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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-03-01 · Heft 9 (1.3.1888) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 9 (1.3.1888)
Date
1888-03-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Ein «nMttciWcs Organ sitr alles jwischc Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Mlippjon in Bonn. GZepeörtion: Leipzig, WoßpLah 17. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an Vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 52. Jahrgang. Leipzig, den 1. März 1888., Nr. 9. Ittbalt. Leitende Artikel: Russisch und Französisch.— Die Verschiebung der Parteien. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin. — Oesterrreich-Ungarn: Wien. — Rußland: Podivoloczyska. — Spanien: Madrid. — Türkei: Salonichi. — Palästina: Jerusalem. — Marokkko: Tanger. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Zur Geschichte der Juden in Göttingen. — Correspondenz. Bonn, den 26. Februar. Nusfisch und Französisch. Seit einiger Zeit geht durch die politische Welt die Meinung, daß Rußland und Frankreich sich verbinden werden, um die europäischen Mittelmächte zu bekämpfen. Es ist nicht unsere Aufgabe, zu untersuchen, wie viel Wahres an dieser Ansicht sei. Keinem Zweifel unterliegt es aber, daß die russische Gesellschaft seit längerer Zeit dem Deutschthum feindlich, dem französischen Wesen überaus günstig gesinnt sei. — Es war dies früher anders, und die deutsche Sprache war selbst am Hofe des Kaisers Nikolaus und eine Zeit lang noch unter Alexander II. die vorherrschende. Man konnte selbst an den Czaren Eingaben und Gesuche in deutscher Sprache richten. Gegenwärtig verhalten sich die Dinge in Petersburg nicht mehr so. Russische hervorragende Persönlichkeiten, Staatsmänner, Generale werben um die Gunst der französischen Welt, und die Franzosen schmeicheln den Russen auf jede Weise. Schwerlich wird man dem Product eines Russen in deutscher Sprache noch begegnen, wenn es nicht eine Übersetzung ist, und wenn Russen etwas der Welt mittheilen, so geschieht dies in französischer Sprache. Wir brauchen hierüber dem Sachkundigen Beispiele nicht anzuführen; man wird sich z. B. der Schilderungen der gesellschaftlichen Zustände in Berlin, Wien, London aus russischer Feder erinnern. Der Stil verräth sofort die Nationalität des Verfassers. So kann es uns nicht wundern, wenn uns heute eine Broschüre aus der Feder einer russischen Fürstin über den Antisemitismus vorliegt, die in Paris bei dem Buchhändler Ghio erschienen ist. Wie unsere Leser bemerkt haben müssen, haben wir es seit längerer Zeit aufgegeben, anti- und philosemitische Schriften des Weiteren zu besprechen. Singen sie doch immer dasselbe Lied. Hier aber hat sich eine hochstehende Dame, eine Russin, veranlaßt gefühlt, über die viel ventilirte Frage sich auszusprechen. Ist man schon überhaupt einer Dame einige Rücksicht schuldig, so setzt man bei einem Russen auch schon mehr Erfahrung und Sachkenntniß voraus, da sein Vaterland von einem so großen Theile unseres Stammes bewohnt ist. In einem Lande, dessen jüdische Bevölkerung eine so verschwindend kleine ist wie in Frankreich, und wo Zugleich seit bald einem Jahrhundert die Gleichberechtigung gesetzlich herrscht, ist der Antisemitismus nur ein — man verzeihe uns den Ausdruck — auf dem Mistbeete des Eigennutzes und der Gewinnsucht künstlich aufgezogenes Gewächs, das nach kurzem Dasein wieder verschwindet. Denn das Volk findet eben keinen thatsächlichen Anhalt für Haß und Verfolgung, begegnet auf seinen Wegen nur höchst selten einem Juden, der noch dazu unter hundert Fällen kaum einmal interessirt. In Rußland verhält es sich anders. Hier, wo die Juden in einem verhältnißmäßig kleinen Raum zusammengedrängt und an vielen anderweitigen Plätzen beständig der Ausweisung unterworfen sind, muß der Jude immerfort auffallen und zum Gegenstand der Erörterung, der Vorurtheile, der Leidenschaft werden. Die Bro-

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