Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1888)
- Date
- 1888-03-08
- Page
- Seite 150 (sequence 6)
- Language
- German
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150 an immer mehr und mehr in den Antisemitismus aufzugehen. Diese Erscheinungen traten in den letzten Reichsraths- Sitzungen mehrfach zu Tage. Wir müssen uns an den Kopf greifen, um uns zu erinnern, daß wir nicht etwa beim Lesen einer alten Chronik aus dem vierzehnten Jahrhundert eingeschlafen sind und etwa die Brunnenvergiftungs- und Hostien- Schändungsanklagen im Traume weiter gesponnen haben. Allerdings sagt man uns nicht mehr nach, daß wir das Trinkwasser vergiften, aber dafür schreit man in die Welt hinaus, daß wir den Volkswohlstand zerstören, indem wir seine Quellen durch unlauteres Geschäftsgebahren mit tobtlichen Stoffen verpesten. Leider müssen wir zugestehen, daß der Anlaß diesmal kein ganz unbegründeter war. Es geht uns umgekehrt wie der Talmud sagt. Der Talmud läßt nämlich die Fürsten büßen für die Sünden des Volkes, wir aber müssen für die Sünden unserer Barone die Haut zu Markte tragen. Ja, noch mehr, man läßt seinen Zorn gern an dem Unschuldigen aus, wenn man ihn an dem Schuldigen nicht kühlen kann. Besitz weckt den Neid der Besitzlosen und nichts ist dem Besitzlosen willkommner als die Erfahrung, daß der Reichthum der von ihm Beneideten aus unlauterer Quelle geflossen sei, oder daß die Mächtigen durch Mißbrauch ihrer Macht die Schwachen am Emporkommen hindern. Ist nun der Mächtige selbst erst aus niedrigen Verhältnissen emporgekommen, so wird Derjenige, der vielleicht früher eine höhere Stellung einnahm, mit Freude jedes Gerücht aufsaugen, welches ihm die Kunde zuträgt, der Glückliche verdanke sein Glück nicht etwa seiner Geschicklichkeit, sondern seiner freieren Auffassung geschäftlicher Moral. Wir Juden sind nun alle in den Augen unserer christlichen Mitbürger Commis, welche selbständig geworden, ihren früheren Brodgeber überflügelt haben oder Beamte, welche eine viel raschere Carriöre gemacht haben, als ihr früherer Chef. So etwas verzeiht man nicht gern. In der menschlichen Natur liegt die Lust am Herabsetzen des Großen, so etwa wie der Midrasch die Israeliten in der Wüste in Bezug auf Pinchas sagen läßt: Saget diesem Sohne Puttis, dessen Großvater Kälber gemästet hat, für das Opferfest der Götzen. (Sanhedrin 82 b.) Der Sachverhalt, der diese Gedanken in mir angeregt hat, ist folgender: Am 10. Februar ist int Abgeordnetenhause der Kampf gegen das Judenthum, mit welchem man das Haus Rothschild identificirt, in heftigen Redeschlachten ausgenommen worden. Steinwender, derselbe, welcher vor nicht langer Zeit in einer Wählerversammlung von sich rühmen konnte: Gottlob, ich bin ein älterer Antisemit, als die meisten von ihnen, sprach zuerst von der Uebermacht des großen Welthauses. Der Anlaß ist allerdings ein sehr ernster. Die Verwaltung der Kohlenwerke in Mährisch-Ostrau, welche zum Theile Rothschild, zum Theile den Herren von Guttmann gehören, hatte mit der Südbahn, welche von Wien nach Triest führt, einen Vertrag geschlossen, demzufolge die Kohlen der Südbahn bedeutend billiger geliefert werden, als sonst der Preis ist. Außerdem hatte die Nordbahn eine Frachtermäßigung von dreißig Procent gegenüber dem sonstigen Tarif für diese Kohle gewährt. Man sagt nun, das Haus Rothschild hat bei diesem Geschäfte das doppelte Interesse, den Ertrag der Nordbahn, deren Aktien zum größten Theile in seinen Händen sind, herabzudrücken, weil, wenn dieser Ertrag zehn Procent übersteigt, der Staat die Hälfte davon bekommen muß, und auf der andern Seite das Erträgniß der Südbahn, an der es gleichfalls betheiligt ist, durch Verringerung der Betriebskosten zu erhöhen, damit der Staat, der diese Bahn einlösen wird, eine höhere Entschädigungssumme zu zahlen genöthigt sei. Indem aber die Kohle von Ostrau um so viel billiger nach Wien gelangt, werden die steierischen Kohlenwerke in ihrem Betriebe außerordentlich geschädigt, wodurch denn auch die Bahnen, welche die steierischen Kohlen verfrachten, zu Schaden kommen müssen. Allerdings könnte man meinen, sagt Steinwender, ob Rothschild, der Hauptaktionär der Nordbahn oder Reitzes, der Hauptaktionär der Graz - Köflacher Bahn den Gewinn einstreicht, sei im Grunde genommen einerlei, aber der Schwerpunct der Frage liegt darin, daß eine große Menge von Arbeitern durch eine solche capitalistische Maßregel brodlos gemacht wird und eine ganze Gegend verarmt. Die Gegenüberstellung der Namen Reitzes und Rothschild hatte eine sehr belustigende Wirkung, die wohl Herrn Steinwender nicht ganz unerwartet kam. Man muß es ihm unter den heutigen Verhältnissen Dank wissen, daß er seine Gedanken nur so zart andeutete und nicht gerade heraussagte: „Im Grund genommen, steht bei dieser geschäftlichen Angelegenheit Jud' gegen Jud', und wir könnten es ruhig zusehen, daß einer den andern zu Grunde richtet, wenn nicht die Bevölkerung mit dabei litte". Trat hier der Antisemitismus mit dem Feigenblatt auf, so war ein anderer Redner Dr. Pattai dafür desto derber. Was Steinwender verblühmt andeutete, sprach Passai offen aus und, was dieser etwa noch verschwieg, ergänzte Schönerer durch seine Zwischenrufe. Auf die Beschuldigung, daß die Juden und besonders Rothschild seine Macht rücksichtslos ausnütze, um den Mittelstand zugrunde zu richten, warf Schönerer dazwischen: „Dafür sind sie hoffähig geworden." Unter dem Beifall seiner Gesinnungsgenossen nannte Pattai Rothschild einen Defraudanten. Man sagte nämlich im vorigen Jahre bei Gelegenheit des Petroleumsteuergesetzes, daß Rothschild das raffinirte Petroleum aus den kaukasischen Gruben in künstlich verunreinigtem Zustande einführen lasse, um es als Rohöl zu verzollen, damals wies der liberale Abge- 9