Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1888)
- Date
- 1888-02-16
- Page
- Seite 106 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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106 Commission sieht, die ohne jeden Einfluß ist. Bezeichnend ist, daß so oft Professor vr. Kaufmann die wissenschaftliche Arbeit zu liefern hat, die Arbeit mitsammt dem Jahresbericht entweder sehr spät, oder wie jetzt zum zweiten Male gar nicht erscheint. , Welche Gerüchte hier umgehen, kann man aus Folgendem ersehen. Der berühmte Philanthrop Baron Hirsch gedenkt, wie verlautet, in den Verband des ungarischen Staates zu treten. Der Baron besitzt in Morva - Szt. - Jänos ausgedehnte Besitzungen. In Kreisen, welche dem Baron nahestehen, erzählt man, er sei höheren Ortes aufgefordert worden, auf Grund seiner Besitzungen in den Staatsverband zu treten. Die Regierung soll die Absicht haben, Baron Hirsch, sobald er das Staatsbürgerrecht erlangt haben wird, in das Magnatenhaus zu ernennen. Neutra, 27. Januar. Ein hier erscheinendes Wochenblatt bringt in jeder Nummer von Rohling'schen und Eisenmenger'schen Sentenzen strotzende Artikel oder einige Spott und Hohn enthaltende Notizen über Juden und Judenthum. Mit diesem Blatte hat es aber ein eigenthümliches Bewanduiß; dasselbe wird nämlich von dem Oberfiskal des Neutraer Komitats redigirt und trägt an der Spitze das Wappen des Neutraer Komitats, so daß es den Anschein hat, als wäre es das Amtsorgan des Komitats. Dabei genießt es seitens der Gerichtsbehörden die Bevorzugung, ausschließlich für die amtlichen Kundmachungen benutzt zu werden, durch welche materielle Unterstützung allein es bestehen kann, es ist daher nichts natürlicher, als daß die weniger intelligente Bevölkerung, welche die Verhältnisse nicht kennt, aus diesen Umständen die Folgerung zieht, daß das Komitat, unter dessen Aegide das Blatt scheinbar herausgegeben wird, und die Staatsbehörden, welche dasselbe so ausgiebig unterstützen, die in demselben gepflegten Tendenzen gutheißen. Die hiesige jüdische Bevölkerung wendete sich um Abhilfe an den Obergespan des Komitats in der Ueberzeugung, daß es demselben gelingen werde, den Comitatsfiscal davon zu überzeugen, daß sein Vorgehen der jüdischen Bevölkerung gegenüber ein unrichtiges ist und daß so die Hetze gegen das Judenthnm auch hier ein Ende nehmen werde. Frankreich. Paris, 7. Febr. (Privatmitth.) Die Alliance israel. univ. hat ihr Bulletin über die zwei Semester des Jahres 1887 ausgegeben. Außer dem Berichte über die Propaganda des Vereins giebt das starke Heft ausführliche Referate über die Israeliten in Rumänien, Rußland, Marokko, Tunesien, Griechenland, Bagdad und über falsche Anklagen. Diese Berichte, sich überall an Facten und Documente haltend, geben eine Uebersicht über die Schicksale unserer Glaubensgenossen ine verflossenen Jahre in den genannten Ländern und, wenn sie uns auch nichts Neues bringen, werden sie doch in ihrer Zusammenfassung dem künftigen Geschichtschreiber nützliches Material bieten. Uns aber überkommt hierbei eine Betrachtung, die nicht erfreulich ist, nämlich die, daß es auch der Alliance gegenwärtig unmöglich ist, auf die Lage jener einigen Einfluß zu üben. Woher erklärt sich dies? Jedermann denkt hierbei zuerst an den schweren Verlust, welchen die ganze Judenheit durch den Tod Adolphe Cremienx' erlitten, des Mannes, der ein so großes Ansehen in den maßgebenden Kreisen Frankreichs besaß. Doch die Ursache liegt tiefer. Seit dem Kriege 1870 und noch mehr seit dem Berliner Congreß 1878 besieht unter den europäischen Großmächten eine starke Spannung, und gerade hierdurch sind diese Staaten in allen inneren Angelegenheiten von einander unabhängiger geworden. Keiner von diesen wird es übernehmen, dem Anderen über irgend eine innere Angelegenheit Vorstellungen zu machen, schon weil er einer schroffen Abweisung sicher sein könnte. Es hat sich dies gleich nach dem Abschluß des Berliner Beitrages erwiesen, als Rumänien allen Stipulationen jenes Vertrages hinsichtlich der Behandlung der Nationalitäten und Confessionen geradezu ins Gesicht schlug, die Bertragsinächte aber dies ruhig geschehen ließen, und die Anerkennung Rumäniens aussprachen. Es unternahm keine einzige der Vertragsmächte, dem kleinen trotzigen Volke Vorstellungen zu machen, denn es existirte einmal, und den Krieg konnte man ihm deshalb nicht machen. Unter solchen Umständen ist au irgend eine diplomatische Vermittelung gar nicht zu denken. Eine weitere Folge war die Machtlosigkeit der Presse, die allseitig ihre internationale Bedeutung verloren hat. Hierzu kam aber noch ein anderes Moment. Aus dein wiedererwachten Nationalhasse und dem üppig aufschießeuden Parteikampfe erwuchs eine Strömung gegen den Geist des Rechtes und der Humanität, welche Strömung von gewissen reaetionären Parteigängern gegen die Juden gewendet ward. Daß hierdurch jede Verwendung für die in den orientalischen Ländern leidenden Glaubensgenossen äußerst erschwert worden ist, leuchtet ein. Um so wohlthätiger und nachhaltiger sind die Bestrebungen der Alliance auf dem Gebiete der Schule im Oriente. Sie hat im verflossenen Jahre für die Primär- und Handwerksschulen 269,574 Frcs. verausgabt, außerdem 54,700 Frcs. für die Borbereitungsschule, 16,848 Frcs. für die Ackerbanschule bei Jaffa und außerdem von der Stiftung des Barons Hirsch für die jüdischen Schulen in der Türkei (1 Million Frcs.) 54,747 Frcs. Dies sind Zahlen, die beredter für die Wirksamkeit der Alliance sprechen als weitläufige Lobreden. Im Ganzen beliefen sich die Ausgaben der Alliance auf 477,412 Francs, wobei ein Deficit von 99,671 Frcs. verblieb. Primärschulen unterhält die Alliance gegenwärtig in 23 Städten, Lehrlingsschulen für Knaben in 15 Städten mit 393 Zög-