Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1888)
- Date
- 1888-02-16
- Page
- Seite 103 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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103 fache Hypothesen gebracht worden, namentlich über die Hittiter, deren gründliche Prüfung die kritischen Federn noch vielfach beschäftigen wird. Herr Isidore Loeb prüft die Geschichte des saint enfant de la Guardia, für welche Herr Fidel Fita (Spanier) einen Theil der Documente der Inquisition veröffentlicht hat. Herrn Loeb gelingt es vollständig, nachzuweisen, daß die ganze Geschichte erfunden, absichtlich erfunden worden. Diese interessante Abhandlung ist auch in einem Separatabzuge bei Durlacher erschienen. Herr L. Lazard berichtet über die Revenuen, welche im 13. Jahrhundert in der dem Könige von Frankreich unmittelbar zugehörigen Landschaft von den Juden bezogen worden. Dann beleuchtet Herr Isidore Loeb die spanischen Briefe zwischen spanischen Juden und der Gemeinde zu Constantinopel, über welche, die durchaus gefälscht sind, wir bereits in einem Leitartikel in Nr. 4 berichtet haben. Zuletzt bespricht Herr W. Bacher den Commentar des Samuel ibn Hofin zum Pentateuch. Kleinere Aufsätze und einige Recensiouen bilden den Schluß. Deutschland. Berlin, 5. Februar. Wir haben bereits über die Thätigkeit des Unterstützungsvereins für jüdische Studirende berichtet. Jetzt fand nun die jährliche Generalversammlung des Vereins statt, und es ging dabei sehr lebhaft zu. Schon viele Tage vorher wurden die Mitglieder mit Flugblättern, Aufrufen, Candidatenlisten förmlich überschwemmt. Es gab sich eine Bewegung kund, wie etwa bei den politischen Wahlen. Und als nun der Wahlabend herangekommen war, da sah es in den traulichen Räumen des „Brüdervereins" Unter den Linden so aus wie bei den Reichstagswahlen. Es war ein unablässiges Kommen und Gehen, ein förmliches Controliren jedes Einzelnen. Von beiden einander gegenüberstehenden Parteien wurde eifrig geworben. Und weshalb all' die Aust regung? Allerdings spielte die Politik auch hier bei den Wahlen zu einem Unterstützungsverein eine Rolle. Die.Leser entsinnen sich vielleicht noch, welch' Aufsehen im vergangenen Jahre das Verhalten der Professoren Lazarus und Gvldschmidt verursachte. Die Folge war, daß Prof. Lazarus nicht mehr in den Vereinsvorstand gewählt wurde. Nun aber geschah das ganz Unerwartete, daß der neugewählte Vorstand den Gesinnungsgenossen des Beseitigten, den Prof. Goldschmidt, zum Vorsitzenden ernannte. Darüber gab sich unter den Mitgliedern lebhafter Unwille kund. Es drohte sogar eine Zeit lang die Sprengung des Vereins. Nun sollte diesmal auch Herr Goldschmidt durch die *nothwendig gewordenen Neuwahlen beseitigt werden. Es wurden die größten Anstrengungen gemacht, aber es kam auch in diesem Falle ein Cartell zu Stande; das Cartell siegte. Allein so recht froh sollten die Sieger nicht werden. Während in früheren Jahren die Generalversammlung mit einem zahlreich besuchten Festmahl schloß — bei welcher Gelegenheit manch hübsches Sümmchen in die Unterstützungskaffe floß — war diesmal das Häuflein auf kaum 40 zusammengeschmolzen und die Stimmung der Schmausenden erinnerte stark an den Aschermittwoch. Es wäre sehr schade, wenn durch diese Vorgänge der Verein Schaden erlitte! Dies ist die Frucht, wenn politische Kämpfe auch in solche Kreise, die nichts damit zu schaffen haben, hineingetragen werden — wer kann dies aber heutzutage vermeiden? Berlin, 6. Februar (Privatmitth.) Es wird so viel auf uns Juden geschimpft, und es giebt jetzt genug Glaubensgenossen, welche geneigt sind, ihren Brüdern Uebles nachzureden, daß wir doch wohl auf etwas aufmerksam machen können, was sich im Augenblicke wie von selbst aufdrängt. Nichtbloß der bekannte Hammerstein-Kleist-Retzow'sche Antrag, nicht bloß der Aufruf zur Unterstützung der Stadtmission, sondern auch anderweitig tönt aus evangelischen Kreisen die Klage hervor, daß es der evangelischen Kirche weithin an Mitteln gebreche, um der geistlichen Fürsorge zu genügen. Da macht sich z. B. in der „Voss. Z." ein „namhafter evangelischer Geistlicher" Lust über die Geringfügigkeit der „Mehrforderung des Etats für die Geistlichen", welche 744,000 Mark erfordern. Schwer drückt ihn die Noth der evangelischen Kirche, welcher sowohl Kirchen als Geistliche fehlen, so daß oft eine außerordentliche Seelenzahl einer Gemeinde in der ungenügendsten Weise auf einen Geistlichen geht. Dies findet namentlich in den großen Städten statt, und so fehlen hier ausreichende Organe für die Seelsorge. Wen ruft man deshalb zu Hilfe? Den Staat und wiederum den Staat, d. h. die Steuerzahler, die anderen Religionsbekenntnissen angehören, sollen für die evangelischen Kirchen und Geistlichen zählen. Doch hierauf wollen wir nicht weiter eingehen. Wir wollen nur Hinweisen auf die zahllosen kleinen jüdischen Gemeinden, welche in den letzten Jahrzehnten von Memel bis Aachen sich verhältnißmäßig stattliche Synagogen ans eigenen Mitteln erbaut haben, Ge-