Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1888)
- Date
- 1888-03-01
- Page
- Seite 131 (sequence 3)
- Language
- German
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131 Tage liegt. Was in dieser Broschüre im höchsten Grade auffällig ist, und wovon wir bis jetzt kein Beispiel gefunden, das ist die außerordentliche moralische Versunkenheit, in welcher sie die christliche Welt, nnd die moralische Veredlung, in welcher sie die jüdische Masse sieht — die Masse, denn von den reichen Juden sieht sie ab, und sagt, daß sie sie gar nicht kenne. Sie findet nicht Worte genug, um beides zu kennzeichnen und auszumalen. Sie geht dabei besonders auf die Erziehung zurück, die sie bei den Juden in moralischer und intellektueller Weise vorzüglich, das Gegentheil bei den Christen findet. Welche Zustände sie hierbei vor Augen hat, brauchen wir nicht zu untersuchen. Insbesondere stellt sie das Verhalten der jüdischen Kinder zu ihren alten Eltern, selbst zu den Großeltern als musterhaft hin, während ihr bei ihren Glaubensgenossen allzu oft das Gegentheil begegne. Sie sagt u. A. (p. 15): „Die dem jüdischen Kinde gegebene Erziehung hat eine solide und moralische Basis, während die, welche man dem christlichen Kinde gewährt, oft nur eine Anregung zu den Leidenschaften, zum Ungehorsam, zu allen Lastern ist." Sie führt diesen Satz weitläufig aus. Gegen Mischehen spricht sie sich entschieden aus, da sie aus völliger religiöser Gleichgültigkeit hervorgehen und schon hinsichtlich der Kinder zu einschneidenden Mißhelligkeiten führen. Wir brauchen nicht noch einmal hervorzuheben, daß in allen diesen Behauptungen bei unbedingter Aufrichtigkeit viel Uebertreibung Platz gegriffen hat. Ist es nicht eine solche, wenn sie, wie so viele es thun, den Einfluß der Juden z. B. als Mitglieder der Parlamente so groß vermeint, daß sie den Gesetzen „einen den Völkern und den fundamentalen Ideen derselben entgegengesetzten Geist einflößen werden". Wie dies einem Paar jüdischer, von der christlichen Bevölkerung erwählter Deputirten, gegenüber der Regierung und der ungeheuren Mehrzahl ihrer Collegen möglich wäre, scheint sie nicht überlegt zu haben, noch weniger vermag sie diesen vorausgesetzten Gegensatz irgendwie nachzuweisen. Sie hat auch jenes berüchtigte Buch eines gewissenlosen Renegaten gelesen, welches das „Kahal" der Juden, d. i. das jüdische Gemeindewesen als staatsfeindlich und staatsgefährlich in Rußland denuncirt hat, und ist davon beunruhigt, ohne darüber aufgeklärt zu sein. Das russische Gesetz hat diese Kahals aufgelöst, und die Dinge stehen nicht anders wie vorher. Jedenfalls will sie, wenn sie auch „den Juden nicht als einen Compatrioten" betrachten könne, daß derselbe nicht feindselig behandelt werde und daß man ihm dieselben Rechte und denselben Schutz „wie allen Fremden" gewähren müsse. Nun, die russische Fürstin würde von solchem Standpunkte aus die Mehrzahl der russischen Unterthanen als „Nichtcompatrioten und Fremde" betrachten müssen. Allerdings erwägt auch sie die Frage, wenn die Juden Christen werden wollten, welcher Kirche sie sich zuwenden sollten, da die Christenheit so vielfach gespalten ist und die Kirchen sich gegenseitig aufs Heftigste bekämpfen. Selbstverständlich kommt bei dieser Prüfung die katholische und die protestantische Kirche schlecht weg. Sie scheint aber ihre eigene, die griechisch-orthodoxe Kirche nicht zu kennen, da sie dieselbe für weit duldsamer und wohlthätiger erklärt als die anderen, dem Proselytismus abgeneigt. Wer die russischen Gesetze über das Verhältniß der orthodoxen Kirche zu den übrigen Confessionen kennt, z. B. mit welchen Strafen der Uebertritt von ihr zu einer anderen Confession selbst betreffs von Individuen kennt, welche früher einem anderen Glauben angehörten und zu diesem zurückkehren wollen, wird der Verfasserin hierin wenig beistimmen. Auch den neuen Erfindungen der modernen Wissenschaft schreibt sie eine nachtheilige Anwendung zu: die Eisenbahnen werden für die Kriege benutzt, der Telegraph begünstigt das Börsenspiel, die Buchdruckerknnst, Literatur und Publicistik werden im Dienste der Laster gebraucht, die Naturwissenschaften entziehen der Ueberzeugung allen religiösen und sittlichen Halt. „Man bereitet," ruft sie aus, „ein Geschlecht von Narren und Unglücklichen und treibt den Menschen zum Selbstmorde. Der Mensch wollte alle Genüsse häufen und hat das Glück verloren" (p. 30). Das Raisonnement der Fürstin geht darauf hinaus: „Es bleibt uns also zu wünschen übrig, daß die christlichen Nationen, statt überall Fehler der Juden zu erblicken, vielmehr suchen sollten, dieselben in ihren moralischen Eigenschaften, in ihren Beziehungen unter einander und in ihrer Glaubenstreue nachzuahmen, auf daß in uns die Gefühle der Moralität und der Familienliebe Wiederaufleben" (p. 26). — Die Schrift der Fürstin Gortschakoff- Ouvaroff ist darum einzig in ihrer Art, weil sie statt des jetzt in Deutschland und Frankreich so häufig gehörten Aufrufes „Deutschland und Frankreich verjuden" — im Gegentheil behauptet, die christliche Welt müsse „sich verjuden", d. h. die Tugenden der Juden annehmen. Liegt hierin nun auch eine Extravaganz, so möchten wir doch darin den Anfang einer gerechteren Würdigung erkennen, wenn wir glauben könnten, daß eine solche Stimme in dem heftigen Parteikampfe unserer Zeit irgend welches Gehör fände. Die Verschiebung der Parteien. Wenn eine allgemeine, Dauer versprechende Veränderung in der Machtstellung der Parteien vor sich geht, und hiermit andere Prinzipien und Ansichten Geltung verlangen, mit einem Worte, das Staatssteuer in die Hände einer anderen Partei übergeht — wozu nicht immer ein Wechsel der Personen nöthig ist — so drängt sich dies der Beobachtung als ein höchst wichtiger Gegenstand aus. Denn einerseits muß eine solche Verschiebung in einem Wandel des Volks- und Staaten- 8*