Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1888)
- Date
- 1888-02-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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emeine des Zudenlllums. / Ein »nmrtciisches Otpn für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig # Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Bonn. EXpeöition: Leipzig, Woßplnh 17, In redaetionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 52. Jahrgang. Leipzig, den 16. Februar 1888. Nr. 7. Inhalt. Leitende Artikel: Ueber die Motive unsrer Zeit. — Die Stöckeriade in ihrem weiteren Verlauf. IV. — Politische Briefe aus Oesterreich. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Breslau. — Oesterrreich-Ungarn: Wien, Pest, Neutra. — Frankreich: Paris. — Rußland: Petersburg, Lodz. — Bonn: Notizen. — Wiesbaden: Notiz. — Feuilleton: Kurze Betrachtungen. £eite--vi&e Bonn, den 12. Februar. Ueber die Motive unserer Zeit. Die Unzufriedenheit, wir meinen eine allgemeine Unzufriedenheit, hat schon zu verschiedenen Zeitepochen geherrscht. Diogenes suchte mit der Laterne einen Menschen und fand ihn nicht. Natürlich weil er ihn nicht finden wollte, d. h. weil die Menschen der Vorstellung, die seinem Ideal entsprach , gar nicht vorhanden waren und sein konnten. In Athen wie in Rom hat die allgemeine Unzufriedenheit des Volkes mehrere Male große Erschütterungen des Staates bewirkt, und die überaus raschen Wirkungen der französischen Revolution lassen sich eben aus einer gerechtfertigten allgemeinen Unzufriedenheit des Volkes erklären. Wer aber die Dinge genauer prüft, muß von der anderen Seite erkennen, daß die Menschen im Ertragen von allgemeinen Uebelständen eine ganz außerordentliche Geduld erwiesen haben. Wie lange dauerte es, bis die Sklaven sich zu einer Empörung gegen die herrschende Klasse vereinigten, um im blutigen Kampfe ihre Freiheit zu erstreiten, ohne allerdings dieses Ziel zu erreichen. Wer die Lage der Leibeigenen, des Bauernstandes überhaupt, den ungeheuren Druck, welchen die Feudalherren und der Clerus auf sie ausübten, erwägt, muß sich verwundern, nur einem Bauernkrieg, nur einer Jacquerie zu begegnen. Die Gewohnheit brachte eben die Meinung hervor, daß die Dinge nun einmal so sind und daß man sich darin schicken müsse. In der That nimmt die Geschichte der Kriege, namentlich derer, welche nur aus der Herrschsucht der Regierenden, aus dem Verlangen, ihre Territorien zu vergrößern, oder aus persönlichem Ehrgeize entsprangen, einen ungleich größeren Raum ein, als die Geschichte der Aufstände, welche wiedernm nicht aus den ehrgeizigen Bestrebungen Einzelner, sondern aus der Unzufriedenheit der Massen hervorgegangen sind. Hieraus ergiebt sich, daß die allgemeine Unzufriedenheit keine Eigenschaft des Menschen überhaupt, sondern nur das Produkt bestimmter Zeiten ist. Für unsre Gegenwart ist dieselbe nun leider ein nicht zu verkennendes Moment. Sie reicht durch alle Klassen der Gesellschaft. Die Arbeitnehmer erachten ihren Lohn für viel zu gering, um ihrer Arbeit zu entsprechen, woraus eine trübselige Unlust zur Arbeit hervorgeht. Die Arbeitgeber sind mit geringer Ausnahme mit den Resultaten ihrer Unternehmungen unzufrieden. Den Beamten aller Klassen, einschließlich der Lehrer, erscheint ihre Besoldung höchst ungenügend. Die Unzufriedenheit des Handwerkerstandes spricht sich in seinen Versammlungen und Forderungen an die Gesetzgebung hinlänglich aus. Den Geistlichen genügt der Grad von Autorität, der ihnen verblieben, lange nicht. Am besten beweist diesen Charakter der Gegenwart der Trieb zur Kritik, die an Allem und Jedem geübt wird. Sicher fällt dieser Zustand Demjenigen auf, dem die Dauer seines Lebens gestattet, in die Stimmungen zurückzublicken, welche im Volke selbst vor 5 oder 6 Jahrzehenten noch herrschten. Aus der Beobachtung in der Geschichte drängt sich die Erkenntniß auf, daß eine solche Unzufriedenheit sich stets aus dem Umstande entwickelte, daß mit der Ausbreitung und Vertiefung der