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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-02-23 · Heft 8 (23.2.1888) · p. Seite 116

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 8 (23.2.1888)
Date
1888-02-23
Page
Seite 116 (sequence 4)
Language
German
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116 legen sich selbst Entbehrungen aller Art auf, um ihre Kinder zu diesem Ziele zu führen. Es ist eine andere Frage, ob sie hieran Recht thun, ob sie ihren Kindern nicht eine höchst dornenvolle Jugend und höchst schwierige Wege, um zu einer angemessenen Existenz zu gelangen, beschreiten lassen. Uns ist heute nur an dieser Thatsache gelegen, die vollkommen ausreicht, um uns zu erweisen, daß auch heute noch in der jüdischen Masse die Schätzung des Geistes, die Achtung vor dem durch Geist Ueberlegenen vorwaltet, und der alte Jnstinct die jüdischen Eltern selbst in weltentlegenen Dörfern dazu treibt, ihre Kinder der geistigen Entfaltung zuzuführen. Die Stöckenade in ihrem weiteren Verlauf, v. Die alten Römer hatten das Sprüchwort: ex Africa semper aliquid novi „aus Afrika immer etwas Neues". Derjenige, welcher einmal Herrn Stöcker seine Aufmerksamkeit geschenkt hat oder zu schenken verurtherlt ist, kann dieses Sprüchwort auf ihn anwenden. Denn als ein ganz neuer Mann ist derselbe in der Sitzung des Reichstages vom 9. Februar, in der zweiten Lesung des Gesetzentwurfes über die Verlängerung der Legislaturperiode von drei Jahren auf fünf, aufgetreten. Stöcker stellte sich hier dem Hause als ein friedliebender, jede Agitation vcrurtheilender, die Eintracht der Consessionen mit aller Kraft erstrebender Mann vor! Hätte das Jemand wohl geglaubt. Aber Stöcker wagte es, und sein Wagniß ist ihm gut bekommen. Er wollte nämlich für die Verlängerung sprechen. Als Grund trug er vor, daß durch die häufigere Wahlperiode die Agitation im Volke immer größer, heftiger, erbitterter würde. Ob dies stichhaltig sei, haben wir nicht zu untersuchen. Jedenfalls mußte sich nun Stöcker als ein Freund des ruhigen politischen und kirchlichen Lebens und als Feind aller Wühlereien und Hetzereien geriren. Und er that dies mit der größten Salbung und zum Beifall der Conservativen und Nationalliberalen. Was er selbst für Wühlereien und Hetzereien betrieben, wie weit er den consessionellen Hader und Haß in die Massen hineingetragen und zwar in die Reihen der Protestanten selbst — dies war ihm mit einem Male aus dem Gedächtniß geschwunden. Ist das nicht eine sehr starke Leistung? Er mußte ferner die gegnerischen Parteien der unsittlichsten Agitation zeihen und verlas hierzu aus dem Zusammenhang gerissene Stellen aus Flugblättern. Natürlich, an seine eigenen Reden und was er darin an äußerster Agitation geleistet, daran dachte er keinen Augenblick. Das will doch viel sagen! Ec nahm übrigens auch die Gelegenheit wahr, den Herren Führern der Nationalliberalen einen Fußtritt zu appliciren. Er dankte ihnen für ihre Unterschriften unter dem Aufruf für die Stadtmission; aber wenn sie gehofft, auf -die Stadtmissiou Einstuß zu gewinnen oder ihn gar aus der Leitung zu verdrängen, so gab er ihnen deutlich zu verstehen, daß ihre Hoffnung eine recht eitle gewesen. Nachdem sie unterschrieben, haben sie nichts weiter damit zu thun. Selbstverständlich schenkten ihm die Conservativen lang anhaltende Beifallsbezeugungen. Aber die Rede Stöckers, auch das wollen wir nicht verschweigen, hatte noch etwas Neues: die Juden kamen nicht ein einziges Mal darin vor, nicht einmal die bei ihm so beliebte „Judenpresse". Nun, vielleicht ist Stöcker in sich gegangen und wird von dieser Rede an nicht mehr agitiren und hetzen. Es soll uns willkommen sein. Doch hoffen wir es nicht, denn es kann Niemand seiner Natur entgehen. — Windthorst und Hänel ließen Stöcker nicht ohne Antwort. Der Erstere ging vom katholischen Standpunkt aus und ermahnte Stöcker, in „sein stilles Kämmerlein" zu gehen und zu erwägen, wie viel gerade er zum consessionellen Unfrieden, zum consessionellen Haß beigetragen habe. Entschiedener trat ihm Abg. Hänel entgegen. Er sagte u. A.: „Welche Agitation hat mehr Haß in der deutschen Nation genährt als die des Abg. Stöcker? (Sehr wahr!) Herr Stöcker hat eine Reihe von herausgerissenen Stellen aus einzelnen Flugblättern verlesen. Ich habe im Sinn, eine Summe von Reden des Abg. Stöcker vorzulesen, die an Leidenschaft und Verhetzung der religiösen Parteien gegen einander Alles übertreffen. Wenn es wahr wäre, daß ihn diese Agitationsmittel anekelten, warum wühlt er mit solchem Behagen darin herum? Heute hat er hier den Friedensapostel herausgekchrt; aber für seine Sünden auf diesem Gebiete zeugt seine Stellung zum Antisemitismus und seine höchst einseitige Stellung, die er selbst in der evangelischen Kirche einnimmt. Er hat jedes Mittel benutzt, um eine orthodoxe Partei, die in der Kirche nicht die Mehrheit hat, am Regiment zu erhalten. Die Verquickung des Christenthums mit einer specifischen Parteirichtung hat Niemand so sehr wie er herbcizuführen gesucht. Kein Mensch in Deutschland ist so wenig berufen, wie er, hier Ermahnungen zum Frieden an uns und das deutsche Volk zu richten. Ich hoffe, daß Herr Stöcker von denjenigen, denen er heute einen gewissen Dank abgestattet hat, einst wird verleugnet werden. Es ist charakteristisch, daß Herr Stöcker mit seiner Unschuld und Liebe, die ihm so wohl ansteht (Heiterkeit links), uns zurufen konnte, daß den Verdächtigungen der Parteien gegen einander ein Ende gesetzt werden solle und in demselben Athemzuge von einer Verbindung zwischen uns und den Socialdemokraten sprach. Wenn man gewisse Symptome unseres Wahlkampfes betrachtet, kann man allerdings mit Herrn Stöcker sagen: wir stehen vor einem Abgrund, und wenn gewisse leidenschaftliche Erregungen in einseitiger Weise ausgebeutet werden, liegen manche moralische Gefahren vor. Diese Gefahren gg

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