Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1888)
- Date
- 1888-02-16
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
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107 lingeu, zu welchen letzteren die Alliance 51,134 Frcs. verausgabt hat und Werkstätten für Mädchen in 10 Städten mit 120 Arbeiterinnen und 10,000 Frcs. Subvention. Daß außerdem die Alliance ihre hilfreiche Hand bei jedem größeren Nnglücksfalle darbietet und möglichste Unterstützung gewährt, brauchen wir nicht zu erwähnen. Das Bulletin giebt zwar die dafür aufgewendete Summe an, berichtet aber bescheiden keine Details. Diese Auseinandersetzung wird genügen, um das Werk der Alliance in den Augen aller unbefangenen Menschenfreunde jeder Confession in gerechtem Maße würdigen zu lassen und ihre Förderung aufs Nachdrücklichste zu empfehlen.-In den letzten Tagen hat die jüdische Gemeinde von Paris zwei schwere Verluste durch den Tod des Herrn Victor Aaron Saint-Paul, Mitglied des Pariser Consistoriums und des Central-Comites der Alliance, eines sehr intelligenten und wohlthätigen Mannes, der mehrere wohlthätige Anstalten gegründet hat, und des Herrn Dreyfus-Dupont, Mitglied des Central-Cvnsistoriums, der, ein Mann von eminenter Intelligenz, im 86. Lebensjahre verschieden ist. Solche Verluste aus der älteren Generation sind schwer zu ersetzen, da wohl die intellektuellen Kräfte, nicht aber die Liebe und der Eifer für die Religion und die Glaubensgenossen in dem jüngeren Geschlechte genügend vorhanden sind. Rußland. Petersburg, 30. Januar. Das Pahlen'sche Projekt über die Freizügigkeit der Juden in Rußland wurde vom Czar zurückgewiesen. Petersburg, 4. Februar. Soeben wurde eine ministerielle Verordnung verlautbar, wonach alle fremden Juden, die bis zum 1. Mai d. I. die behördliche Bewilligung zur Führung von Handelsgeschäften nicht erlangt haben werden, vor dem 1. Januar 1889 unbedingt das russische Staatsgebiet verlassen müssen. — (Zu den Studenten-Unruhen in Rußland.) Fürst Meschtscherski, der Eigenthümer des „Graschdanin", hatte die Behauptung aufgestellt, daß die Studentenunruhen, welche vor einigen Wochen die Schließung der russischen Universitäten zur Folge hatten, von jüdischen Studenten inscenirt worden seien. Nun wird aber aus Warschau gerade das Gegentheil dargethan. Wie begreiflich, haben sich gerade die jüdischen Studenten, über deren Köpfe das Damoklesschwert noch drohender hängt, als über den Kopsen ihrer christlichen Eollegen, die denkbar größte Reserve auferlegt. Kein einziger jüdischer Student war in irgend einer Weise activ an den Unruhen betheiligt und selbst die christlichen Commilitonen billigten in Anbetracht der überhaupt so gefährdete» Stellung der jüdischen Studenten ihre große Zurückhaltung bei allen Demonstrationen, und zum Beispiel als das Loos, welches Denjenigen bestimmen sollte, der den Moskauer Universitäts-Curator zu ohrfeigen hatte, zufällig auf einen Juden fiel, wurde einstimmig beschlossen, daß dies ein Nichtjude thun solle, um den Verdacht zu vermeiden, als wären die Juden die Jnscenesetzer oder Schürer der Unruhen. Lodz, im Februar. (Privatmitth.) Zu den Mahnungen, welche man an unsere russischen Glaubensgenossen richten muß, wird der ernsthafte Beobachter sicherlich die hinzufügen, daß sie viel mehr als bis jetzt den Luxus vermeiden mögen, welchem sie sich in übertriebenem Maße ergeben. Abgesehen davon, daß sich viele derselben durch den Luxus ruiniren, erregt nichts mehr den Neid, den Haß und das Vorurtheil gegen sie, als die übertriebene Prunksucht. Es versteht sich, daß dieser unter den verhältnißmäßig wenigen Reichen herrscht und von ihnen mit einer Ostentation zur Schau gestellt wird, welche allen Anderen und zwar in nicht geringem Maße mißfällig sein muß. Beklagt man sich doch schon in den größeren russischen Städten, daß die reichen Jüdinnen im Theater und in Conzerten die ersten Plätze einnehmen und in den prächtigsten Costümen und mit Schmuck übersäet erscheinen. Hierdurch wird die weit verbreitete falsche Meinung bestärkt, als ob alle Juden reich oder doch wohlhabend seien. Aber dieser Luxus hat sich bereits auch in die unteren Schichten der jüdischen Bevölkerung gesenkt. Da kenne ich z. B. einen Händler, der sich mit Mühe oben erhält; seine Frau verlangt von ihm ein neues modernes Costüm; er verweist auf seine leere Casse; sie aber schreit ihn an: Sieh doch da drüben den Schuhmacher, dessen Frau geht immer in den schönsten Kleidern. Ties ist wörtlich wahr und ein Beispiel für viele. Es gehört wahrlich nicht viel Verstand dazu, um einzusehen, welche traurigen Folgen ein solcher Zustand haben muß. Wird hierin nicht Wandel geschaffen und kehren wir nicht zu den einfachen Sitten unserer Väter zurück, so kann der Ausgang nur ein schlimmer sein. Ja, hätten wir einsichtsvolle, charakterfeste Rabbiner und Prediger, so würden diese an diesen Punkt die Hebel ihrer Beredtsamkeit ansetzen müssen und wir würden uns der Hoffnung ergeben können, daß vielfache Besserung erwirkt werde. So aber fehlt es an solchen Männern und unsere Gelehrten sind noch immer in das Talmudstudium allein versunken und sehen in diesem Alles Heil. Bonn, 12. Februar. (Notizen.) Man schreibt aus Frankfurt: Am 31. Januar Nachmittag verschied dahier Herr Elias Ullmann. Am 20. März 1812 hier geboren, besuchte er das Sachs'sche Institut und nach dessen Auflösung die Schule des vr. Weill. Schon im Alter von 16 Jahren unternahm er viele Reisen für das Geschäft seines 7*