Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1888)
- Date
- 1888-02-09
- Page
- Seite 93 (sequence 13)
- Language
- German
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93 der Familie Rothschild, die in Staaten, wo die conservativen Neigungen nicht bis zur gesellschaftlichen Erstarrung ausarten, längst die sociale Stellung erreicht hat, welche der Macht des Hauses entspricht. Die Anschauungen, welche in Oesterreich herrschen, machen es dagegen begreiflich, daß es einiges Aufsehen erregte, als bekannt wurde, dem Baron Albert und der Baronin Bettina Rothschild sei die Hoffähigkeit Zugesprochen worden. Es mag nach bett Begriffen, welche die Sitte im kaiserlichen Palaste bestimmen, wie eine Umwälzung erscheinen, daß die Nachkommen des Frankfurter Handelsmannes an den Vorrechten des Adels Lheiluehmen; aber es wäre ein Jrrthum, aus einer persönlichen Gunst eine allgemeine politische Folgerung abzuleiten. Herr Baron Rothschild wird mit seiner Gemahlin die Stufen der Burg hinanschreiten, um neben den stolzen Männern und Frauen der alten Aristokratie im Hanse des Monarchen als Gast begrüßt zu werden, er wird mit eigenen Augen Prinzen sehen können, welche Prinzessinnen im Tanze umherschwingen; wenn er aber den Ehrgeiz haben sollte, daß sein Sohn es im Dienste des Staates bis zum Bezirkshauptmann oder Gerichtsrath bringe, so würde er vergeblich hoffen. Wir glauben nicht, daß ein Bankier, der nicht sechzehn Ahnen besitzt, schon jemals zuvor einem Balle bei Hof beigewohnt hat, aber wir wissen, daß es in den Zeiten der schroffsten Unduldsamkeit an Aus' Zeichnungen für die Beherrscher des Geldmarktes nicht fehlte. So ein Mann konnte kein Haus erwerben, keine Familie ohne besondere Erlaubniß gründen, den Ort seines Wohnsitzes nicht frei wühlen, aber er konnte Ritter oder gar Baron werden. Fanny Jtzig, die Gemahlin des Bankiers Joseph Michael Arnstein, hatte durch ihr liebenswürdiges Wesen dem Kaiser Joseph viele trübe Stunden verscheucht, und sie zählte mit ihrer Schwester Cäcilie Eskeles zu den gefeiertesten Frauen der Congreß-Periode. Die Gatten dieser anziehenden Damen waren Barone geworden, aber kein Strahl dieser Lichtfülle drang in die düstere Stube des armen Hausirers, der sein Leben durch den Kauf alter Kleider fristete und jede Woche bei der Polizei die Berechtigung aufsuchen mußte, noch länger in Wien zu bleiben. Solche Ausnahmen entscheiden nicht über die Lage einer Classe, sie bilden kein Symptom für die allgemeine Achtung, welche den Kaufleuten gezollt wird, und es wäre selbst kühn, sie als sicheres Kennzeichen für die Gesinnung eines Souveräns anzusehen. Einst ist dem Hause Rothschild eine Ehre widerfahren, welche eine welthistorische Bedeutung erlangt hat und höher zu schätzen ist, als jedes aristokratische Privilegium. Tie City hatte Liouel v. Rothschild zum Mitgliede des Parlaments gewählt mit der Absicht, für die Gleichberechtigung aller Confessionen zu demonstriren und den Eintritt jüdischer Mitglieder ins englische Unterhaus zu erzwingen. Baron Lionel erschien an der Barre und begehrte, zur Ablegung des Eides zugelassen zu werden. Der Abgeordnete bedeckte das Haupt, legte die Hand auf das Alte Testament und leistete den Treu-Eid und den Supremat-Eid. Als er jedoch den wahren Glauben eines Christen beschwören sollte, weigerte er sich, dies zu thun. Dieser Vorgang entfesselte nun die berühmte Debatte, in welcher alle Heroen des englischen Volkes das Wort ergriffen, und die resultatlos blieb, bis endlich nach langen Kämpfen durch die Hartnäckigkeit der Wähler der Widerstand des Oberhauses besiegt wurde und Lionel v. Rothschild seinen Sitz einnehmen konnte. Die Strömungen im Volke sind die einzige Sicherung der gesellschaftlichen Gerechtigkeit. Wenn eine Nation sich dafür erwärmt, daß die Bürger vor dem Gesetze und in der Verwaltung gleich geachtet werden; wenn die Massen für das politische Ideal glühen, daß Niemand wegen seiner Abstammung und wegen der Religion unterdrückt werde, dann winkt die Hoffnung, daß die menschliche Gesittung einen neuen Fortschritt zu verzeichnen haben werde, daß die Freiheit nicht zum leeren Schein herabsinke. Die Gnade, welche einem Einzelnen zu Theil wird, mag sein Selbstgefühl heben und ihm eine hohe Genugthuung für manche öffentliche Kränkung gewähren, aber sie wird die allgemeine Richtung nicht ändern. Einst schrieb Heinrich Heine, das Haus Rothschild habe eine neue Aristokratie gestiftet, aber diese, beruhend auf dem unzuverlässigsten Elemente, auf dem Gelbe, könne nimmermehr so nachhaltig wirken, wie die Aristokratie, die im Boden, in der Erde selbst wurzelte. Geld ist flüssiger als Wasser, windiger als Luft, und der Geldadel verrinnt und verdunstet, ehe man sich dessen versieht. . . . Dieses Gefühl der Vergänglichkeit drängt auch die Bankiers, sich immer mehr mit vornehmen Geschlechtern des Landes zu verschmelzen, sowie es einst die Fugger, die Welser aus Augsburg und die Ahnen der Grafen Fuchs aus der Steiermark gethan haben. Wer weiß, ob die Hoffähigkeit des Baron Albert Rothschild nicht den Weg andeutet, welchen das Geschick auch seinem Hause vorgezeichnet hat? Die alten Bande der Familie sind jetzt noch fest verknüpft, die vier Firmen arbeiten mit einem Eifer, als gelte es, die erste Million zu erwerben, aber allmählich wird der Mann des Comptoirs hinter dem Genossen des Adels zurücktreten, wird der Aristokrat den Bankier verdrängen, wird das Haus Rothschild sich von dem Ursprünge seiner Blüthe entfernen. Unsere Urenkel werden vielleicht nur noch einen reichen Baron Rothschild kennen, ohne eine Ahnung davon zu haben, wie viele ängstliche Augen einst an den Lippen der Träger dieses Namens hingen. Es ist eine große Auszeichnung, hoffähig zu werden, aber es verleiht eine große Macht, geschäftsfähig zu bleiben.