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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-03-01 · Heft 9 (1.3.1888) · p. Seite 139

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 9 (1.3.1888)
Date
1888-03-01
Page
Seite 139 (sequence 11)
Language
German
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139 Wir hatten 15 muharnmedanische und 2 christliche Schüler, die den besten Familien der Stadt angehörten. Der Gouverneur S. F. Rauf Pascha beweist uns dauernd sein Wohlwollen für den guten Fortgang unserer Schulen und für die Neutralität, die wir in unserem Unterricht beweisen. Er ist es, der den Kadi von Jerusalem, der soeben in Constantinopel angekommen ist, veranlaßt hat, seinen Sohn unserer Schule anzuvertrauen. Unter den israelitischen Schülern sind 78 Sesardim, 51 Aschkenasim, 10 Marokkaner und 9 Jemeniten (Arabien). In allen Schulanstalten ist das Alter festgestellt, bis zu welchem die Kinder zur Schule zugelassen werden können. Hier ist es anders. Unter den zahlreichen Auswanderern aus Rußland, Bulgarien und Jemen, welche sich in Jerusalem niederlassen, giebt es eine Menge junger Leute von jedem Alter und sogar verheirathete Männer, welche trotz ihrer Unwissenheit die Vortheile des Unterrichts begreifen. Sie bitten um die Vergünstigung, in der Schule als Schüler ausgenommen zu werden, gerade so wie die Kinder von 12 bis 15 Jahren. Wenn man den Zustand der Unwissenheit in Betracht zieht, in dem sich unsere Glaubensgenossen in Jerusalem befinden, kann man nicht anders, als solche Wünsche fördern und wir hatten im Jahre 1887 in unsren Classen 6 russische und 2 yemenitische, schon ziemlich bejahrte Auswanderer, welche mit vielem Erfolg dem Unterrichte in der arabischen Sprache und den Elementargegenständen folgten. Der Enkel des Großrabbiner Panigel, 18 Jahre alt, seit zwei Jahren verheirathet, lernt auch bei uns das Arabische und das Hebräische, mit zwei anderen jungen Leuten, die gleichfalls verheirathet und Söhne von Rabbinern sind. Es ist von ungeheurer Wichtigkeit, daß die zukünftigen Rabbiner die Landessprache schreiben können und in der Schule weitergehende Anschauungen erwerben. Zuerst waren es die Sesardim, welche an unsere Thüre klopften, bei den Aschkenasim dauerte es länger, bis ihre Feindseligkeit gegen die Schule aufhörte; die erstercn sprechen das Jüdisch-Spanisch der Türkei, die anderen das Jüdisch- Deutsche Polens. Die Marokkaner oder Mograbis (dieser Name umfaßt alle Israeliten des nördlichen Afrikas, Tripolis, Tunesien, Algerien, Marokko) sprechen das maurische Arabisch, die Israeliten Syriens und Mesopotamiens sprechen ein ziemlich reines Arabisch; diejenigen Griechenlands und Albaniens das moderne Griechisch; die aus Georgien das Cirkassische; die aus Persien, Afghanistan und der Bucharei drücken sich in gewöhnlichem Persisch aus. Diese Verschiedenheit der Sprachen in einer Stadt erinnert ein wenig an den Thurmbau zu Babel, aber das Hebräische bildet das Verbindungsmittel zwischen allen diesen Israeliten so verschiedenen Ursprungs. Jeder Israelit, welcher sich einige Monate in Palästina aufgehalten hat, versteht Hebräisch und man sieht junge Frauen, u. a. eine Georgianerin, die an einen Polen verheirathet ist, vortrefflich hebräisch sprechen über alle möglichen Gegenstände. Andererseits kenne ich einen jungen Haushalt, wo Frau und Kinder nie eine andere Sprache sprechen als Hebräisch. Nichts ist eigenartiger, als zu hören, wie die kleinen Kinder sich in der Sprache von Moses und Jeremias unterhalten. Die Jemeniten sind die sanftesten und geduldigsten unserer Lehrlinge und zeigen den meisten Fleiß für das Handwerk. In Jemen üben die Israeliten jedes Handwerk aus, sogar die Rabbiner. Das Betteln ist ihnen verhaßt. Ihre Bedürfnisse sind übrigens die bescheidensten. Sie sind nach Palästina gekommen, weil eine Art Prophet ihnen die nahe Ankunft des Messias verkündet hat. Da die Industrie in Palästina nicht dieselbe ist wie in Jemen, so fanden sich diese braven Leute um so ärmer, als sie nicht mit vollen Händen zum Begegniß mit dem Messias gekommen waren. Es hätte nur von ihnen abgehangen, bei ihrer Ankunft in Palästina zahlreiche Unterstützungen zu erhalten, an Anerbietungen fehlte es nicht, aber man verlangte dafür von ihnen, den Glauben ihrer Väter zu opfern. Sie hätten den Tod dem Abfall vorgezogen. Ich machte Herrn Veneziani mit ihrer Lage bekannt und Dank der Freigebigkeit des Herrn Baron v. Hirsch, von S. H. Goldschmidt und der Frau Baronin Edmond von Rothschild konnten wir in unserer Anstalt 52 Jemeniten aufnehmen, größtenlheils Familienväter, und sie das Handwerk der Steinschneider lernen lassen. Mehrere sind schon im Stande, durch ihre Arbeit ihr Brod zu erwerben. Man muß sagen, daß ihre Mäßigkeit musterhaft ist; mit zwei Francs per Tag lebt eine ganze Familie reichlich. Ihre Nahrung besteht fast ausschließlich aus Vegetabilien: Brod, Oliven, einige gekochte Pflanzen und Kaffee. Hingegen zeigt der Jemenit einen unersättlichen Hang zum Lesen der heiligen Bücher und zur frommen Lektüre und besonders für die Psalmen und den Sohar. In den Geschäften jedoch ist der Jemenit sehr wenig mystisch; im Gegentheil, er überrascht durch seinen scharfen Blick und seine große Finesse. Es sind noch einige Hundert dieser braven Leute hier, welchen wir hoffentlich bald keine Almosen, sondern die Mittel, diese entbehren zu können, zu liefern im Stande sind. Trotz der Kleinheit unseres Lokals haben wir 18 nichtisraelitische Zöglinge zugelassen, von denen 16 Muselmänner und 2 Christen sind. Mehrere muselmännische Zöglinge bleiben den ganzen Tag in der Schule, einige lernen sogar ein Handwerk und folgen darin den klugen Rathschlägen von Reuf-Pascha. Von diesen Zöglingen werden mehrere Beamte, einige unserer früheren muselmännischen Zöglinge bekleiden schon Verwaltungsstellen und gelangen vielleicht zu hohen Aemtern. Sie werden sich erinnern, seien Sie sicher, daß sie ihre Bildung in einer jüdischen Schule begonnen haben s*

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