Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1888)
- Date
- 1888-02-09
- Page
- Seite 89 (sequence 9)
- Language
- German
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8S Juden jener Länder die Mittel an die Hand Zu geben, sich aus ihrer geistigen Versunkenheit zu erheben. Durch Errichtung von Lehranstalten und Handwerkerschulen soll die Bildung der Jugend befördert, sollen die dem Elende und dem Zufälle Preisgegebenen Existenzen künftig bürgerlichen Erwerbszweigen zugeführt und hierdurch auf ein moralisches Niveau gehoben werden, das ihnen die Möglichkeit einer lichteren Zukunft eröffnet. Am weitesten ist dieser Plan bis jetzt für die russischen Juden gediehen; eine Summe von 50 Millionen Francs ist für diesen Zweck bereits ausgeworfen, und ihre Verwendung im Sinne des Stifters ist von den dortigen Behörden im Principe genehmigt worden. Es handelt sich, wie schon bemerkt, in erster Linie um die Errichtung von Bildungs-Instituten für die Jugend und um die Aetivirung von Handwerksschulen oder die Bestellung von Landwirthen und Gewerbsleuten, welche die Stiftlinge zum Ackerbaue zu verhalten und in bürgerlichen Handwerken zu unterweisen haben. Die Massen, welche bisher unter ihrer Umgebung als Parias der Gesellschaft galten, sollen durch das Humanitätswerk ihrer menschenunwürdigen Existenz entrissen, durch geistige und körperliche Ausbildung zur Selbstachtung zurückgeführt und so zu nützlichen Mitgliedern der Bürgerschaft ihrer Länder erzogen werden. Auch für die Türkei itub für die Juden von Galizien ist zu gleichem Zwecke j die Stiftung von Summen in Aussicht genommen, wie sie: in solcher Höhe bisher nur von amerikanischen oder engli-! schen Philanthropen großen Stiles geopfert wurden; bie; Gesammtsnmme der für die erwähnten Zwecke bestimmten Widmungen dürfte sich auf hundert Millionen Francs belau-! fen. Da der Stifter selbstverständlich Werth darauf legt,j daß die bedeutenden Summen sich nicht wirkungslos zersplittern oder -aß von demselben keine nlißbräuchliche Anwendung gemacht werde, so ist in allen Ländern, denen sie zugute kommen sollen, die Mitwirkung der Behörden und vertrauenswürdiger Personen von Einsicht nothwendig, welche selbstlos die Errichtung und Leitung der bezüglichen Institute in die Hand nehmen. Die Verhandlungen hierüber sind jetzt im Zuge, und da Baron Hirsch gegenwärtig noch in Constantinopel weilt, so erleiden die Vorarbeiten naturgemäß eine Verzögerung, doch hoffen seine Vertrauensmänner alle bisher bestehenden Schwierigkeiten bald zu ebnen, um das sociale Reformwerk, das mit diesen Stiftungen angestrebt werden soll, dann ins Leben zu rufen. Wien, 26. Januar. (Privatmitth.) Sie haben seiner Zeit von dem Buche: „Der Wucher auf dem Laude", welches der Verein für Socialpolitik in Deutschland mit Unterstützung des preußischen Ministers Dr. Lucius veröffentlichte, Notiz genommen. Die „Vierteljahrsschrift für Volkswirthsch., Politik u. Culturgeschichte", 4. Band, 2. Hälfte 1867, S. 239, bespricht das Buch eingehend und zwar nur gar zu ab fällig. Der Referent will sogar den Titel nicht gellen lassen, da der Wucher in der Stadt kein anderer sei, als jener auf dem Lande. Zugleich weist er darauf hin, daß die Gutachten zumeist antisemitisch gefärbt sind. Gestatten Sie mir nun, auf den Berichtaus Wien No. 1 der Zeit. d. Jud. über die Maccabäerfeier des Vereines „Kadima" zurückzukommen. Zunächst mag hervorgehoben werden, daß man hier im Allgemeinen die Ansichten der verehrlichen Redaction in der Fußnote zu besagter Correspondenz Iheilt. Thatsächlich recrutirt sich dieser Verein zumeist aus jungen Leuten aus Galizien. Das Reinerträgniß war dem Vereine zur Unterstützung mittelloser israelitischer Studirender in Wien gewidmet. Der Vorstand dieses Vereines wurde jedoch gar nicht gefragt, ob er geneigt sei, dieses Reinerträgniß anzunehmen und doch heißt es: n;no pron bi M2nh. Wie es scheint, war auch kein Reinerträgniß: wenigstens hat bis jetzt der genannte Verein keinen Pfennig erhalten. Zum Schluß noch eine Nachricht. Der Wiener Hof „verludet" schrecklich. Die Kronprinzessin Stefanie, welche eine Künstlerin auf dem Claviere ist (sie zeichnet auch mit großem Talent und sind von ihrer Hand mehrere Zeichnungen in dem Werke: „Oesterreich-Ungarn in Wort und Bild" welches unser Kronprinz veröffentlicht), nimmt jetzt Unterricht im Gesänge und ihre Lehrerin ist Frau Niklas-Kempner — eine Jüdin. Doch Scherz bei Seite, man sieht daraus, daß am hiesigen Hofe nicht ein Atom von Antisemitismus ist. Hier wäre ein Hofprediger ä la Stöcker unmöglich und würde auch kein kaiserlicher Prinz sich mit einem Manne, der eine derartige prononeirte Stellung auf Politischem Gebiete einnimmt, zu einer freien Beralhung an einem Tische znsammensetzen. Die Journale berichteten, daß Baron Rothschild und Gemahlin auf Grund diesbezüglicher Verträge der eis- und Iransleithanischen Ministerpräsidenten, des Grafen Taaffe und v. Tisza, für hoffähig erklärt worden. Die Prager „Politik", die gut unterrichtet ist, dementirt diese Mittheitungen. Sie sagt: „der Kaiser ist Herr in seinem Hause." Es war also ein spontaner Entschluß Sr. Majestät, der für uns Inden desto werthvoller ist. Pest, 27. Jan. (Privatmitth.) Bei Gelegenheit einer schwurgerichtlichen Verhandlung hat Andor Vaduay, der eleganteste der Antisemitenpartei, den Antisemitismus öffentlich und bußfertig abgeschworen, indem er gestand, daß er einen Jrrthum begangen, als er sich zu Beginn seiner politischen Laufbahn einer Partei anschloß, welche auf ungesetzliche Weise die Lösung einer Parteifrage anstrebt. Er bedauerte, Mitglied einer Partei gewesen zu sein, „welche keine Existenzberechtigung hat und die sich darin gefällt, daß sie jbie Straßendemonstrationen ins Parlament trägt." Eine seit- G