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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-02-23 · Heft 8 (23.2.1888) · p. Seite 117

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 8 (23.2.1888)
Date
1888-02-23
Page
Seite 117 (sequence 5)
Language
German
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117 sind aber auch außerhalb der Wahlkämpfe, namentlich in Berlin vorhanden, wo seitens des Herrn Stöcker in einer von keinem Anderen übertroffenen Art agitirt wird. Niemand war so wenig berufen, andere Parteien zur Friedfertigkeit und Herabminderung der Agitation zu ermahnen, wie Herr Stöcker. Den Widerspruch zwischen der Art und Weise seiner Agitation und seiner heutigen Rede vermag ich nicht mit einem parlamentarisch zulässigen Ausdruck genügend zu-kennzeichnen." — Wir glauben, dies ist genug. Nachschrift. Dieselbe Scene wiederholte sich bei derselben Veranlassung im preuß. Abgeordnetenhause. Rickert hatte Stöcker seine Auslassungen in Dresden bei dem antisemitischen Congreß vorgeworfen. Darauf rechtfertigte St. seine antisemitische Agitation mit den bekannten Phrasen, die von den Conservativen mit lautem Beifall begleitet wurden. Abg. Munckel antwortete ihm ebenso schlagend wie witzig, doch St. war von der Majorität gedeckt. Welche niederschlagenden Thatsachen für diejenigen Juden, welche bei den Wahlen sich für die Conservativen in's Zeug gelegt haben! Brüx, im Februar. Die berufliche Vorbildung der Religionslehrer. Bon Dr. G. Deutsch. Einst wurde ich von einem staatlichen Schulinspector gefragt, warum gegen jüdische Religionslehrer seitens der Eltern so oft Klage geführt werde? Ich antwortete: „Weil das Dilettantenthum nirgends so stark vertreten ist, als auf dem Gebiete der Schule, schon zunächst dadurch, daß alle Eltern sich ihre eigene Meinung in der Pädagogik bilden zu können glauben. Ebenso hat in Bezug auf Religion Jeder seine eigene Meinung, auf die er Niemanden einen maßgebenden Einfluß gestattet. Was Wunder, wenn in Bezug auf Pädagogik des Religionsunterrichtes jeder Einzelne sich doppelt berechtigt glaubt, ein sicheres Urtheil zu haben?" Der Jnspector fand diese Erklärung ausreichend, ich aber mußte mir die Worte vorsprechen, welche nach der Erzählung des Midrasch (Tanchuma npn '0 c. 8.) die Schüler R. Jochanans ihrem Meister sagten, als er die Frage eines Heiden nach dem Grunde des Sühneopfers von der rothen Kuh mit der Erklärung beantwortet, daß die dabei vorgeschriebenen Gebräuche ein Mittel seien, den bösen Geist der Unreinheit auszutreiben. Da sagen die Schüler: diesen Mann hast du mit einem morschen Stecken geschlagen, was aber willst du uns antworten? Ohne zu leugnen, daß die angeführten Gründe dazu beitragen, die zahlreichen Klagen über den jüdischen Religionsunterricht zu erklären, muß ich doch unter uns den Grund mit heranziehen, daß unsere Religionslehrer sehr häufig einen erschreckenden Mangel an allgemeiner, an fachlicher Bildung, sowie an dem nöthigen sittlichen Ernst und an der nöthigen Berufsliebe aufweisen. Die Verhältnisse in Deutschland kenne ich nicht genug, weiß aber, daß die genannten Uebelstände auch dort existiren, sowie ich anderseits gerne zugebe, daß die Sachlage im Allgemeinen dort eine bessere ist, wo jüdische Lehrerbildungsanstalten und confessionelle jüdische Schulen noch existiren. Hingegen ist in Oesterreich keine einzige jüdische Lehrerbildungsanstalt; confessionelle Schulen giebt es nur sehr wenige nnd darum ist auch ein großer Mangel an beruflich vorgebildeten Lehrern fühlbar, und die wenigen Vorhandenen haben ihr Wissen dadurch erworben, daß sie auf der Lehrerbildungsanstalt 1--2 Stunden wöchentlich Religionsunterricht erhielten. Sehr häufig haben sie auch als Zöglinge gar nicht daran gedacht, jemals jüdischen Religionsunterricht zu ertheiten, und endlich ist oft der Unterricht, den sie genossen haben, ein sehr mangelhafter gewesen, da er wieder von Lehrern ertheilt wurde, denen pädagogische Bildung, ganz oder zum größten Theile, abgingen und die deßhalb nicht in der Lage waren, sich in die Erfordernisse ihrer Aufgabe zu vertiefen. Es giebt allerdings unter uns noch Leute genug, welche meinen, pädagogische Bildung sei dem Religionslehrer nicht durchaus nöthig und gerne darauf Hinweisen, daß die alte Zeit, welche keine beruflich gebildeten Religionslehrer kannte, Besseres geleistet und bedeutendere Resultate aufgewiesen habe, als die jetzige. Das ist zunächst zum Theil unrichtig, denn man findet noch heute bei alten Leuten, die in ihrem Sidur vortrefflich zu Hause sind, eine mitunter geradezu stauneuswerthe Unkenntniß der biblischen Geschichte, und ebenso vermißt man bei ihnen sehr häufig auch die oberflächlichste Kenntniß von den Gründen der Religionsgebräuche, welche sie üben. Wenn nun auf der andern Seile zugegeben werden muß, daß die alte Schule eine gründlichere Kenntniß des religiösen Lebens ihren Schülern beizubringen vermochte, so darf man nicht übersehen, daß diese Erfolge mehr quoique als parceque erzielt wurden. Man darf eben nicht unterschätzen, welche Bedeutung für den Unterricht das größere Interesse hat, welches die Schüler der alten Zeit dem Gegenstand entgegenbrachten; man darf ferner nicht unterschätzen, welche Hilfe das Haus mit seinen religiösen Uebungen der Schule leistete. Nun ist das einmal nicht mehr vorhanden, ohne daß irgend Jemanden die Schuld träfe, und unsere Aufgabe ist es, trotz aller Hindernisse für die religiöse Erziehung der Jugend das zu leisten, was wir zu leisten vermögen. Der Nachwuchs an Lehrern müßte schon deshalb fachlich geschult werden, weil die Gegenwart größere Anforderungen an sie stellt, und noch mehr deswegen, weil die heutigen Religionslehrer in der Regel nicht mehr diejenige Kenntniß des religiösen Lebens besitzen, welche die alten selbst dann mitbrachten, wenn sie, wie ja

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