Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1888)
- Date
- 1888-03-01
- Page
- Seite 130 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227717-3227727--45120-3264615- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
130 schüre führt den Titel: Juifs et Chretiens par Nathalie G-ortschal off-Ouvaroff. Schon der Name der Verfasserin bringt Erinnerungen mit sich. Gortschakoff hat sich nicht selten den Juden sehr abgeneigt gezeigt und selbst auf dem Berliner Congreß den Rechtszugeständnissen für dieselben in den Donau- und Balkanstaaten, Zugeständnisse, welche, wie die Erfahrung genügend gezeigt hat, nur nominell ge' meint waren, Widerstand geleistet. Ouwaroff hingegen war der Name des gebildetsten und humansten Mannes, der jemals auf einem russischen Ministersessel Platz genommen. Unsere Verfasserin ist voll religiöser und sittlicher Gesinnung, von humanem Charakter und geleitet von den besten Absichten. Aber sie ist, was man einer Dame, aber nicht demjenigen verzeiht, mag er Mann oder Frau sein, welcher in einer großen Angelegenheit das Wort ergreift, die Fürstin ist voller Uebertreibungen, und dieses schadet ihrer ganzen Auffassung und legt dieselbe ziemlich lahm. Vor allem sieht sie ihre christlichen Glaubensgenossen sämmtlich in Atheismus, Unsittlichkeit und Lieblosigkeit versunken, und selbst da, wo noch der christliche Glaube aufrecht erhalten wird, findet sie ihn fern von jeder Wärme, von jedem Einfluß auf die Wirklichkeit, auf das Thun und Lassen. Im Gegentheil erkennt sie in den Juden die volle Energie der religiösen Ueberzeugung, die selbst da noch ausdauert, wo der innere Zusammenhang loser geworden, und welche eine unerschütterliche Moralität, namentlich in dem Familienleben, in dem Verhältniß der Kinder zu den Eltern, in der Heiligkeit der Ehe und in der Solidarität der Juden untereinander bewirkt. Solche Aussprüche sind doch wohl nur möglich aus den höheren Kreisen der russischen und der französischen Gesellschaft heraus, wodurch der Blick in die weiteren Schichten des Lebens getrübt wird. Sie kommt selbst zu dem Satze: „So, annehmend, daß die christliche Moral unendlich erhabener ist als die jüdische Moral, bleibt uns nur übrig, zu beklagen, daß die jüdische Moralität unendlich höher steht als die christliche Moralität" (p. 10). Wir brauchen nicht erst nachzuweisen, wie viel diese Antithese in beiden Theilen auf Uebertreibung beruht. Sehen wir z. B., wohin die Fürstin ihr Ziel versetzt. Wenn, meint sie, jetzt jemand glaubt, man müsse die Juden eivilisiren, um die vorhandenen Schwierigkeiten zu lösen, so „haben meine persönlichen Beobachtungen mich zu einem ganz verschiedenen Schluffe geführt: der Jude, soweit er Nation ist, ist an der äußersten Grenze angelangt, welche die Entwickelung des Menschenthums unter dem mosaischen Gesetze befaßt. Mir scheint es, als handele es sich jetzt darum, die Nationen gründlich zu eivilisiren und zu christianisiren, unter welchen die Juden leben, sie, wenn nicht zur Liebe, doch zur Achtung dieser Nationen zu führen, den Juden zum Zeugen der Früchte zu machen, welche die Civilisation tragen wird — dann wird das Ziel nahezu erreicht sein, Haß und Verachtung werden wohlwollenden Beziehungen Platz machen, und der Jude wird glücklich sein, in dem Christen einen Bruder zu erkennen." — Man wird der Sprecherin dieser Worte hohe Gesichtspunkte nicht aberkennen können, ohne daß sie jedoch die wirklichen Verhältnisse in den verschiedenen Ländern kennt und berücksichtigt. Was die Juden am meisten vom Christenthum zurückschrecke, sei der Mangel an Sittlichkeit, an practischer Ausführung der christlichen Moral, welcher ihnen überall bei den Christen ausfallen müsse. Sie meint, mit den christlichen Glaubenssätzen könne sich der schriftgelehrte Jude verständigen, aber das Thun und Treiben der Christen schrecke ihn ab. Man sieht, die Fürstin urtheilt auch hier unrichtig, denn gerade die dogmatische Seite ist es, welche den Juden die Uebereinstimmung mit der Christenlehre unmöglich macht, und gerade der schriftkundige Jude kann sich von der richtigen Deutung der Schriststellen, welche die christlichen Theologen auf Jesus beziehen, nicht überzeugen. Andererseits findet unsere Verfasser die den Juden national absondernden Momente in dem Messiasglauben und in der Zuversicht, nach Jerusalem zurückzukommen. Sie giebt zwar zu, daß beide in unserer Zeit in zahllosen Juden abgeblaßt seien, wie denn bei der Auswanderung aus Rußland nur sehr wenige Juden nach Palästina, die große Mehrzahl nach Amerika gegangen seien — aber etwas bleibe doch immer in der Seele zurück. Daß dieses „etwas" die Juden verhindern solle, volle, hingebende Patrioten zu sein, wird niemand einsehen. Jene beiden Momente sind in uns Juden zu Abstracten geworden, denen wir in einer ebenso rationellen wie gemüthlichen Auffassung, und zwar als messianische Zeit für die ganze Menschheit nach der Lehre großer Propheten treu anhangen, die jedoch auf das wirkliche Leben, außer ihrem allgemein sittlichenden Einfluß, keine reale Wirkung üben. Es ist überhaupt der Grundirrthum der Fürstin, den Gegensatz zwischen Christen und Juden allzu schroff aufzufassen und eine Vermittelung innerhalb desselben nicht zu kennen, was wohl aus den Zuständen in Rußland erklärlich ist, wo alles Mögliche geschehen ist und geschieht, um die jüdische Masse in ihrer Absonderung zu erhalten. Geht sie doch so weit, ein „Geheimniß der Börse" vorauszusetzen, das von den Juden „in einer offensiven und defensiven Allianz den anderen Nationen gegenüber bewahrt werde" (p. 7). Daß an allen Börsen nicht minder Christen wie Juden speculiren, an einigen, wie in London, mehr von christlichen als von jüdischen Banquiers, daß die meisten jüdischen Finanziers mindestens ebenso viele christliche wie jüdische Commis und Mitarbeiter haben, daß endlich an den Börsen von Juden ebenso gut gegen einander speculirt wird wie von Christen scheint die Fürstin nicht zu wissen, sonst könnte sie mcht von einem Geheimniß und einer Allianz sprechen, wo Alles zu