Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1888)
- Date
- 1888-02-23
- Page
- Seite 118 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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118 das beinahe Regel war, aus Noth zum Lehrberufe griffen, nachdem sie in irgend einer Existenz Schiffbruch erlitten hatten. Endlich will ich gerade heraussagen, daß bei einem großen, vielleicht bei dem größten Theile der alten Lehrer Resultate, die sie im Unterricht erzielten, in gar keinem Verhältnisse zu der aufgewendeten Zeit standen. Ja, noch mehr, viele Mißerfolge, welche in mangelhaften Kenntnissen der Schüler, in einer Unlust an dem Gegenstand, in Verachtung desselben bestanden, sind geradezu auf die Unbildung der Lehrer zurückzuführen. Die Frage ist nun, worin überhaupt die Bildung der Religionslehrer zu bestehen habe. Sie ist eine allgemein Pädagogische, eine fachliche und formal methodische. Die allgemeine pädagogische Bildung hat uns hier nicht zu beschäftigen. Da, wo die Candidaten des Lehramtes an fachlichen Lehrerbildungsanstalten herangebildet werden, ergiebt sie sich von selbst, wo dies nicht der Fall ist, müßten besondere Curie errichtet werden, in denen dieser Gegenstand in derselben Weise, wie an Lehrerbildungsanstalten gelehrt werden. Die fachliche Bildung ist leider ein Gegenstand der widersprechendsten Wünsche und Anforderungen, welche aus den verschiedenen Bedürfnissen der Gemeinde sich erklären. Die Einen verlangen, daß der Unterricht sich auf biblische Geschichte, systematische Religionslehre und oberflächliche Kenntniß des Gebetbuchs beschränke, Andere wieder wollen, daß die Volksschule die ganze Thora im Urtexte durchzunehmen habe; wieder Andere verlangen noch die Psalmen und Einiges von den Propheten dazu, wieder Andere ziehen auch Raschi in ihren Bereich, und endlich giebt es solche, welche die Kenntniß rabbinischer Ritual-Werke in den Bereich ihrer Anforderungen einziehen. Auf der andern Seite kommt es häufig hauptsächlich bei manchen fachlich nicht gründlich genug gebildeten Religionslehrern vor, daß sie meinen, die Religionslehrer bedürfen überhaupt nicht quellenmäßiger Kenntniß des von ihnen behandelten Lehrstoffes. Das ist allerdings genau die Geschichte von den sauren Trauben, aber anderseits haben gerade die streng-frommen Rabbiner der alten Schule auf eine gründlich fachliche Bildung des Religionslehrers am allerwenigsten Werth gelegt, indem sie sagten: Das Bischen, was er braucht, wird er noch immer kennen. Die moderne Anstauung aber, welche sich nicht darauf beschränken kann, von dem Religionslehrer zu verlangen, daß er befähigt sei, seinen Schülern die practische Handhabung des Gebetbuches einzudrillen, sondern vor Allem darauf abzielt, daß der Lehrer es versiehe, den Kindern Interesse für religiöses Wissen und Liebe zur Religion einzuflößen, muß von demselben eine Bildung verlangen, die, wenn auch weniger umfangreich, doch tiefer angelegt sein muß, wie das früher der Fall war. Wir können unsere Anforderungen genauer präcisiren. Der Lehrer, welcher in Volksschulen unterrichtet, welcher allen Kindern die grundlegende, einzelnen sogar die abschließende Blidung giebt, muß des hebräischen soweit mächtig sein, daß er die Thora und die erzählenden Bücher der Schrift vollkommen beherrscht, daß er über die Methodik des biblischen Geschichtsunterrichts sich vollkommen klar sei, sowie daß er die jüdische Sittenlehre gründlich inne habe und mit dem religiösen Brauche sowohl in dessen Bedeutung, wie in dessen geschichtlicher Entwickelung vollständig bekannt sei. Sehr wichtig ist es dabei auch, daß ein solcher Lehrer die hebräische Grammatik nicht in der bei uns üblichen Darstellung Bensews, sondern in ihrer wissenschaftlichen Auffassung kenne. Ich will damit nicht etwa sagen, daß ein solcher Lehrer das Lehrbuch der hebräischen Sprache von Stade oder von E. König durchgearbeitet haben muß; gerade im Gegentheil; es genügt, wenn er den kleinsten Abriß der Formenlehre, wie etwa den von Scholz — obwohl gerade dieses Büchlein wegen der nach dem heutigen Stande der Wissenschaft ganz unhaltbaren Lehre von den dreilautigen Stämmen, mir gar nicht zusagt — kennt, nur soll er nicht, wie es noch immer von vielen Lehrern geschieht, die Schüler mit den unvernünftigsten Regeln plagen . . . Für den Lehrer höherer Schulen ist eine gründliche Kenntniß der biblischen Exegese unerläßlich, und das ist der Punkt, bei welchem unter uns noch viele Schwächen angetroffen werden. Die letzten Jahrhunderte jüdischer Geistesarbeit waren für die biblischen Wissenschaften ziemlich unfruchtbar, Mendelssohn und seine Jünger haben darin nicht durchaus Lobenswerthes geleistet und unsere geistige Richtung hatte durch die Verbreitung des Talmudstudiums eine ganz besondere Sucht nach dem Unnatürlichen bekommen, so daß selbst die spätere Erweckung der Bibelkunde unter den Juden durch Luzatto u. A. nicht so fruchtbringend wurde, als man hätte erwarten können. Ja, ich glaube kühn behaupten zu können, daß wir in der Kenntniß der Bibel Rückschritte gemacht haben, denn die große Mehrzahl unserer Fachmänner besitzt nicht mehr die mechanische Geläufigkeit in der Bibel, welche die Alten besaßen und hat anderseits nicht diejenige wissenschaftliche Kenntniß ihres Inhalts, welche den christlichen Theologen eigen ist. Eine weitere unerläßliche Forderung in der Bildung jüdischer Religionslehrer ist die Kenntniß der nachbiblischen Literatur, und darunter befasse ich auch die Talmudische, jedoch ohne sie besonders hervorzuheben, denn sie muß ebenso, aber auch nicht mehr als Ausdruck religiösen Denkens und sittlichen Auschauens betrachtet werden, wie alles Andere, was die spätere Zeit hervorgebracht hat. Ja, es giebt Manches, was mir wichtiger scheint. Es ist viel wichtiger für den Lehrer, zu wissen, wie ein Mann vom Schlage des Mai-