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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-02-09 · Heft 6 (9.2.1888) · p. Seite 94

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 6 (9.2.1888)
Date
1888-02-09
Page
Seite 94 (sequence 14)
Language
German
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94 Auch ein Wunderrabbi. Die „% F. Pr." vom 11. Nov. d. I. bringt aus der Feder B. Reiner's einen Artikel über die Martinigänse, welche die Prcßburger jüdische Gemeinde dem Kaiser alljährlich in besonderer Audienz zu überreichen hat. Ueber den Brauch der Ueberreichung dieser Gänse und seinen Ursprung enthält der Artikel nichts, was nicht schon bekannt und auch in diesen Blättern (Jahrg. 1884 S. 802) mitgetheilt worden wäre*). Zum Schluß erzählt Reiner: Unfern von Maria-Pocs bei Bator, einem berühmten Wallfahrtsorte, in Liszka nächst Tvkai, war seinerzeit ein Wunderrabbi etablirt, ein zweiter, der ihm Concurrenz machte, in Csunger, am großen Eeseder Sumpfe. Es gab auch solche, die, wie die Derwische des Orients, von Ort zu Ort zogen. Um die Mitte der Fünfziger-Jahre kam ein solcher nach Gelse. Er war ein Mann mit langem Barte, weitläufiger Körperfülle und hoher Gebetskraft. Aber dabei ein kreuzfideler Geselle, ein gar rarer Vogel, dem der Schalk im Nacken saß. Seine Samstags-Predigt war ein Ausbund von Frömmigkeit und Gelehrsamkeit. Die Gelsener geriethen schier aus dem Häuschen. Mit reichen Geschenken zog der Heilige von dannen. Aber ach! Drei Tage später kam aus Maria- Poes, direet aus dem „nichtkoscheren" Gasthause „Zum Husaren" eine entsetzliche Nachricht. Der Heilige hatte, den Pocser Mönchen zum Trotze, die fröhlich das Martinsfest begingen, sich ebenfalls einen lustigen Tag gemacht, im „Nobel Einundzwanzig" die Opfergaben der Gelsener Frommen verspielt und bei den Klängen mehrerer Zigeunerfiedeln dem Weine so lange zugesprochen, bis er, ivie der lustige Zecher in dem Scheffel, ohne Gedichte, „steif wie ein Besenstiel am Marmortische lag". 1) Der vor Kurzem verstorbene Joseph von Wertheimer erzählte, daß seinem Väter gestattet ward, nebst nocb zwei Fainilicn-Mitglic-; der» dem Kaiser Joseph II. die wvhlgemästeten, mit Bändern! geschmückte» Gänse darzubringen. Kaiser Joseph hörte die seierliche! Ansprache a» und erwiderte den Verblüfften wörtlich Folgendes:! „Hat denn die Dummheit noch nicht aufgehört?"! Nachtrag.! Leipzig, 3. Febr. (Privatmitth.) Es dürfte nicht ohne! Nutzen sein, urbi et orbi und besonders denjenigen, die es! nicht hören wollen, mitzutheilen, daß heute eine Anklage j gegen einen hiesigen Schächter wegen Thierquälerei beim! Geflügelschächter vor dem hiesigen Schöffengericht mit einer, glänzenden Freisprechung endigte. Der Bezirksthierarzt! Dr. Thiersch als Sachverständiger erklärte, daß weder im - Schächten an sich noch durch das Wegwerfen des Geflügels! nach der Schlachtung der Thatbestand einer Thierquälerei! gegeben sei, daß das Schmerzbewußtsein des Thieres beim Schnitt ganz minimal sei und sehr bald schwinde, daß endlich die nachträglichen Zuckungen des Thieres nur als unbewußte Reflexbewegungen anzusehen seien. Der Staatsanwalt erklärte hierauf, daß ein Thatbestand für die Aufrechterhaltung der Anklage nicht vorliege. Somit ist wohl zum ersten Male vor Gerichte coustatirt worden, was freilich jeder Unbefangene längst wußte, daß beim rituellen Schächten vom Geflügel eine Thierquälerei nicht Vorkommen kann. vi. A. Eckstein. Königsberg i. Pr., im Febr. Wir werden um den Abdruck des folgenden Circulairs ersucht, für welches der Vers, die Verantwortlichkeit übernimmt. Redaetion. Zur bevorstehenden Generalversammlung des Deutsch- Israelitischen Gemeinde-Bundes. Auch die wärmsten Anhänger des D. I. G. B. werden nicht behaupten, daß derselbe dasjenige für die deutsche Judenheit geworden ist, was von ihm erhoffte und die Zwecke, zü deren Förderung er seiner Zeit geschaffen worden, in erwünschtem Maße erreicht hat. Nach dem Dafürhalten des Unterzeichneten, der sich auf fast dreißigjährige Erfahrungen als Berwaltungsbeamter jübischer Gemeinden stützt, trägt hieran die mangelhafte Organisation des Bundes die Hauptschuld, wenn auch überdies eine Revision der Aufgaben des D. I. G. B. geboten erscheint. Der Ausschuß des D. I. G. B. steht zu isolirt da; in ihm pulsirt nicht das Leben der deutschen Judenheit mit ihren Bedürfnissen und Wünschen. Dem Einsender schwebt folgendes Bild vor, dessen organische und statutenmäßige Ausbildung ein Leichtes wäre, wenn die in Berlin am 20. Februar er. versammelten Bertreter die nachstehenden Grundgedanken anerkennen. Ein ans freier Einigung beruhender Deutsch Js' raelitischer Gemeindebund. Die diesem Bunde beigetretenen Gemeinden entsenden Deputirte zu einem alle zwei Jahre stattsindenden „Allgemeinen Gemeindetag", welcher als oberste Instanz die gemeinsamen Interessen überwacht, deren Wahrnehmung bei der Gesetzgebung ebenso wie die Berathung der einzelnen Gemeinden bei allen einschlagenden Vorkommnissen einem Central-Ausschuß übertragen wird. Als Zwischenglieder zwischen diesen Centralorganen und den einzelnen Gemeinden werden sogenannte Unter-Provinzial- oder engere Landes-Verbände gebildet, welche die Gemeinden einzelner deutscher Länder und Provinzen umfassen und die Wahrnehmung von deren Sonder - Interessen sowie

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