Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-02-16 · Heft 7 (16.2.1888) · p. Seite 110

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 7 (16.2.1888)
Date
1888-02-16
Page
Seite 110 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227717-3227725--45098-3264591
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

110 dieselben Verheißungen, sehen wir nicht dieselben Jntriguen spielen, um zu denselben Zielen der Herrschsucht zu gelangen, wie sie jemals vom Fanatismus und der Muckerei betrieben werden? . . . Allerdings scheint sich die Menschheit nur sehr schwer durch dieses Dornengestrüpp, dieses ineinander verwachsene dichte Unterholz zu winden, und wenn sie mit außergewöhnlichen Anstrengungen eine Lichtung erreicht hat, immer wieder in solches unwegsame und morastige Gehölz zu gerathen. Dennoch kommt es in diesem langen Kampfe der Vernunft und der Liebe, des Rechts und der Duldsamkeit gegen die finsteren Mächte nicht sowohl auf den Einzelkampf, ja auf die einzelnen Perioden des Sieges oder der Niederlage an, als vielmehr darauf, ob die Wahrheit und die Humanität principiell, wenn auch Schritt, vor Schritt an Terrain gewinnen, immer mehr die Wirklichkeit beherrschen und ihren Gegnern Schranken setzen, über welche sie doch nicht hinauszukommen verinögen. Dies erwäge man bei dem Rückblick auf das Jahihundert seit Lessing's mächtigem Werke, und man wird viel Tröstliches mitten unter den bitteren Erfahrungen finden. Solcher Trost gewährt aber neue Widerstandskraft. Gewiß besteht eine Krankheit unsrer Zeit in der Sucht zu entdecken und zu erfinden. Wer vermag die Zahl der Menschen zu ermitteln, welche von dem Gedanken, etwas zu entdecken oder zu erfinden, die Schwierigkeiten in der Herstellung eines Materials mit einem Male zu überwinden, eine neue Maschine mit ungeahnter Wirkung herzustellen, ein neues Bedürfniß und dessen Befriedigung zu schaffen und derartiges mehr, beherrscht werden, darauf alle ihre Anstrengungen und Mittel verwenden und in der großen Mehrzahl darüber untergehen?! Aber ist dies denn bloß auf dem materiellem Gebiete der Fall? Findet nicht dieselbe Manie in Wissenschaft und Kunst statt? Wer sich niedersetzt, ein Buch oder nur eine Abhandlung zu schreiben, ein Gedicht abzufassen, einen Roma», eine Reisebeschreibung — er geht von dem Gedanken und mit der Absicht aus, etwas ganz Neues zu sagen und zu schaffen, etwas Unerhörtes, was die Welt in Erstaunen setzen wird. Daher die unersättliche Hypothesensucht unserer Zeit, welche jede bis jetzt geltende Meinung außer Cours setzen und durch eine eigene ersetzen will, welche sich aber vielleicht mit noch mehr Kraftanstrengung gegen jede unter den Zeitgenossen obwaltende Meinung wendet und jeden zu stürzen versucht, der in der Ansicht der Zeitgenossen hoch steht. Auf keinem Felde hat sich diese Sucht, etwas Neues zu Produciren, mehr herumgetummelt, als ans dem der Bibelkritik. Es geschieht hier das gerade Gegentheil von dem, was man bei Ausgrabungen von Alterthümern zu thun pflegt. Bei diesen schaufelt man mit vieler Mühe Schutt und Erde weg, um die Kunstwerke des Alterthums, die da verborgen liegen, zu Tage zu fördern. Bei der. Bibelkritik aber häuft man Schutt und Erde auf die Monumente des Alterthums, die seit Jahrtausenden zu Tage stehen, um sie zu verdunkeln und dem klaren Berständniß zu entziehen. Jeder neue Bibelkritiker findet seine Existenzberechtigung in einer neuen, mit aller Sicherheit, d. h. Anmaßung vorzutragenden Ansicht, die in der Regel die Sache mehr verdunkelt als erhellt, mehr verwirrt als ausklärt. Beispiele braucht man kaum anzuführen, sie fallen Jedem zu Dutzenden ein. Da ist es sonnenklar» daß für das Zehnstämmereich schon die Bedingung des Daseins in dem Abfall von der Gotteslehre, in der Uebung des Götzenthums bestand, und alle geschichtlichen Nachrichten bestätigen dies — aber der neueste Bibelhistoriker dreht dennoch die Sache um und findet im Reiche Israel einen zelotischen Eifer für die Gotteslehre und in Juda den Abfall, die Beschränktheit, die Feindschaft. Die Gründe, welche die neue Hypothese vorzubringen vermochte, waren sehr schwach und leicht zu widerlegen. Das, thut aber nichts, man glaubt doch augenblicklich die Welt verblüfft zu haben. Jedermann hat stets die 5 Klagelieder, ihres Inhalts, ihrer Sprache und ihrer Form wegen als aus einer Lyra ertönt angesehen, und zwar aus der des Propheten Jeremias, der diesen furchtbaren Untergang vorhergesehen, mit durchlebt und Überstauden hat. Die ganze Empfindlings- und Denkweise dieses großen Charakters stimmt damit überein. Dies hält jedoch einen neuesten Hypothesenmacher nicht ab, die Autorschaft dem Jeremias abzusprechen und anzunehmen, daß sich zu gleicher Zeit 5 Klagedichter hingesetzt und in gleicher Form (alphabetarisch) 5 Lieder abgefaßt hätten. Gewiß eine schon psychologisch unwahre, thörichte Hypothese. Die vorgebrachten Gründe waren nicht im Geringsten stichhaltig. An diesem großen und diesem kleinen Beispiel haben wir wohl genug. Wir haben es immer für ein Symbol unserer Zeit erachtet, daß neben „Nathan der Weise" immer noch „der Kaufmann von Venedig" ein Repertoirstück geblieben. Es bezeugt dies eben, wie in der Gegenwart der Widerstreit zwischen Duldsamkeit und Gerechtigkeit einerseits und Borurtheil und Gehässigkeit andrerseits vorhanden ist, und man nicht vermag zu sagen, welche von beiden streitenden Mächten die Oberhand habe. Man erinnere sich, wie viele von den Meisterwerken Shakespeare's nicht mehr auf der Bühne erscheinen, darunter großartige Stücke wie „König Lear", „Heinrich IV.", „Richard III." u. A. Aber „der Kaufmann von Venedig" ist noch ein Lieblingsstück des Publikums. Gewiß nicht wegen seines künstlerischen Werthes, wegen der Großartigkeit der Charaktere, wegen des logischen Zusammenhangs und der psychologischen Entwickelung. Gerade in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.