Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-02-16 · Heft 7 (16.2.1888) · p. Seite 99

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 7 (16.2.1888)
Date
1888-02-16
Page
Seite 99 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227717-3227725--45087-3264580
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

99 getroffenen Maßregeln oder vor begangenen Fehlern, sondern geht rüstig an die Verbesserung. Aber außerhalb der Gesetzgebung entfaltet sich das wohlthätige Streben bei den Privaten in noch nie dagewesenem Maße. Anstalten für Kranke, Greise, Waisen entstehen Tag für Tag oder werden erweitert und ausgebaut. Man wirft seine Augen auf alle Uebelstände, auf die Wohnungsnoth wie auf Gesundheitscolonien für die Kinder, auf die Versorgung entlassener Sträflinge wie auf die Herabminderung der Bettelei und der Bagabondage. In keiner Zeit gab es so viele Vereine für gemeinnützige und wohlthätige Zwecke; in keiner Zeit wurden von den Reichen so viele und so große Legate für Stiftungen ausgeworfen. Fürwahr, es erhebt diese Beobachtung jedes Herz, das für Menschenwohl schlägt; noch dazu, da wir das Anwachsen dieser Bestrebungen täglich wahrnehmen können. — Wir beschränken uns hier auf diese Andeutungen, da es unsre Absicht nur war, auf diese verschiedenen Strömungen unsrer Zeit aufmerksam zu machen. Wenn man nach der Ursache dieser Bestrebungen, den Uebelständen in der Gesellschaft abzuhelfen, frägt, wird man verschiedene Antwort erhalten, der Eine meint, die Leidenden und Schwächeren schreien jetzt so laut, daß man auf ihre Befriedigung denken muß, oder die Unzufriedenheit der unteren Schichten wächst so bedrohlich an, daß man ihre Beschwichtigung ins Auge fassen muß. Der Andere behauptet, wir seien mit den Fragen der politischen Freiheit so weit gekommen, daß sich die socialen von selbst aufdrängen, da man ja mit einem Problem immer beschäftigt sein müsse. Endlich wird man hören, daß man im vorigen Jahrhundert so viele Phrasen über Humanität losgelassen, daß man nothwendiger Weise von der Phrase zur That gekommen sei. Wie dem auch fei, wir haben nur Factisches vorgetragen, und so hat sich für die Werkthätigkeit des Menschen in der Gesellschaft ein bis dahin wenig bearbeitetes Feld eröffnet, das zugleich nach einem noch fernen Ziele führen wird. Jedenfalls wird dadurch jedem Menschenfreunde eine Befriedigung bereitet und Jedermann ist aufgefordert, an diesem großen Werke mitzuarbeiten. Wir brauchen nicht darauf hinzuweisen, daß diese Wandelung der menschlichen Gesellschaft zum Besseren ihre erste und bedeutendste Grundlage in der mosaischen Gesetzgebung gefunden hat, was wir schon oft genug nachgewiesen. Unsre Zeit ist eben berufen. Vieles zu verwirklichen, was dort principiell aufgestellt worden. — Wir haben hier nur die beiden hervorragenden charakteristischen Motive unsrer Zeit betonen wollen. Allerdings ist auch das gegenwärtige Geschlecht von den verschiedenartigsten Leidenschaften beherrscht. Auch Böckh an einer klassischen Stelle seines Staatshaushaltes der Athener bemerkt, die Leidenschaften, welche in den Athenern sich geltend machten, gehören allgemein der Menschenseele an, und machen sich noch heute geltend wie damals. Richtig, aber unser Bestreben geht dahin, diesen Leidenschaften immer mehr ihre Rohheit und Brutalität zu nehmen, sie den Forderungen des Rechts und der Humanität immer mehr zu unterziehen und sie dadurch in ihrer Ausbreitung und Heftigkeit zu beschränken. Dies ist die Aufgabe der menschheitlichen Entwickelung und daß hierin schon wesentliche Fortschritte gemacht worden, wird dem vorurtheilslosen Beobachter nicht entgehen. Die Stöckeria-e in ihrem weiteren Verlauf. IV. Wir können uns heute kurz fassen. Wenn man die jüngsten Vorgänge überschaut, so kann man sich nicht verhehlen: Stöcker hat gesiegt. Der vielbesprochene Aufruf trägt nicht bloß die Unterschrift der Minister von Puttkam er und von Goßler, sondern auch die der nationalliberalen Führer v. Bennigsen, Miguel, von Benda, Hammacher u. A. Der Aufruf ist von Stöcker verfaßt und bereits im December bekannt geworden. Alles, was liberale Blätter von einer Beseitigung Stöckers aus der Leitung der Stadtmission mittheilten, ist unrichtig und sollte wohl nur den Uebertritt der Nationalliberalen zur Stöckerei verdecken. Es ist möglich, daß man bei den erweiterten Geschäften der Stadtmission Stöcker einen Gehilfen giebt, und man nennt bereits den Pastor Diez, einen Stöcker ganz ergebenen Gesinnungsgenossen desselben. Wahrscheinlich wird Anfangs die Leitung der Stadtmission sich von aller politischen Agitation fern halten, wenigstens äußerlich. Kommt aber wieder die Zeit der Wahlen, so könnten sich die Dinge wieder rasch ändern. Jndeß für die Anhänger der Kartcllparteien hat dies nichts Abschreckendes. Man sagt, daß die nationalliberalen Führer sich diesen Schritt gefallen ließen, um die Fühlung mit der Zukunft nicht zu verlieren. Man kann politisch auch sehr überklug sein. Doch das geht uns hier nichts an. Für uns ist es von Wichtigkeit, die Thatsache zu constatiren, daß Stöcker obenauf ist. Durch wessen Hilfe, weiß Jedermann. Es ist dies symptomatisch für das herrschende System, und alle Mitteilungen der Blätter, daß Stöcker von einer mächtigeren Hand „an die Wand gedrückt werde", haben ihre Glaubwürdigkeit verloren. Weitere Consequenzen sind abzuwarten. Durch den Sieg, welchen Plötzlich unter höherer Aegide oder vielmehr durch dieselbe Stöcker erzielt und selbst die Führer der nationalliberalen Partei in seine Gefolgschaft gezogen hat, drängen sich die zeither verschwundenen Antisemiten in Berlin wieder an das Tageslicht. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere unserer Leser eines gewissen De le Roi, der lange Zeit Missionär für Judenbekehrung war und auch nicht den geringsten Erfolg erzielte, und dann als 7*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.