Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1888)
- Date
- 1888-02-23
- Page
- Seite 115 (sequence 3)
- Language
- German
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115 wurde erst recht die Macht, die der Geist in diesem Volke ausübte, sichtbar, denn vor dem strahlenden Lichte der Propheten verblaßte der Glanz des Thrones und des Hofes; bisweilen erzitterten diese vor jenen, und dem Einflüsse der gottbegeisterten Männer verdankte Israel seine Erhaltung, eben weil es den Geist achtete und ihm Folge leistete. Die Propheten harrten bei ihm aus, auch im Exil, die Männer des Geistes wie Daniel und seine Genossen verschafften ihm Raum selbst im Palaste des Herrschers, und die Propheten riefen es nach dem Vaterlande zurück, begleiteten es dahin, die Männer des Geistes bauten ihm Tempel und Stadt wieder und gaben ihm eine neue Organisation. Einige Zeit später hatte das jüdische Volk zu wählen: auf der einen Seite standen die Vornehmen und Reichen, die bei den Römern Angesehenen, die Sadducäer; auf der anderen die Männer des Volkes, die zugleich Männer des Geistes waren, einfache, schlichte Männer, zum Theil aus dem Handwerkerstande, ja aus den Tagelöhnern, aber weise, kenntnißreiche, für Lehre und Gesetz begeisterte, das Leben und die Person für dieselben einsetzende, Männer unablässigen Studiums und der sorgfältigsten Gewissenhaftigkeit, die Pharisäer. Jene vermochten durch den Glanz ihrer Häuser, durch ihren Reichthum, durch die Unterstützungen, die sie zu gewähren hatten, das Volk zu verblenden; diese hatten nur den Hinweis auf Gott und seine Lehre und die Erschwerungen des Gesetzes für sich. Die jüdische Masse zauderte nicht; sie stellte sich auf die Seite des Geistes, der volksthümlichen Lehre, des überkommenen Brauches — die Sadduzäer verschwanden, und die Pharisäer gingen in die Gesammtheit des Volkes auf. Wer die talmudischen Jahrhunderte überschaut, muß sich wundern, unter den Tausenden von Gelehrten, Lehrern und Weisen nur höchst wenige Männer von Macht und Ansehen genannt zu sehen. Man wird einwenden, daß ja die Gelehrten den Griffel geführt. Würde aber der Einfluß politisch und social angesehener oder gar mächtiger Männer innerhalb der Schulkreise und des Volkes, namentlich auch durch Kämpfe gegen die Schulhäupter, wie dies einige wenige Male seitens der Resch Glutha geschehen, breithin und oft sich fühlbar gemacht haben, so mußten die Streitfragen und Streithändel auch in den Protokollen des Talmuds zum Ausdruck kommen. Da dies nicht der Fall ist, so geht doch daraus hervor, daß die Männer des Geistes im Volke ein weit größeres Gewicht besaßen, als die reichen und bei den jeweiligen Herrschern angesehenen. Wo die Geschichte des Volkes durch die Geschichte der Gelehrsamkeit und der Literatur verdrängt wird, da müssen die letzteren im Bewußtsein des Volkes selbst weithin den Vorrang genossen haben. Sie repräsentirten auch dem Volke das Höhere und Bleibende, während Reichthum und Ansehen Eigenthum der Individuen waren, die kamen und gingen, und bei denen es erst von ihrem guten Willen abhing, ob und in wie weit sie ihr Geld und ihren Einfluß für die Masse ihrer Glaubensgenossen verwenden wollten. Was aber der Gelehrte errang, das gehörte der Gesammtheit an und überkam den folgenden Geschlechtern. So war denn im ganzen Mittelalter die Erscheinung im jüdischen Stamme höchst beachtenswerth, daß, je abhängiger er vom Besitze des Geldes und von dem durch dasselbe zu erlangenden Einfluß wurde und seine ganze Thätigkeit auf den Erwerb des Geldes beschränkt ward, er wie in einem Gegensätze nur die Gelehrsamkeit und die Frömmigkeit schätzte. Wie das Geld seine materielle Existenzbedingung war, so erkannte er seine geistige, seine religiöse und intellectuelle Existenzbedingung in dem Talmudstudium, in der unablässigen Beschäftigung init dem Gesetz und was damit zusammenhing. War es doch dem Laien, der nichts davon verstand, ein Verdienst, solchen Lehrvorträgen beizuwohnen; hielt man doch selbst die Seelenruhe der Verstorbenen durch Talmudstudium und derartige Vorträge gefördert. Selbstverständlich wurden auch die Reichen geehrt, doch vorzugsweise nur, wenn sie selbst Gelehrte waren oder Gelehrten Schutz und Mittel gewährten, für Talmudgelehrte Stiftungen, sog. Klausen herstellten. Ja, das Ansehen der Gelehrten war so groß, daß diese auch ihren Familien einen besonderen Glanz verliehen. Auch die Reichsten sahen es als eine Vergunst an, wenn ihre Kinder sich mit den Kindern anerkannter Gelehrten vermählten. Was die Juden -pp", edle Abstammung nannten, fiel den Rabbincrfamilien bei Weitem mehr als den Reichen zu. — Eine andere Zeit brach an. Das Ansehen der rabbinischen Gelehrsamkeit erblaßte; die orthodoxe Frömmigkeit verlor ihre Autorität. Die allgemeine Cultur, in welche die Juden eintraten, brachte auch bei diesen die allgemeinen socialen Ansichten zur Geltung. Die Motive, welche in früherer Zeit die Männer des Geistes allen übrigen voranstellteu, wichen zurück; auch die Juden beurtheilen Alles nach den allgemein verbreiteten Ansichten, und der materielle Zug unsrer Zeit ist zu stark, als daß er nicht auch bei uns Ansehen und Reichthum, sociale Stellung und Besitz zur vorherrschenden Anerkennung hätte bringen müssen. Richtig; aber der Grundzug, der in der Geschichte eines Stammes, einer Genossenschaft durch Jahrtausende geherrscht hat, verschwindet nicht mit einem Male. Wer darüber zweifelhaft wäre, ob der Geist bei den Juden noch heute das höchste Ansehen genießt und innerlich seine Macht noch besitzt, wenn dem auch die Aeußerlichkeiten nicht entsprechen, der braucht nur die Statistik der höheren Lehranstalten durchzumustern und die außerordentlich hohe Ziffer beachten, welche in allen Ländern, auch in Rußland, die jüdische Jugend in diesen höheren Lehranstalten einnimmt. Die jüdischen Elter», auch die Wittweu, streben mit aller Aufopferung dahin, ihren Kindern einen höheren Unterricht, eine höhere geistige Ausbildung zu verschaffen. Sie bringen dafür die größten Opfer, 3*