Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1888)
- Date
- 1888-02-23
- Page
- Seite 125 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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125 Rußland. Petersburg, im Februar. Wie man der „Polit. Corr." aus Warschau meldet, ist eine ministerielle Verordnung veröffentlicht worden, wonach alle fremden Juden, die bis zum 1. Mai d. Idie behördliche Bewilligung zur Führung von Handelsgeschäften nicht erlangt haben werden, vor dem 1. Januar 1889 unbedingt das russische Staatsgebiet verlassen müssen. Warschau, 6. Februar. Vermittelst eines Polizeibefehls sind 106 fremde Juden ousgewiesen worden. Dieselben dürfen das russische Reich nicht wieder betreten. Unter den Ausgewiesenen befinden sich folgende Staatsangehörige: 54 österreichische, 27 preußische, 4 serbische, 4 rumänische, 3 französische, 2 schwedische, 1 dänischer und 1 bulgarischer. Großbritanien. Laudon, 9. Februar. Dem „Standard" zufolge wird Baron Worms zum Präsidenten des Handelsamtes mit dem Sitze im Cabinet ernannt. (S. oben Berlin. Redact.) Türkei. Konstantinopel, 10. Februar. Der „Pol. Corr." wird von hier geschrieben: Der Aufenthalt der Baronin Hirsch in der türkischen Hauptstadt war von einer Reihe täglich fortgesetzter Akte der Wohlthätigkeit begleitet. Sie widmete verschiedenen Humanitären Anstalten sehr bedeutende Spenden und suchte insbesondere das Schicksal jener zahlreichen jüdischen Familien zu mildern, die seit vielen Jahren in beispiellosem Elend, in kläglichen Hütten gewisser Quartiere von Galata und Haskiöi ihr Dasein fristen. Von anonymer Seite ist der Baronin Hirsch ein Schreiben zugegangen, in welchem ihr die Gründung eines Credit-Jnstituts für kleine jüdische Kaufleute und Gewerbetreibende, sowie die Errichtung von Gewerbeschulen für Angehörige dieser Confessio« nahegelegt wird, mit dem Hinweis, daß durch derartige Schöpfungen dem Elend zahlreicher jüdischer Familien gründlicher abgeholfen würde, als durch noch so beträchtliche augenblickliche Geldspenden. Bonn, 19. Februar. (Notizen.) Man schreibt uns aus Berlin: vr. Rosenstock, der bisherige Director der Samson-Schule in Wolfenbüttel, welcher schon seit Jahresfrist schwer leidend ist, tritt zum 1. April d. I. mit Pension in den Ruhestand. — Am Sonnabend überreichten im Hause Linienstr. 154. dem vr. David Cassel, der seinen 70. Geburtstag feierte, vierzehn Deputationen Adressen und Ehrengeschenke; unter jenen befand sich das Lehrerkollegium der Hochschule der Wissenschaft des Judenthums, der der Gefeierte als Dozent angehört; der Sprecher war Prof. vr. Lazarus. Ferner erschien eine Vertretung der jüdischen Gemeinde zu Berlin, des Rabbinerverbandes Deutschlands, der früheren Schüler des Lehrer-Seminars, der jüdischen Gemeinde-Knabenschule, des akademischen Vereins der Wissenschaft des Judenthums, der Studirenden der Hochschule rc.; eine besondere Kundgebung erfolgte von den früheren Zöglingen der Dina Rauen'schen Erziehungsanstalt, der vr. Cassel 33 Jahre als Erzieher vorgestanden, dem Kuratorium dieser Stiftung und von verschiedenen Wohlthätigkeitsvereinen, zu deren Vorstandsmitglied vr. Cassel seit Jahrzehnten gehört. — Am 10. d. verstarb zu Leipzig der zweitälteste der dortigen Universität, der berühmte Orientalist Prof. Fleischer. Derselbe war ein höchst human gesinnter Mann, der auch jüdischen Bestrebungen und Arbeiten Anerkennung zollte. So hat er auch schätzenswerthe Beiträge zu dem Talmudischen Lexicon von Levy geliefert. — Man schreibt aus Mannheim vom 10. Febr.: Hochbetagt, im 81. Lebensjahre, starb heute der ehemalige Bürgermeister von Worms, Herr Ferdinand Eberstadt, ein entschiedener Anhänger der demokratischen Partei, welcher er bis zu seinem Lebensende die Treue bewahrte. Der Verstorbene nahm an der politischen Bewegung des Jahres 1848 den lebhaftesten Antheil und wurde bald der Führer der damals in seiner Vaterstadt Worms einflußreichen demokratischen Partei. Die Wormser Bürgerschaft ehrte die mit Mäßigung verbundene Gesinnung und Tüchtigkeit des Mannes, indem sie ihn im Jahre 1850 zum Bürgermeister ernannte, für einen Israeliten damals eine ganz besondere Auszeichnung. Aber schon im Jahre 1853 trat Eberstadt von der Leitung der städtischen Angelegenheiten zurück. Die überall hereinbrechende Reaktion hatte ihm die Behauptung des mit Geschick und Erfolg geführten Ehrenamtes, und bald auch den Aufenthalt in Worms verleidet. Er übersiedelte nach Mannheim und widmete sich ganz seinem kaufmännischen Berufe. Der deutschen Einheitsbewegung, welche 1859 wieder begann, und der Wiederaufrichtung des Reiches folgte er mit größter Antheilnahme und blieb auch in regem persönlichen und brieflichen Verkehr mit vielen politischen Freunden und Gesinnungsgenossen. An öffentlicher politischer Thätigkeit betheiligte er sich jedoch nicht mehr, blieb aber den Anschauungen, welche er einmal für die richtigen erkannt hatte, bis zu seinem letzten Athemzuge treu. — Man schreibt aus Breslau vom 12. Febr.: Morgen feiert vr. Julius Stein, der frühre langjährige Rcdacteur der »Breslauer Zeitung", sein 50jähriges Doctorjubiläum. Heute steht, so bemerkt die „Breslauer Zeitung", der Jubilar vor uns als einer der besten Bürger unserer Stadt, als ein allverehrter Veteran der Journalistik, als ein nachahmungswerthes Muster eines Mannes, der sein Leben