Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1888)
- Date
- 1888-02-16
- Page
- Seite 104 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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104 tncinben, die oft kaum zehn Familien zählen. Andrerseits sehe man einmal auf die jüdische Gemeinde in Berlin. Sie hat für ihre 60,000 Seelen nicht bloß drei große Synagogen gebaut, sondern baut auch eine vierte und fünfte. Und dies nicht genug; in ihrer Mitte haben sich nach verschiedener religiöser Richtung Gemeinden gebildet, die sich wiederum Synagogen gebaut und Geistliche angestellt haben. So fungiren jetzt 7 Rabbiner Hierselbst und 2 Prediger an der Reformgemeinde. Dies Alles aus eigenen Mitteln, welche doch außerdem von großartigen, bestorganisirten Wohlthätigkeitsanstalten wie Krankenhaus, Waisenhäuser, Altersasyle u. s. w., abgesehen von den Schulen, in Anspruch genommen werden. Keinen Pfennig geben Staat und Stadt hierzu, und es fällt Niemandem ein, etwas von Staat und Stadt dazu zu fordern. Der einzige Hebel ist eben die Opferwilligkeit der Juden für ihren Cultus und ihre Wohlthätigkeitsanstalten, eine Opferwilligkeit, die sich durchaus nicht auf die Beiträge zur Genieindecasse beschränkt, sondern überall in die Tasche greift, wo ein guter cultueller und wohlthätiger Zweck ein leuchtet. Ich weiß, was man einwenden wird. Man wird die banale Phrase von der Wohlhabenheit der Juden auftischen. Allein wer die Berhältnisse in den kleineren Gemeinden kennt, weiß, daß hier Wohlstand sich auf wenige Familien beschränkt. Ferner: Wohlstand herrscht doch wohl auch in vielen evangelischen Kreisen, und warum geht aus diesen nicht eine ähnliche Bethätigung der Opferwilligkeit aus? Endlich ist die Zahl der evangelischen gegen die der jüdischen Bevölkerung so erdrückend groß, daß die Menge hier doch die Mittel der geringzähligen Juden weit übertreffen müßten. Nein, hier liegt ein vorzüglicher Charakterzug der Juden vor, und zwar in vollster Thatsächlichkeit, daß wir uns die Achtung vor demselben nicht verkümmern lassen wollen. Hier ist eine ideale Geistesrichtung oder sagen wir Gemüthsverfassung vorhanden, die jeder Unbefangene schätzen muß. Breslau, 5. Februar. (Privatmitth.) Am 10. Januar wurde hier ein „Verein zur Förderung der jüdischen Literatur" begründet. Die ersten beiden Paragraphen seiner Statuten lauten: „Der Zweck des Vereins ist, für Verbreitung und Förderung der jüdischen Literatur und des jüdischen Wissens durch Wort und Schrift nach Möglichkeit Sorge zu tragen, insbesondere durch a. Borträge, b. Vorlesungen, c. Beantwortung von Fragen , welche in der tagenden Sitzung im Vereinsbrieskasten einzureichen sind, ä. Anschaffung einer dem Zwecke des Vereins entsprechenden Bibliothek, und durch o. Veranstaltung von billigen Ausgaben aus wichtigen Werken der jüdischen Literatur, soweit es die Mittel des Vereins gestatten. Ordentliches Mitglied des Vereins kann jeder in Breslau wohnhafte Israelit werden, welcher das 18. Lebensjahr erreicht hat und sich im Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte befindet, während als außerordentliche Mitglieder auswärtig Wohnende, sowie Damen in dem Verein Aufnahme finden können, die jedoch nicht stimmberechtigt sind." — — Dienstag, den 24. Januar, fand die erste ordentliche Sitzung des Vereins „zur Förderung der jüdischen Literatur" statt, wozu sich ein sehr zahlreiches Publikum eingefunden hatte. Nachdem der Vorsitzende, Herr vr. Goldhammer, die Anwesenden begrüßt und ihnen für ihr zahlreiches Erscheinen seinen herzlichsten Dank ausgesprochen hatte, ergriff Herr Rabbiner vr. Joel das Wort zu seinem Vortrage: Die kritische Beleuchtung der „Sendung Moses" von Schiller. In überaus glänzender, geistreicher und spannender Weise führte der Redner aus, daß nicht religiöser Fanatismus und Intoleranz Schiller bei Abfassung seines Aufsatzes geleitet hätten, da eine niedrige Denkweise dem edlen und großen Geiste keineswegs zugemuthet werden könne. Ja, Schiller wisse vielmehr in vollstem Maße das zu würdigen, was durch das Volk Israel und vor Allem durch seinen große» Gesetzgeber Moses der ganzen Menschheit geleistet worden; auch erkennt er an, daß das Christenthum und der Islam ihre Entstehung und Bedeutung dem Judenthum verdanken. Herr vr. Joel wies nun in schlagender Weise nach, daß Schiller bei der Abfassung seines Aufsatzes von ganz falschen und von der heutigen Wissenschaft längst aufgegebenen Anschauungen, ausgegangen sei, daß namentlich die Quellen, aus denen er geschöpft, Manetho und Tacitus, für die Geschichtswissenschaft keineswegs ausschlaggebend seien. Daher komme es, daß Schiller über das Volk Israel und über das von seinem Gesetzgeber begonnene Werk in gänzlich falscher Weise geurtheilt habe, indem er die Quelle der mosaischen Religion in dem mystischen Geheimcultus Egyptens zu finden glaubte. Die neueren Forschungen herorvorragender Egyptologen haben mit Evidenz erwiesen, daß es mit der Weisheit der Egypter keineswegs so wohlbestellt gewesen sei, wie man es früher allgemein anzunehmen pflegte. Redner schloß mit der nachdrücklichen Ermahnung, einerseits aus den Ausführungen Schiller's durchaus nicht ans religiöse Jntolerauz und Voreingenommenheit zu schließen, anderseits bei aller Achtung vor seinem Genie dem Dichter auf historischem Gebiete nur mit größter Vorsicht zu folgen, warnt aber zugleich, aus blinder Verehrung der Autorität Schiller's seinem absprechenden Urtheile unbedingten Glauben zu schenken und dadurch zu falschen, mit der väterlichen Religion und der Pietät unvereinbaren Anschauungen zu gelangen. Oesterreich-Ungarn. Wie«, 3. Februar. Auch für Herrn von Schönerer scheint die Stunde geschlagen zu haben. Heute wurde im