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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-03-01 · Heft 9 (1.3.1888) · p. Seite 133

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 9 (1.3.1888)
Date
1888-03-01
Page
Seite 133 (sequence 5)
Language
German
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133 Bietet daher das Bild, die zahlreichen Conservativen, nur mit geringer Nuancirung als zwei Fraktionen, die wieder zahlreichen Nationalliberalen und der eine Flügel des Centrums auf der rechten Seite; auf der linken die sehr zusammengeschmolzene Zahl der Freisinnigen, die andere Seite des Centrums, selbstverständlich ohne genügende Sicherheit für die liberale Tendenz, und die kleinen Fraktlonen der Polen, Welfen, Dänen, Elsässer und Sozialdemokraten. Daß eine solche Zersplitterung in Partikelchen auf der liberalen Seite der geschlossenen Majorität auf der rechten keine Hindernisse bietet, versteht sich von selbst. Die konservative Tendenz ist demnach auch im deutschen Reiche gegenwärtig die vorherrschende. Wie weit dieselbe bereits sich geltend gemacht und wie weit sie sich noch ferner ausleben wird, haben wir hier nicht zu erörtern. Genug, daß wir für den gegenwärtigen Zeitpunkt die Lage der Dinge und den Stand der Verhältnisse uns klar machen und erkennen, daß dieselben sich nicht etwa auf Deutschland beschränken, sondern sich auch in anderen Staaten in gleicher Weise entwickelt haben, wie denn auch Dänemark seit Jahren in derselben Richtung läuft, Schweden sich jüngst angeschickt hat, dasselbe zu thun. Es ist dies also nicht eine Entwickelung, die von einzelnen Geistern ausgeht, sondern in der Natur der Dinge liegt, zum einen Theil in den Schwierigkeiten, welche die Staaten auf ihrem Wege gefunden, zum andern in der Zersplitterung und Abblassung des liberalen Fonds. Bei dieser „Verschiebung der Parteien", also bei diesem Wandel des öffentlichen Geistes, kurz, bei dieser Obherrschaft des Conservatismus, die so leicht in die volle Reaktion übergeht, was haben wir Juden zu erwarten? Diese Frage befaßt weder England noch Belgien, weder Dänemark noch Schweden, sondern nur Oesterreich und Deutschland, denn in diesen beiden Staaten hat der Antisemitismus mit dem Conservatismus den Einzug gehalten. In Oesterreich aber hat die Staatsregierung ihren ernsthaften Willen, jenem Auswuchs der Zeit den Boden, so viel es an ihr ist, zu versagen. Hier sind es nur direkt der Clerus und die ihm anhangen und die fanatisch nationalen Deutschen, welche gegen die Juden feindlich und entschieden auftreten, und durch ihre Hetzworte einen Theil — nicht des eigentlichen Volkes, sondern des ungebildeten Bürgerpöbels mit sich ziehen. Alle diese Elemente können recht beschwerlich, doch nicht gefährlich werden. Die Conservativen in Preußen — viel weniger die in den übrigen deutschen Staaten — haben von jeher ihre Feindseligkeit gegen uns bekundet. Mit der ersten Nummer der „Kreuzzeitung" im Jahre 1849 wurde auch der Antisemitismus ans Licht gefördert, und es ist schwerlich auch nur der kürzeste Zeitraum nachzuweisen, in welchem dieses Blatt und seine Filialen nicht das Bitterste gegen uns vorgebracht haben, so daß Stöcker und alle seine Genossen auch nicht eine neue Phrase vorzubringenvermögen. Im Jahre 1855 trugen die Gerlach und Wagener auf die Beseitigung des Verfassungsparagraphen über die Gleichberechtigung aller Preußen an, ohne Zustimmung des damaligen Ministeriums, welches mit dem reaktivirten Judengesetz vom 23. Juli 1847 schon so fertig zu werden erklärte und damit auch wirklich jenen Verfassungsparagraphen illusorisch machte. Wir sahen es damals schon als einen Sieg über die Reaktion an, daß jener Paragraph stehen blieb, so daß er in besserer Zeit nicht erst wieder erobert zu werden brauchte. Gegenwärtig macht abermals die Kreuzzeitung kein Hehl daraus, daß der preußische Conservatismus, der die Vorrechte oder Vortheile des Junkerthums und der evangelischen Orthodoxie verteidigt, resp. wiederzuerlangen strebt, die Gleichberechtigung der Juden zu beseitigen trachtet und deshalb dem Antisemitismus huldigt. Daß jenes Blatt wahr spricht, erwiesen die Conservativen durch die Beifallsbezeugungen, welche sie jedem judenfeindlichen Schlagwort der Böckel, Stöcker und Genossen widmeten, selbst Böckel's, der doch den Demokraten spielt Indessen erklärten die Nationalliberalen trotz ihrer Verbindung mit den Conservativen, daß sie niemals einer Beschränkung der Rechte der Juden, also der Gleichberechtigung zustimmen werden, und das Centrum in dem richtigen Gefühle, daß das,womit heute die Majoritätden Einen träfe, sie das morgen dem Anderen zuerlheilen werde, hat sich gleicherweise Ausnahmegesetzen hinsichtlich der staatsbürgerlichen Rechte entgegen erwiesen. Hiermit ist wohl jede Befürchtung einer Rechtsverletzung gegen uns ausgeschlossen, bis die nächsten Wahlen, die ersten für eine fünfjährige Legislaturperiode, ein weiteres entscheidendes Wort sprechen werden. Vorläufig können wir also die weitere Entwickelung der Dinge ruhig abwarten. Bonn, 22. Februar. Literarischer Wochenbericht. Unsere schon früher einmal lückenhaft und willkürlich ins Hebräische übersetzte Erzählung „Hispanien und Jerusalem" ist vor Kurzem in Warschau (I. Goldmann) von Herrn S. Dicker in ganz vortrefflicher Uebertragung in dieselbe Sprache erschienen: tidd hed. — Es freut uns, daß unsere Schriften durch Uebersetzungen ins Hebräische und Russische einen neuen und weiten Wirkungskreis gewinnen. So erscheint binnen Kurzem eine hebräische Uebersetzung unserer Vorlesungen „Ueber die Entwickelung der religiösen Idee im Judenthnm, Christenthum und Islam." —Zu der übermäßig angewachsenen Antisemiten- und Philosemiten- Literatur gesellte sich jüngst: „Allerhand über Antisemiten und Juden, von vr. Ludwig Battabeki, ins Deutsche

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