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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-03-01 · Heft 9 (1.3.1888) · p. Seite 137

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 9 (1.3.1888)
Date
1888-03-01
Page
Seite 137 (sequence 9)
Language
German
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137 chische Staalsregierung gegen dieses Treiben vor, während man in den genannten deutschen Staaten ihnen freien Raum ließ? Der Fürsorge, die Studenten vor dem durch jenes Vereinsleben bewirkten Müßiggang und anderen dem Studium feindlichen Ausschweifungen zu bewahren, diese Fürsorge allein erklärt die Sache nicht. Diese antisemitischen Tendenzen beruhen zugleich in einer Steigerung der deutschen Gesinnung, der immer schroffer hervortretenden Neigung zum deutschen Reiche. Es ist deshalb natürlich, daß die österreichische Staatsregierung dieses anwachsende Graviüren nach dem deutschen Reiche in der studirenden Jugend mit Bangen erkennt und dagegen einzuschreiten sucht. Weiß man doch, wie beweglich der Sinn der Jugend ist, wie leicht sie durch Hetzerei nach einer bestimmten Richtung getrieben wird, diese jedoch wieder verläßt, wenn die bezügliche Nahrung fehlt. Hieraus erklärt sich aber nun, wie sehr die antisemitischen Agitatoren die Annahme dieses Gesetzentwurfes fürchten, und wie sie deshalb den ganzen Apparat von Aufregung, von Aufstellung ihrer Trabanten und von ihrem ungezügelten oratorischen Redevorrath aufbielen. Dem Gesetzentwürfe stehen aber nicht bloß die Antisemiten, sondern alle diejenigen entgegen, welche die academische Freiheit nicht verkümmern lassen wollen. — Wir brauchen hier in die einzelnen Reden pro et contra nicht einzugehen; wir heben nur aus dem Schlußwort des Generalredners Abg. Kopp das hervor, was er über den Antisemitismus der Studenten sagte, er, der dem Gesetzentwurf durchaus entgegen ist. Es ist daun die Rede gewesen von anderen eigenthümlichen Richtungen, die mit den Forderungen der akademischen Bildung in grellem Widerspruche stehen. Wenn ich diese Umschreibung recht verstehe, meint der Unterrichtsminister darunter den Antisemitismus. Derselbe existirt und muß sich daher auch in der akademischen Jugend zeigen, die von allem eine Schattirung zeigt. Der Antisemitismus hat nachgerade solche Blnthen getrieben und solche Früchte gezeitigt, daß verschiedenen Leuten von Haus aus gar keine Lust hatten, mit Juden viel zu verkehren und die in leichtfertiger Rede manchmal mitgeholfen haben, solche Stimmungen zu stärken, auch schon bange wird. Die Dinge gehen ihren Weg und wie manche Krankheiten, wenn sie ihren Höhepunkt erreicht haben, absterben, so wird dies auch in diesem Falle geschehen und ich bin recht gern bereit, dazu beizutragen. Bei den Studenten ist die Sache noch ein bischen anders. Woher kommen denn so manche Excesse, so manche Abscheulichkeiten, die wir alle mißbilligen? Diese werden nicht immer blos durch den natürlichen Contact fortgepflanzt, sondern zuweilen auch selbst eingeimpft (Sehr gut! links) und die Erscheinungen bei einem Theile unserer Jugend, welche uns nicht gefallen, sind vielfach künstlich hervorgerufen durch etwas, was jetzt in so garstiger Weise grassirt. Schmeichler vor dem Throne haben schon viel Unheil angerichtet und edel angelegte Regenten verdorben; Schmeichler vor dem Volke richteten noch größeres Unheil an. (Sehr gut! links). Der Schmeichler vor der Jugend ist mir aber der verächtlichste. (Lebhafter Beifall links.) Er verdirbt die besten Keime. Wenn schon gereifte Männer gegenüber einer geschickt angebrachten Schmeichelei sehr selten widerstandsfähig sind, wie soll das bei der Fugend sein? Und in dieser Beziehung wird das Unglaublichste geleistet. (Sehr richtig! links.) Sie haben hier wieder gehört: „Die akademische Jugend, unsere Blüthe, unser Kern, die Kraft des Volkes!" Ja, meine Herren, wenn das der Kern und die Kraft ist, was sind denn dann wir alle Anderen zusammen? (Sehr richtig!) Dann sind wir die Schale, die Hülse, die Schwäche. Wenn das von Parlamentswegen gesagt wird, darf man sich nicht wundern, wenn es den Leuten zu Kopfe steigt. — Man spricht ferner von den Aufgaben der Universitäten, die da sind: Die heiligsten Güter des Volkes zu wahren und für die Integrität dieser Interessen einzutaeten. Und die Wähler und die Abgeordneten sind nicht dazu berufen? (Sehr gut! links). Haben die etwa nur das Executivorgan der Aula zu bilden? Ja, meine Herren, solche Reden wecken den Größenwahn auch bei den gesundesten Leuten. Ich stimme damit überein, daß es der Beruf der Jugend ist, sich für das öffentliche Leben vorzubereiten und ich müßte die ganze deutsche Geschichte dieses Jahrhunderts nicht kennen, wenn ich leugnen wollte, was die deutschen Universitäten für die Zukunft des deutschen Reiches bedeutet haben; aber wenn das als alleiniges Ziel hingestellt wird, wenn darnach allein der Werth oder Unwerth bemessen werden soll, leitet man allerdings die Jugend auf vollkommen falsche Fährten. Und das ist durchaus nicht die Schuld der Jugend. Wenn sich nun ein junger Mann zu einem Excesse hinreißen läßt, so würde ich es immer aufs tiefste bedauern, wenn man nicht mit der möglichsten Milde gegen ihn Vorgehen würde; denn diejenigen, welche die Schuld daran tragen, werden doch nicht getroffen. Es heißt immer wieder: Dat veniam corvis vexat censura eolumbas! Nach der Geschäftsordnung wurde der Gesetzentwurf einer Kommission, und zwar der Schul-Kommission zugewiesen. Wien, 15. Februar. In die Commission zur Vorbereitung des Gesetzentwurfes, betreffend die äußeren Rechtsverhältnisse der jüdischen Religions-Genossenschaft wurden gewählt: Graf Belcredi, Freiherr v. Conrad, Fürst Czartoryski, Freiherr v. Helfert, Freiherr v. Hye, Freiherr v. Königswarter, Freiherr v. Schenk, Graf Friedrich Schönborn, Ritter v. Schrom. Baron Hirsch weilte auf der Rückreise aus der Türkei einige Tage in unserer Residenz, und von einem Interviewer aufgesucht, gab er folgende Erklärungen ab: „Was man in jüngster Zeit von meinen Schenkungen erzählte, das sind Märchen. Ich thue das Mögliche, um menschliches Elend zu lindern, aber was man mir zumuthet, das ist über- 9

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