirbelt. Heine und Börne! Es ist nicht unsere Aufgabe, die Verdienste des Ersteren als Dichter, des Anderen als ausgezeichneten Feuilletonisten zu würdigen, oder auch nur ihre Cultur- und literarhistorische Bedeutung zu erörtern. Uns ist es augenblicklich geradezu uahe gelegt, der beiden unter einander feindlichen Dioskuren Verhältniß zum Judenthum und zu den Juden hervorzuheben. Und da müssen wir leider einfach sagen, daß sie nach dieser Seite außerordentlich viel geschadet haben, so viel, daß der Umstand, zwei so hochbegabte Geister aus unserem Stamme hervorgegangen zu sehen, kaum bemerklich wird. Sie haben uns geschadet zuerst dadurch, daß sie das Judenthum verlassen haben. Es wurde uns dies oft genug vorgerückt. Und warum thaten sie es? Bei Heine ist es deutlich ausgesprochen: er glaubte dadurch eine Professur zu erhalten, was sich jedoch nicht verwirklichte. Er sprach auch bald Reue über diesen Schritt aus. Und bei Börne? Da ist es nur als eine Caprice zu verstehen. Jahre lang hielt er seinen Uebertritt verborgen und erst bei einer polizeilichen Vernehmung, bei welcher vorausgesetzt war, daß er Israelit sei, kam es zum Vorschein. Herr Holzmann sagt zwar (S. 102): „Bei seinem Uebertritt zum Christenthum ward Börne einzig und allein von dem Bestreben geleitet, sich von feiner einseitigen Stellung zu seinen Glaubensgenossen zu emancipiren und sich zu einem übersichtlichen freien Höhepunkte aufzuschwingen, von dem aus er alle Interessen Deutschlands überschaute." Dies sind nichts als Worte. Dieser „freie übersichtliche Höhepunkt" mußte in Börners eigenem Geiste vorhanden sein und er konnte ihn ebenso gut als Jude wie als Christ erreichen; der Abfall vom Judenthume an sich konnte ihn nicht im Geringsten mehr befähigen, „alle Verhältnisse in Deutschland zu überschauen". Und was die Stellung zu seinen Glaubensgenossen betrifft, so blieb er ja in derselben noch Jahre hindurch, bis er Frankfurt verließ. Wenn Holzmann Stellen aus den späteren Schriften Börne's zusammensuchte, in welchen dieser sich ein ideales Bild vom Christenthume anfertigte, so hätte Börne kaum die Hälfte