Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1888)
- Date
- 1888-03-08
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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146 den Frieden als die Zukunft (Jes. 54, 13), und der Psalmist bedeutet: der Mann des Friedens hat eine Zukunft <37, 37). Friede ruft der Prophet dem Fernen und dem Nahen zu (Jesaias 57, 19), und der höchste Segen, der für Israel erbeten wird, lautet: „Der Ewige segne sein Volk mit Frieden!" (Pf. 29, 11.) So tönt aus allen Theilen der h. Schrift das Lob des Friedens, der durch Weisheit, Gerechtigkeit, Gottvertrauen und Liebe zur Gotteslehre gewonnen wird, und welcher das allein würdige Ziel des Menschen in der Zukunft des Einzelnen und in der Zukunft der Gesammtheit ist. Aber fast noch mehr klingt die Sehnsucht nach Frieden aus der jüdischen Volksseele späterer Zeit hervor. Das jüdische Gebetbuch, in seinem ganzen Umfange die Frucht einer tausendjährigen Entwickelung, ist voll von Gebeten um Frieden. Zu jeder Stunde fast ist dem Juden die Bitte um Frieden auf die Lippen gelegt. Endigt er doch sein Hauptgebet mit dem Schlußwort: „Der Frieden schafft in seinen Höhen (Hiob 25, 2), wird auch Frieden schaffen über uns und ganz Israel." Jnsonders aber wird in dem oft wiederholten Kadischgebet das erhabene Wort ausgesprochen, das wir an die Spitze dieses Artikels gestellt: „Friedensfülle komme vom Himmel her auf uns!" Wenn streitende Völker einen Friedensvertrag schließen, so thun sie es mit dem Hintergedanken, sobald sie die Macht dazu erlangen, den Vertrag zu brechen, seine Bedingungen zu verletzen. Wenn Menschen, die sich feindselig behandelten, eine Aussöhnung zu Stande bringen» wie aufrichtig meinen sie es, wie lange wird der Streit zwischen ihnen ruhen? Dies Alles ist keine „Friedensfülle" und nicht „vom Himmel her!" Friedensfülle ist da, wo die Liebe zum Frieden, die Sehnsucht nach ihm, das Hangen an ihm den ganzen Geist erfüllt, wo das Herz in ihm schwelgt und der Verstand von der Ueberzeugung durchdrungen ist, daß das höchste Gut, das wahre Glück, die echte Klugheit der Friede ist. Der Friede, der „vom Himmel her", ist der unbedingte, der an keine Voraussetzung, an keinen Vorbehalt geknüpfte. Denn er ist zunächst der innere Friede, der Seelenfriede, die Gewißheit der Pflichterfüllung nach dem Maße seiner Kräfte, verbunden mit dem innersten Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes, die den Schwächen des Menschen Nachsicht gewährt. Wir müssen also den Frieden mit allen unseren Umgebungen gesucht und gefunden und gegen sie in Liebe und Gerechtigkeit gehandelt haben. Und darum ist jener Friede auch die Ruhe und Sicherheit von Außen, der Friede, der in dem ganzen Umkreise unseres Daseins herrscht. Aber gerade dieser letztere ist auch nur durch die eigene Beschränkung, durch Mäßigkeit in allen unseren Bedürfnissen und Wünschen, durch Zufriedenheit mit unserem Loose, auch wenn dies nicht das mildeste und freundlichste ist, zu erlangen. Dies ist der Friede „vom Himmel her" — denn allerdings gehört zu seiner Verwirklichung Fügung Gottes, welche schwere Stürme des Lebens uns erspart, uns angeborene oder auf dem Wege des Lebens entwickelte Anlage und endlich, nicht am wenigsten, der Aufblick zu Gott und der Einblick in seine Lehre. Nur dadurch ist es uns möglich, die Fülle echten Friedens zu erlangen und zu bewahren und sie nicht als ein eigenes Werk, sondern als Gnade vom Himmel her zu betrachten. Wohlweislich und dem Charakter des Judenthums entsprechend, heißt es nicht „himmlischer Frieden", sondern „vom Himmel her". Himmlischer Frieden, Frieden wie ihn nur der Geist im Jenseits, „im Angesichte Gottes" (Ps.) erlangen und genießen kann, wie wir ihn uns in einem höheren Dasein, von allen sinnlichen und irdischen Banden befreit zu erträumen vermögen, kann nicht das Loos des Erdenmenschen sein, es ist eine sentimentale Uebertreibung. Aber „Frieden vom Himmel her", also von Gott beschieden, aus Tugend und Weisheit fließend, in Liebe und Gerechtigkeit immer von Neuem bewährt, das ist der Höhepunkt, auf welchen uns unsere Religion immerfort hinaufweist, das ist der Wahlspruch auf dem Wimpel am Maste, den unsere Religion auf unserem Fahrzeug aufgerichtet. Mögen unsere Augen stets darauf gewendet sein; mögen wir uns bewußt erhalten, daß unsere Religion nicht den Kampf, > sondern den Frieden will, so daß auch in unabweisbaren! Kämpfen, so wie in allen Mühen und Sorgen des Lebens | beit Frieden vor Augen haben als das Ziel, nach dem wir streben sollen. Ueberblicken wir die Geschichte des Judenthums, so sehen wir dies zu aller Zeit bestätigt. Wir erhoben niemals das Schwert, um die Gotteslehre Anderen aufzuzwingen; wir ließen stets die Völker in Ruhe, wenn sie uns nur in Ruhe ließen. Und so können wir mit vollster Ueberzeugung das Bittwort stets aussprechen: „Friedensfülle vom Himmel her komme auf uns!" Schuld, Sühne, Strafe. Man hat uns vorgeworfen, bisweilen die moderne Wissenschaft in heftiger Weise angegriffen zu haben. Es ist dies ungerecht, denn wir sind uns bewußt, treue Anhänger der Wissenschaft und der wissenschaftlichen Bildung von unserer Jugend an durch das ganze Leben geblieben zu sein, so weit wir nur den Fortschritten jener zu folgen im Stande waren. Wogegen wir uns stemmten, waren nur jene Einseitigkeiten, in welche die moderne Wissenschaft so leicht verfällt, jene Sucht, die bisherigen Anschauungen der Menschheit umzustoßen und durch plötzlich aufgekommene, entgegengesetzte zu verdrängen, jene Hypothesensucht, die, weil die moderne Wissenschaft sich allein auf Beobachtung und Erfahrung stützen