Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-02-16 · Heft 7 (16.2.1888) · p. Seite 98

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 7 (16.2.1888)
Date
1888-02-16
Page
Seite 98 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227717-3227725--45086-3264579
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

98 Cultur sich in den Geistern das Verlangen nach größerer Freiheit und das Bewußtsein eines Anrechts auf bessere Zustände einstellte. Der Blick der Menschen erweiterte sich, die Anerkennung der Autorität des Bestehenden schwächte sich, der Gedanke an eingreifende Veränderungen gewann Raum, und da solche sich nicht im Handumdrehen bewerkstelligen lassen, und die bevorrechtigten Klassen sich ihre lang geübten Privilegien nicht nehmen lassen wollten, bildete sich rasch eine Unzufriedenheit mit den vorhandenen Verhältnissen aus, die bald in stetem Wachsen war. Gehen wir nun auf unsre Zeit ein. Vor Kurzem erschien ein zweibändiger Roman: „Die Krankheit des Jahrhunderts" von Nordau. Wir wollen hier diesen Roman weder kritisiren noch empfehlen. Als Ursache dieser Krankheit wird ein Motiv ausgemalt, das auch anderweitig gewöhnlich als das ursächliche Moment der allgemeinen Unzufriedenheit angegeben wird, nämlich: die gesteigerte Genußsucht. Wir halten im großen Ganzen diese Bezeichnung für ungenügend. Wir stehen, sobald unser Blick auf die große Masse der Proletarier, und solcher giebt es in allen Reihen der Gesellschaft, z. B. unter den subalternen Beamten, fällt, wir stehen hier, sagen wir, nicht vor einer ausgesprochenen Genußsucht, sondern vor einschneidenden Entbehrungen, vor dem Mangel an Befriedigung unentbehrlicher Lebensbedürfnisse, vor Roth und Elend, dann wieder vor dem Ringen mit dem, was der Stand nach Außen hin erfordert und die Mittel nicht decken können. Hier überall von Genußsucht als dem treibenden Motiv zu sprechen, ist durchaus ungerecht und verblendet die richtige Einsicht. Die Genußsucht kommt erst dann, wenn den nothwendigen Bedürfnissen genügt ist, und damit wären zahllose Menschen zufrieden. Allerdings darf hierbei nicht außer Acht gelassen werden, daß diese unentbehrlichen Bedürfnisse sich unter der Einwirkung der steigenden Civilisation sehr erweitert haben und Dinge befassen, an welche die Väter noch nicht dachten. Dies entscheidet aber nichts in unsrer Frage. Wenn die Begriffe eines menschenwürdigen Daseins ihre frühere außerordentliche Beschränktheit hinter sich gelassen, so ist es doch immer noch nicht Genußsucht, welche die Befriedigung jener erstrebt. Selbstverständlich verkennen wir hiermit nicht, daß die Genußsucht sich durch viele Schichten der Gesellschaft ausgebreitet hat und moralisch wie finanziell verderbliche Wirkungen übt — nur daß wir sie nicht als das allgemeinste Motiv krankhafter Zustände gelten lassen können. Denn gerade eine solche Ansicht würde gegen die vorhandenen Nebel verstockt machen. Die Gerechtigkeit erfordert, daß man nicht bloß die Nachtseiten einer Zeit in Betracht zieht, sondern auch sich den lichtvollen Erscheinungen zuwendet. Als ein Vorzug und ein sehr großer Vorzug unsrer Zeit erweist sich jedem Unbefangenen das allgemeine Streben, den vorhandenen Uebelständen möglichst abzuhelfen, ein Streben, welchem sich keine Partei, auch die reactionäre nicht ganz entziehen kann. In vergangenen Zeiten war dies anders; entweder man hatte kein Auge für die Nothlage Anderer und für die Mißbräuche, unter denen sie litten, oder man sah die Uebelstände als nothwendig an, und noch 1820 gewannen die Ansichten eines Malthus einen weiten Kreis von Anhängern, nach welchem das Elend der Menschen ein Naturgesetz, eine Naturnothwendigkeit sei, in die man sich fügen müsse. Wie anders unsre Zeit. Ueberall herrscht der regste Eifer, den Uebelständen kräftig entgegenzutreten. Ueberall stehen die socialen Fragen auf der Tagesordnung und haben selbst die politischen Interessen zum Theil schon in den Hintergrund gedrängt. Die Gesetzgebung aller civilisirten Staaten beschäftigt sich unaufhörlich mit diesen Themen. Allerdings weiß man, daß es nicht in der Macht der Gesellschaft steht, die ganze Fluth der Uebelstände und Nöthen mit einem Male abzuleiten; es kommt nur darauf an, sie nach und nach einzudämmen, die bedrohtesten und bedrohlichsten Punkte einigermaßen zu schützen und durch angemessene Canalisation die befruchtenden Kräfte der Gesellschaft angemessener zu vertheilen. Man weiß, daß diese ungeheure Aufgabe nur allmälig, nur Schritt vor Schritt gelöst werden könne, aber, ohne sich von den Schreiern irre machen zu lassen, welche Alles und mit einem Male verlangen, schreckt man vor dieser Aufgabe nicht zurück, sondern thut und schafft, wozu die Kraft ausreicht, und was nicht auf der einen Seite verdirbt, was es auf der anderen nützt. Hiermit sind die Regierungen, die gesetzgebenden Körperschaften und alle Individuen, die ein Gewissen für die Leiden ihrer Mitmenschen haben, beschäftigt. Natürlich in verschiedenem Grade, mit verschiedener Einsicht und mit verschiedenartigen Erwägungen. Aber es ist doch so weit gekommen, daß sich diesem Streben Niemand mehr zu entziehen vermag. Zunächst ist man darauf bedacht, das Volk vor Fälschungen der Lebensmittel zu schützen, ansteckenden Krankheiten Grenzen zu ziehen, die Abhängigen möglichst vor Ausbeutung ihrer Kräfte zu bewahren, z. B. die Verwendung von Frauen und Kindern in den Fabriken zu vermindern oder ganz zu beseitigen, dem Wucher zu steuern und was Alles in dieses Kapitel gehört. Das zweite Bestreben geht dahin. Jedermann unverschuldeten Unfällen gegenüber eine Sicherung zu verschaffen, und wie man schon lange Versicherungsgesellschaften gegen Feuerschäden, Hagel und andere Nothfälle hatte, so sorgt man jetzt für Krankenkassen, Unfallversicherung und womöglich auch für Alter- und Jnvalidenversorgungen. Daß man hierbei nicht sogleich auf ein vollständiges Maß der Befriedigung kommt, daß Vieles versuchsweise geschieht, was verbessert oder wofür ein anderer Weg eingeschlagen werden müsse, versteht sich von selbst. Dann aber verschließt man sich nicht vor den Schwächen der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.