Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1888)
- Date
- 1888-02-09
- Page
- Seite 90 (sequence 10)
- Language
- German
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90 same Fügung des Schicksals ist es, daß der junge Vadnay in dem Augenblicke, da er sich von den Antisemiten lossagte, noch in heftiger Weise zusammenstoßen mußte mit dem Manne, den er als Antisemit in leidenschaftlicher Weise befehdete, mit Carl Eötvös, den er wegen seiner Thätigkeit im Eßlarer Processe beständig angriff. Zwischen den Reichstagsabgeordneten Vadnay und Eötvös wird es jetzt wahrscheinlich zum Duell kommen. Vor der Hand wurde Vadnay wegen Preßvergehens der Ehrenbeleidigung zu zwei Monaten Gefängniß und zu 200 Gulden Geldstrafe, sowie zum Ersätze der ge' sammten Kosten des Verfahrens verurtheilt. DunasSzkrdahely, 28. Januar. Für die in Folge der Annullirung der Wahl Szabo's nothwendig gewordene Neuwahl eines Reichstags-Abgeordneten wurde heute eine Wähler' Conferenz einberufen. Die Antisemiten, welche zahlreich erschienen waren, verhinderten jedoch durch Lärmen und Schreien jede Berathung, so daß die Versammlung, ohne ein Resultat zu erzielen, sich auflösen mußte. Frankreich. Paris, Januar. Das Comits der „Pariser Inschriften" hat beschlossen, daß „an dem Hause in der Straße äs la Pompe zu Passy, in welchem Adolphe Crsmieux, Mitglied der provisorischen Regierung von 1848 und der nationalen Vertheidigung von 1870, am 10. Februar 1880 verstorben ist, eine Tafel dieses Inhalts angebracht werde. Zur selbigen Zeit hat Herr Leven, einstiger Mitarbeiter Crsmieux's, eine Vorlesung über diesen in der Gesellschaft äss Muäss juives vor einem zahlreichen Publikum gehalten. Wir können uns freuen, diesen um Frankreich wie um das Judenthum hochverdienten Mann gegenwärtig zu allseitiger Würdigung kommen zu sehen. — Der Baron Hirsch läßt in Constantinopel auf seine Kosten ein großartiges Gebäude für die dortigen Schulen der Alliance errichten. Dem Verein zur Förderung des Handwerks unter den Israeliten in Wien hat Baron Hirsch eine Subskription von jährlich 14,000 Fl. zukoinmcn lassen. Durch diese großartige Gabe wird die bis jetzt schon beträchtliche Wirksamkeit dieses Vereines in erfreulichster Weise ausgedehnt, und er wird vorerst nicht mehr aus Mangel an Mitteln gezwungen sein, eine nicht geringe Zahl Besuche abznweiscn. Rußland. Petersburg, 29. Jannar (Privatmitth.). Lassen Sie mich über die Zustände heute schweigen, in welche unsere Glaubensgenossen in Rußland durch so mannigfache Verschärfung der gesetzlichen Bestimmung über sie gerathe» sind. Es gereicht zum Tröste, daß, wenn man nicht zu Feuer und Schwert und Verbannung greift, der Mensch immer noch Mittel und Wege findet, um sich der Härte des Druckes einigermaßen zu entziehen, und findet er doch immer noch Befriedigung in sich, im Schoße seiner Familie, in der treuen Hebung seiner Religion, im Vereine mit seinen Schicksalsgenossen. Dies sind Heiligthümer, in welche die Gewalt eines Menschen nicht einzugreifen vermag. Ich richte vielmehr meine Aufmerksamkeit auf die Lebensbedingungen für die Zukunft unsres Stammes im russischen Reiche. Die Hoffnungen, die man eine Zeit lang auf Auswanderung, sei es nach Palästina, sei cs nach Amerika oder anderen Ländern, die uns Gastlichkeit und Freiheit gewähren, setzte, ober gar auf Verschärfung der jüdisch-nati onalen Gesinnung haben sich allmälig als unzureichend erwiesen. Mag die Auswanderung einiger tausender unsrer Glaubensgenossen zum Guten ausschlagen, — wie viele der Auswanderer aus Unzulänglichkeit ihrer Mittel zu Grunde gehen, ist unberechenbar — den Millionen unsrer russischen Brüder gegenüber ist sie doch nur von secundärer Bedeutung. Dahingegen erachte ich es von der höchsten Bedeutung, daß die Masse der russischen Juden die russische Sprache nicht blos erlernen, sondern als Muttersprache in den Familien hegen und pflegen. Selbstverständlich habe ich hierbei die Pflege der hebräischen Sprache nicht im Auge; sie muß angestrengt für und in uns erhalten bleiben — aber zur üblichen Volkssprache ist sie doch nicht befähigt. Was soll uns aber noch ferner der deutsche Jargon, der in korrumpirtester Weise noch immer die eigentliche Sprache der russischen Juden ist und eine Scheidewand bildet zwischen den Juden und den Nationalrussen, die für uns höchst nachtheilig und dabei von nicht dem geringsten Nutzen ist? Ein abscheulicher Jargon, der einen höchst verdorbenen Untergrund und auf diesem das sonderbarste Gemengsel verschiedener Sprachen hat, ist kein Mittel geistiger Bildung, sondern für diese nur ein hartnäckiges Hinderniß. Es wäre thöricht einzuwenden, daß durch diese Sprache der russische Jude — ich verstehe hier: immer den russischen und polnischen Juden zugleich — mit der deutschen Bildung in Verbindung bleibe. Dies ist durchaus nicht der Fall, denn wer diesen Jargon spricht, versteht das Hochdeutsche noch lange nicht und kann sich dem hochdeutsch Sprechenden nur äußerst schwer verständlich machen. Wer deutsche Bilbung sich zueignen will, muß erst die hochdeutsche Sprache erlernen. Unsre Richtung aber mnß dahin gehen, sich durch äußerliche Kennzeichen von dem Volke, in dessen Mitte wir leben und mit welchem wir in unmittelbarem Verkehre stehen, sich nicht zu unterscheiden, sondern mit ihn, gerade durch die Sprache in inniger Berbindnng uns zu befinde». Wer die Sprache dieses Volkes nicht spricht, kennzeichnet sich allerdings durch ein fremdes Element. Dies gerade muß