Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1888)
- Date
- 1888-03-01
- Page
- Seite 136 (sequence 8)
- Language
- German
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136 Bankett statt, an welchem zahlreiche College» und Freunde des Gefeierten mit ihren Frauen sich betheiligten. Herr Dr. Ungerleider eröffnete den Reigen der Trinksprüche mit einem Toast auf Se. Majestät den Kaiser und einem Gebete für die Wiedergenesung des Kronprinzen, dem noch andere Toaste folgten. Auf Veranlassung eines aus achtbaren Glaubensgenossen jüngst gebildeten Comitss wird Herr Oand. phil. Julius Steinschneider im Festsaale des Restaurants Lichtenstein, Klosterstraße 92, zum Besten einiger hilfsbedürftiger Studirenden im nächsten Monat drei Vorträge halten, und zwar: Mittwoch, den 7. März: Der Todeskampf Judäas; Mittwoch, den 14. März: Jüoische Martyrologien (das Thränenthal); Mittwoch, den 21. März: Blutbeschuldigungen und Hostienschändungsprocesse. Vor einigen Wochen hielt Herr Steinschneider einen Vortrag in der „Henry Jones Loge" in Hamburg und erntete, wie mir von dort berichtet wurde, großen Beifall. Das Central-Comit« des Vereins Esra übergab Herrn Dr. Hildesheimer hier 1200 Mk. mit der Bitte, diese Summe den Bauern der Colonie „Jesud Hamaela" in Palästina zu übermitteln. Der Verein Esra verfolgt keine jüdisch-nationale Tendenzen, sein Bestreben ist nichts weiter, als dieColonisation Palästinas zu befördern, um unfern heimathslosen Glaubensgenossen auf diese Weise zu einem festen Wohnsitze zu verhelfen. Ueber die Entstehungsgeschichte dieses Vereins und seine Fortentwickelung, werde ich mir erlauben, in nächster Zeit in einem besonderen Briefe zu berichten. Albert Katz. Berlin, 20. Febr. (Privatmitth.) Das jüngste Auftreten Stöcker's erregt doch bei vielen Nationalliberalen eine unangenehme Empfindung, und sie suchen ihn wieder von sich abzuschütteln. Dies unternimmt ein Artikel der „Nationalzeitung." Veranlassung dazu giebt ein, gelegentlich der bevorstehenden Ersatzwahl für den geisteskranken Hasenclever aus der Partei Stöckers hervoczegangenes Flugblatt, das an Gehässigkeit und Gemeinheit alles Bisherige übertrifft — und dies wenige Tage, nachdem Stöcker mit dreister Stirn im Reichs- und Landtage die angeblichen Ausschreitungen der gegnerischen Agitation bejammert hat. Man muß sich gestehen, unser politisches Leben ist zu einem Grade der Heuchelei und der Schauspielerei gediehen, daß man das Ganze für eine Art Eomöoie halten könnte, in welcher es nur auf die augenblickliche Effectmacherei ankomme, um bei der blöden Welt daraus Vortheil zu ziehen. In jenem Artikel fordert die Nationalzeitung die Conservativen auf, Stöcker wieder hinter die Scene zu bringen. Allein bei jenen Verhandlungen haben nicht wenige Nationalliberale ebenso wie die Conservativen den antisemitischen Phrasen Stöckers lauten Beifall gezollt, und da die Unterschriften der nationalliberalen Führer unter dem Stöcker'schen Aufruf unvergessen ist, meint man im Publikum, daß die Nationalzeitung nur einen Bruchtheil der nationalliberalen Partei vertrete. Hierbei erinnert man sich, daß es die Nationalliberalen in Siegen waren, welche Stöcker in den Reichstag gewählt haben, und deshalb tvohl schwerlich berechtigt sind, jetzt diesem Manne wieder abzusagen. Oesterreich-Ungarn. Wim, 17. Februar. (Privatmitth.) Die Antisemiten sind jetzt hier sehr rührig! Man wird sich erinnern, daß sie eine Petition gegen die Einwanderung und Niederlassung von Juden in Oesterreich eingereicht und um zahllose Unterschriften geworben haben. Der Petitionsausschuß des Abgeordnetenhauses beschloß nun, über diese Petition zur Tagesordnung überzugehen. — Die jüngsten Verhandlungen über die Nordbahn, in welchen Beschwerden über die Betheiligung Rothschild's an jener Bahn erhoben wurden, gaben dem Antisemiten Dr. Pattai Veranlassung, eine Hetzrede zu halten, als ob Nordbahn, Rothschild und Judenthum identische Dinge wären! Als er geendet, warteten seiner im Corridor 40 Antisemiten, um ihm ihre Huldigung darzubringen. — Der Unterrichtsminister v. Gautsch hat einen Gesetzentwurf zur Beschränkung des studentischen Corpswesens eingebracht — flugs hält Dr. Türk eine Hetzrede, als ob der ganze Entwurf nur bestimmt sei, die Antisemiten unter den Studenten einzuengen. Er fürchtet, daß nächstens ein Ausnahmegesetz gegen die Antisemiten überhaupt erfließen werde. Wien, 19. Febr. (Privatmitth.) Das Abgeordnetenhaus war am 16. und 17. Februar der Schauplatz stürmischer Austritte, bei welchen die Antisemiten wahre Orgien trieben. Sie hatten die Scenerie vollständig organisirt: Tumulte vor dem Hause, um den Eingang zu erzwingen, Ueberfüllung der Gallerie durch ihre Anhänger und frenetische Reden. Veranlassung und Gelegenheit gab ihnen der im Abgeordnetenhause eingebrachte Gesetzentwurf des Unterrichtsministers v. Gautsch über Beschränkung und Beaussichtigung der studentischen Vereine. Das demonstrative Motiv zu diesem Gesetzentwurf gaben die Ausschreitungen der deutsch-nationalen Studentenvereine in antisemitischer Richtung". Frägt man nach der Ursache dieser Judengehässigkeit bei den Studenten, so sprach sie der Abg. Thierarzt Türk, ein fanatischer Antisemit, unumwunden aus: die Studenten fürchten die Conkurrenz der zahlreichen jüdischen Studenten in ihrer zukünftigen Laufbahn, und um so mehr, als in der Regel diese jüdischen Studenten fleißig, auf ihr Studium erpicht und mäßig sind. Nun weiß man, daß solche judenfeindliche Tendenzen auch in einer Anzahl Studirender in Berlin, Leipzig und Breslau vorhanden sind und sich eine Zeit lang laut genug kundgegeben haben. Warum geht nun die österrei-