Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-03-08 · Heft 10 (8.3.1888) · p. Seite 149

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 10 (8.3.1888)
Date
1888-03-08
Page
Seite 149 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227717-3227728--45140-3264636
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

149 ohne welche ein Gefühl der Verantwortlichkeit, also eine Gewissensregung nicht möglich wäre. Auch das ist eine natürliche Seelenbewegung im Kinde, die Ausgleichung, die Bersöhnung, den Frieden mit den Verletzten zurückzuerlangen. Hierin haben wir durchaus keine bloßen Erziehungsresultate zu sehen, sondern ganz natürliche Seelenregungen, die gewiß mehr Beweiskraft haben, als alle Experimente des Secirmessers, das niemals im Stande ist, weder die Verbindung,! noch die Scheidung zwischen dem Seelischen und dem Leiblichen aufzufinden und nachzuweisen, sondern nichts als — den Tod zu kennzeichnen vermag. Aber selbst wenn diese psychischen Erscheinungen in ihrer Erkennbarkeit als Product der Erziehung, der An- und Ausbildung zu betrachten wären, könnten sie niemals gewonnen werden, ohne die Wurzel, den Keim, die Anlagen in der Seele zu haben, die nur der Erweckung bedürfen, wie das Auge des Kindes des Lichtes, das Ohr des Schalles, die Lunge der Luft. . . . Nein, nein! „Wenn Du gütig bist, trägt es sich, wenn Du nicht gütig bist, liegt die Sünde vor der Thür, Du aber könntest herrschen über sie!" Die M'ckeria-e in ihrem meiieren Verlauf. VI. Der Streit, welcher durch den von uns in voriger Nummer erwähnten Artikel der „National-Zeitung" gegen Stöcker zwischen dieser und der „Kreuzzeitung" sich entspann, wird von der „Nordd. Allg. Ztg." fortgesetzt. Die „Kreuzzeitung" druckte das berüchtigte Flugblatt für den 6. Berliner Wahlkreis ab, um zu erweisen, daß es gar nicht so übel sei. Die „National-Zeitung" sprach hierüber das Urtheil aus, es sei „das unwahrhaftigste und abgeschmackteste Machwerk, das man sich denken könne," und die „Norddeutsche" erklärte es für literarisch unanständig. Nunmehr erklärte sich Stöcker für verantwortlich für dieses Flugblatt, und die „Norddeutsche" meinte, dies könne an ihrem Urtheil nichts ändern. Auch andere nationalliberale Blätter erhoben sich gegen dieses neueste Stöcker'sche Produkt, und warfen der „Kreuzzeitung" Unverfrorenheit vor, für einen solchen Schandfleck der politischen Literatur einzutreten. Ist dieser Kampf an sich schon interessant, so wird ec es noch mehr, wenn wir den Beistand erwägen, welchen das osficiöse Blatt den Gegnern Stöckers leistet. Man kann sich des Schlusses nicht erwehren, daß man von dieser Seite den Mann beseitigen will, der sich für „den Mann der Zukunft" hält. Unterdessen steht Stöcker nicht still. In einer sehr stürmischen Versammlung der Christlich-Socialen hielt er eine, alles Maß übersteigende Rede gegen das geplante Denkmal Heinrich Heiners in Düsseldorf. Daß der Mann in seinen Auslassungen höchst oberflächlich und des Gegenstandes unkundig sich darbot, wird Niemanden verwundern. Nun aber die Schmutzfluth von Jnveetiven, die selbst bei einem Stöcker in Erstaunen setzte. Man braucht nicht zu erwähnen, daß es sich dabei vorzugsweise gegen den Juden Heine handelte. Alle Diejenigen, welche dem zu errichtenden Denkmal eine Zuwendung machen würden, wurden in den Bann gethan, und dies muß sich auch die Kaiserin von Oesterreich gefallen lassen, welche eine so große Gabe! für jenes in Aussicht gestellt hat. Die Versammlung beschloß eine Aufforderung an den Minister v. Puttkamer und an den Magistrat von Düsseldorf zu richten, die Aufstellung des Denkmals, das „eine Schandsäule des Deutschthums und der deutschen Poesie" sei, nicht zu dulden. Es ist offenbar, daß Stöcker entschlossen ist, bis zur äußersten Grenze zu gehen, um sich an der Spitze einer gewissen Partei festzusetzen und etwa Schwankende mit sich fortzureißen. Nicht allein, daß er die Gegner streng abscheiden will, alle Anhänger seiner Richtung sollen ihn als ihren Führer und Meister anerkennen. Der Streit geht also weit über den Antisemitismus hinaus, der nur noch eine Ingredienz des ganzen beabsichtigten Werkes ist, nämlich die Macht und Herrschaft, die politische wie kirchliche, für die äußerste Rechte zu erobern. Man kann deshalb auf noch recht bedeutende Etappen in diesem Kampfe gespannt sein. Denn mit der Zeit müssen doch die zahlreichen Gegner dieser kleinen, aber fanatischen und geistesbeschränkten Partei aus ihrer Lethargie erwachen, sich bedroht sehen und des Feindes sich erwehren wollen. Schon jetzt aber müssen sich doch viele Conservative und Nationalliberale in die Seele schämen, daß sie Stöcker zugejubelt, als gerade dieser Mann den Gegnern Unanständigkeit und Verleumdung in den Flugblättern vorwarf — er! Brüx, Ende Febr. 1888. Politische Driefe aus Oesterreich. Bon vr. G. Deutsch. Eine wahre Gewitterschwüle lastet auf den Gemüthern. Wir machen alle Anstrengungen, um den gewaltsamen Ausbruch des Vulkans zu verhindern und doch können wir uns es nicht verhehlen, daß der zurückgestante Wildbach unsere mit Mühe, mit äußerster Kraftanstrengung aufgeführten Dammbauten über kurz oder lang durchbrechen wird. Der Antisemitismus macht erschreckende Fortschritte, Fortschritte nicht nur durch Erweiterung seines Gebietes, sondern in noch größeren Maßen durch die Qualität seiner Bekenner. Die studirende Jugend hängt ihm massenhaft an, in Lehrerkreisen findet er zahlreiche Vertreter, eine große Anzahl von Provinzial-Blättern sehen ihre Aufgabe in seiner Verbreitung, ganz besonders aber die deutschnationole Bewegung fängt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.