Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1888)
- Date
- 1888-03-01
- Page
- Seite 135 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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135 S&C'VCiAYlC^ OW&C ^XAC^CC^A,. Deutschland. Berlin, 17. Febr. Man schreibt von hier: Bekanntlich hat jüngst der Abgeordnete v. Eynern sich und seine nationlliberalen Freunde gegen jede Gemeinschaft mit dem Antisemitismus verwahrt und erklärt, daß er mit seiner ganzen Partei darüber einig sei, zwischen Inden und Christen keinen Unterschied zu machen. Dazu bemerkt die „Kreuzztg.": „An diesen Worten des verehrten Herrn, soweit sie auf ihn Bezug haben sollen, zu zweifeln, fällt uns nicht ein. Wenn wir ihn aber im Namen seiner Parteigenossen versichern hören, daß auch diese nicht danach fragen, „ob Jemand Jude oder Christ" sei, so müssen wir doch lächeln. Wer immer Gelegenheit hat, mit Nationalliberalen privatim über die Juden und unser Verhältniß zu ihnen zu sprechen, wird uns zugeben, daß die Herren nicht im Mindesten weniger antiseniitisch gestimmt sind, als ein Conservativer auch. Der Unterschied ist nur der, daß die Nationalliberalen sich nicht öffentlich zu dieser Stimmung bekennen, während wir keinen Anstand nehmen, das zu thun, wo es am Platze ist." Es sieht der Kreuzzeitung ganz ähnlich, daß sie nicht blos die Gesinnung aller Conservativen, sondern auch die aller Nationalliberalen kennen will. Wir geben ihr dies nicht einmal für alle Conservativen zu, viel weniger für die Nationalliberalen. Abgesehen hiervon ist es doch ein großer Unterschied zwischen der Kundgebung einer ganzen großen Partei und der Gesinnung einzelner ihrer Mitglieder, die eben nur eine persönliche ist. Sonst müßten wir ja auch den entschiedensten Parteien mißtrauen, selbst solchen, welche auf ihren Prinzipien unbedingt beharren und sich nicht auf Compromisse einlassen. Was übrigens die Kreuzzeitung im Antisemitismus leistet, konnte man jüngst in der Nr. vom 9. Februar in einem Wiener Briefe „das Judenthum und die Schule in Oesterreich" wieder einmal lesen. Gegen solche desperate Schilderungen ist eine Widerlegung sehr überflüssig. Die Kreuzzeitungsschreiber wissen sehr wohl, für welche Leute sie schreiben und für welche nicht, und gehen ungescheut nur für die Ersteren ins Zeug. Berlin, 17. Februar. (Privatmitth.) Ueber die Vorgänge in unsren Parlamenten wird zur Genüge berichtet. Wir wollen uns vielmehr vom Parlament ins „Deutsche Theater" begeben, in welchen seit einigen Wochen „die Makkabäer" im kraftvollen Drama von Otto Ludwig klirrend und gewaffnet zu wiederholten Malen über die Scene schreiten. Hier schwindet die Beklemmung, die sich unser im Parlament bemächtigt, spurlos dahin — wir sehen das Ende eines Judenfressers. Aber lebt noch in uns der Geist der Makkabäer? Die geehrten Leser mögen in folgender, aus dem „Kleinen Journal" über das erwähnte Drama hier wiedergegebenen Necension die Antwort suchen und finden: „Mit den Dramen aus der Geschichte der Juden ist es ein eigen Ding. Sie wirken überraschend und frappant auf („Freund und Feind" hätten wir beinahe gesagt) Juden und Christen. Beide wissen gleicherweise mit wenigen Ausnahmen von der Geschichte des jüdischen Volkes wenig, sehr wenig. Einige Christen (wir wollen gelinde „einige" sagen) glauben, die Juden hätten immer mit alten Hosen gehandelt und machen sich selbst von Abraham höchstens die Vorstellung eines alten kreditfähigen Geschäftsinhabers. Für andere Christen, etwa die Bibelgläubigen, welche die Namen der jüdischen Könige, sogar Hiskias kennen, sind die großen Männer der jüdischen Geschichte legendenhafte Persönlichkeiten, welche von den Theilnehmern der Pastoral-Conferenzen mehr für Fleisch von ihrem Fleisch gehalten, als daß sie jenem Volk zugerechnet werden, welches nach der Meinung mancher Leute immer unter dem Giftbauine gewohnt hat. Rechtgläubigen Juden sind die Ereignisse der Geschichte ihres Volkes zu Symvolen geworden, nicht im historischen Bewußtsein mehr lebend, sondern in Gebeten, ehrwürdig durch ihr Alter, aber von den meisten unverstanden, in Bräuchen durch die Tradition geheiligt, aber dem Pulsschlag kräftigen Lebens fern. Und die gebildeten nicht gläubigen Juden kennen Achill und Helena besser, als Debora und Baruk, man könnte für sie eine Preisfrage ausschreiben, ob sie die Namen der „Richter" ebenso gut hersagen können wie etwa die der römischen Könige." Soweit das erwähnte Blatt. Unter solchen Umständen erwirbt sich eine dramatische Dichtung, welche den Stoff aus der Geschichte der Juden holt, das Verdienst einer geschichtlichen Belehrung für die allermeisten Theaterbesucher, ganz besonders aber für die jüdischen Theaterbesucher. Der Dichter verstand es vortrefflich, die Wesenheit des jüdischen Geistes in den hervorstechendsten Typen zu zeichnen, neben der Heldenkraft des Löwen von Juda Makkabi die Verkörperung des starren Buchstabenglaubens, der sich leider so oft auf den Geist unseres Volkes wie Mehlthau gelegt und seine Kräfte gelähmt hat. Am 11. d. Mts. feierte Herr Dr. David Cassel seinen siebzigsten Geburtstag. Seine zahlreichen Freunde, Schüler und Verehrer lieferten ihm an diesem Tage Beweise ihrer Liebe, Dankbarkeit und Hochachtung. Deputationen verschiedener gelehrten Corporationen überbrachten dem Jubilar ihre Glückwünsche in Wort und Schrift, zum Theil auch in kunstvollen Adressen. Am Abend fand zu Ehren des Jubilars in den festlich geschmückten Räumen des Restaurant Ury ein