Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1888)
- Date
- 1888-02-23
- Page
- Seite 114 (sequence 2)
- Language
- German
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114 machte es ihnen aus, daß sich die Verhältnisse ihres Stammes gänzlich verändert hatten, so sehr verändert, wie vielleicht niemals einer andern Nation. In ihrem Heimathlande waren sie anderthalb Jahrtausende allein auf den Landbau beschränkt. Als Jakob dem Herrscher von Egypten ein Geschenk schicken wollte, nahm er „ein wenig Balsam, Honig, Weihrauch, Mandeln und Pistacien" hierzu. Für den Bau des Tempels konnte Salomon dem Hiram nur Weizen und Oel in großen Massen versprechen; und als in Tyrus der Welthandel blühte, konnten Juda und Israel nur Weizen und Backwerk, Honig, Oel und Balsam zu Markte bringen. Und dann im Mittelalter, wo alle Berufs-, alle Arten von Thätigkeit ihnen verschlossen wurden, außer Geldgeschäften und Trödel! Und endlich wieder in unsrer Zeit, wo auch uns alle Lebenswege geöffnet sind, wo Industrie und Handel, Wissenschaft und Kunst und in einigen — allerdings noch wenigen Ländern — auch die Staatsämter uns nicht versagt sind — so groß, so völlig umwälzend waren und sind die Verhältnisse gewesen und geworden — aber der heilige Bau blieb unangetastet und seine Bewohner beharrten in ihm, so viel Wandel auch in ihnen vorging. Woher kam dies? Woher die Unerschütterlichkeit des Baues? Woher die Festigkeit der Bewohner? Weil sie allein in der Lehre, welche das Fundament, den Ausbau und die Bedachung ihres Heiligthumes bildete, die Wahrheit fanden, Befriedigung sowohl für die Folgerungen und Schlüsse ihres Verstandes als für die einfachen, unmittelbaren Empfindungen ihres Herzens; weil sie deshalb einen Abfall von dieser Lehre als einen Abfall von der Wahrhaftigkeit, von Gott und der Menschheit betrachteten und all' ihr irdisches Wohl dieser Treue gegen Gott und sich selbst hintansetzteu. Sie harrten aus, wiesen jeden Ansturm auf ihr Gebäude ab, und als nun die Sonne der Freiheit auch für sie aufging, von manchen Seiten die Gräben und WäUe verschwanden, wenn auch selbst da das Feld mit mancherlei Dornen und Disteln bewachsen blieb — da legten sie freudig Hand au, die inneren Räume vom Staube und Roste der vergangenen Zeiten zu reinigen und Licht und Lust in Oie Raume einzulassen. Was abgestorben und veraltet, suchte man allmäiig zu beseitigen, ohne das Gebäude in jernen wesenillchen Therlen zu schädigen oder seine Dauerhaftigkeit anzugreisen. Man that dies nicht-bloß für sich, um lelii eigenes Bekenutniß zu lichten und zu läutern, sondern auch um aus diesem Heiligthume das Licht der Wahrheit für Alle lerrchten zu lassen, die dafür ein Auge hätten, um ohne Streit und Kampf die Bahn der Wahrheit frei zu machen. Brauchen wir dem Leser, der uns bis hierher gefolgt, zu sagen, daß dieser den Stürmen der Zeiten und der Völker trotzende Bau, diese uralte Erbschaft unseres Geschlechtes die Religion Israels ist? Brauchen wir ihm zu sagen, daß wir in diesem Gleichniß jene auszeichnenden Merkmale derselben angedeutet: die Ursprünglichkeit, die ununterbrochene einheitliche Ueberlieferung und die Uebereinstimmung der Lehre mit dem Verstände und dem Herzen? Gewiß, in ihr werden keine Mysterien, keine Geheimnisse gelehrt, vor welchen der Verstand verzweifelnd ohne Lösung dasteht und genöthigt ist, sich selbst aufzugeben, sowie Widersprüche mit den Empfindungen unsres Herzens über die Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes, Widersprüche, welche keine Sentimentalität und Phantasterei zu verhüllen vermag. Um so mehr werden wir uns aus unsrer innersten Natur heraus gedrungen fühlen, diesem Heiligthume niemals zu entsagen und, wohin uns auch das Leben auf seinen verschlungenen Pfaden und in den Berufen, die wir wählen, führt, immer wieder zu ihm im Geiste-und im Herzen zurückzukehren. Die Männer -es Geistes. „Wer hat dich über uns zum Fürsten und Richter gesetzt?" entgegiiete der streitsüchtige Israelit demihn zu Ruhe weisenden Moses. Mit diesem Worte wird ein charakteristischer Zug ausgesprochen, der sich durch die ganze Geschichte des jüdischen Stammes bemerklich macht. Moses hatte seinen Beruf aus dem Geiste Gottes und dem eigenen, nicht Rang und nicht Reichthum, nicht Ansehen bei Pharao und bei den Männern von Israel standen ihm zur Seite. Und doch neigten sich vor ihm, als er zu ihnen sprach, die Aeltesten Israels und thaten, was er ihnen vorgeschrieben. Moses' Söhne, weil sie sich nicht durch geistige Begabung ausgezeichnet, verfielen dem Dunkel der Bergessenheit. Dagegen der Sohn Nun's — wer war Nun? — wurde Führer und Feldherr, weil der Geist Moses' in ihm lebte und schaffte. Moses hatte Israel das Reich des Geistes erobert, und Josua das Land ihres Wohnsitzes, beide nur Kraft ihres Geistes. Bon den Richtern ist kein einziger der Nachfolger seines Vaters; jeder von ihnen hatte sich durch seine persönliche Macht an die Spitze Israels hinaufgehoben; der einzige, der eine Erbschaft vom Bater hatte, Abimelech, war ein räuberischer Mensch und starb durch die Hand eines Weibes. Saul wurde vom Pfluge, David „von hinter der Heerde" geholt und auf den Königspuyl gesetzt, jener aus dem kleinsten, unansehnlichsten Stamme, der bald darauf in Juva aufging, dieser, David, der jüngste seiner Brüder, und eines unbedeutenden Landmanns Sohn. Und als nun die Könige sich in ihrer Reihenfolge auf dem Throne Juda's und Jsrael's ablösten, und sich bald um sie zuerst eine Schaar von Helden, dann von Fürsten und Großen sammt dem Anhang von Priestern und volksverführerischen Rednern sammelte, als auch Reiche — da die Gesetze Mosis hintangesetzt wurden — in Israel erstanden — da