Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-02-09 · Heft 6 (9.2.1888) · p. Seite 84

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 6 (9.2.1888)
Date
1888-02-09
Page
Seite 84 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227717-3227724--45071-3264563
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

nach allen Seiten hin rechtfertigen werden." Die Gesammtleitung der Mission soll nach dieser Quelle nicht einem Manne allein, sondern einem „ausführenden Ausschuß" übertragen werden, der aber voraussichtlich seinen Sitz nicht in Berlin nehmen wird. In der Reichshauptstadt sei die Gefahr zu groß, daß trotz aller noch so strenger Satzungen die Leiter sich Einflüssen zugänglich zeigen könnte», welche den von jedem politischen Hintergedanken freien Absichten der Männer, die jetzt das Werk in die Hand zu nehmen, im Begriffe stehen, entgegenwirken." So solle das von Herrn Stöcker in der Richtung strenger Buchstabengläubigkeit und unduldsamer Ausschließlichkeit begründete und geleitete Werk von einem neue» Geiste erfüllt werden. Ein dahin gehender Aufruf werde in den nächsten Tagen zur Verbreituug gelangen. — Es wird sich zeigen, wie weit das bisherige Stöcker'sche Lager sich an dieser inittelparteilichen Umforniung des Werkes betheiligt, und ob wir nicht etwa an Stelle der einen Stadtmission künftig deren zwei an die „Wohlthätigkeit" sich wenden sehen werden, mit dem Nächstliegenden Zweck, einander das Wasser abzugraben, indem sie die kirchlichen und socialen Kämpfe nur um so tiefer in die Massen tragen." Die „Voss. Z." und wahrscheinlich auch die anderen Berliner Blätter bringen euren langen Bericht über eine Rede, welche Stöcker irr einer Versammlung der Christlich-Socialen über das neue Socialistengesetz gehalten, und zwar nach dem ersten Tage der Verhandlung desselben im Reichstage. Ob jene Blätter hieran recht thun, ist uns sehr zweifelhaft. Denn einerseits ist die Rede ganz inhaltslos und ergeht sich nur in banalen Phrase», Schimpfereien und Spöttereien, andererseits wird dem Stöcker dadurch immer wieder ein unverdientes Relief in der Oesfentlichkeit gegeben. Im Reichstage schweigt Stöcker und geht dann hin, um der Schaar seiner Getreuen zu deren Vergnügen eine Rede loszulassen. Sehr natürlich, denn um vor einer Versammlung von Abgeordneten zu sprechenmuß man gedankenreich, zusammenhängend und alle seine Sätze wohl begründend reden, und dazu gehört mehr, als Siöcker zu besitzen scheint. Alle diese Erfordernisse fallen vor gewöhnlichen Leuten weg, die nur in gewisser Weise gekitzelt und aufgeregt sein wollen. Stöcker machte es sich in gedachter Rede leicht. Er erklärte die Socialdemokratie im Absterben begriffen, bereits so gut wie todt. Dann fiel er über Singer wegen dessen Rede im Reichstage her, wobei dann der Jude die Hauptrolle spielte, Veranlassung genug, um allerlei Hetzereien auzubringen. Unter Anderem sagte er: das Judenthum werde es einst bedauern, Lassalle und Singer gezeugt zu haben. Was hat das Judenthum mit beiden Männern zu schaffen? Lassalle war von demselben gänzlich losgelöst und wurde erst wieder Jude, als er todt war, d. h. man begrub ihn auf einem jüdischen Friedhofe und Singer hat sich für „confessionslos" erklärt. Das ist doch Beweis genug, daß sie vielmehr mit dem Judenthume im Widerspruch standen und in ihm ein Hinderniß für sich sahen. Die Zufälligkeit der Geburt geht uns nichts a». Wer macht das Christenthum verantwortlich für die Hunderte socialdemokratischer und anarchistischer Agitatoren und die hunderttausende deutscher Socialdemokraten, oder auch nur ihr Vaterland, Deutschland? . . . Würden die Berliner Blätter nicht so viel Wesens von Stöcker machen, die Welt wüßte wenig von ihm. Bis jetzt haben ihm seine Feinde mehr genützt als seine Freunde, und so werden auch wir gezwungen, uns mit ihm zu beschäftigen. Brüx, im Januar. Politische Lriefe aus Oesterreich. Von -IX G. Deutsch. Das bedeutsamste Merkmal unserer Zeit ist die Romantik, d. h. die Anschauung, welche die Vergangenheit auf Kosten der Gegenwart überschätzt und von der Zurückführung unhaltbar gewordener Zustände alles Heil erwartet. Diese Erscheinung ist allerdings sehr leicht erklärlich, denn die letzten Jahrzehnte haben in alle Lebensverhältnisse so gewaltig tief einschneidende Aenderungen gebracht, daß wir uns darin sehr schwer cinrichten und darum meinen wir, die Schuld unseres Mißbehagens liege an diesen geänderten Zuständen, und nicht, wie es eigentlich der Fall ist, an der durch den raschen Uebergang hervorgerufenen Verwirrung. . . Diese romantische Strömung geht von Deutschland aus, und da Deutschland gegenwärtig die sührende Macht in Europa ist, findet diese romantische Anschauung ziemliche Verbreitung. Dazu kommt noch eins: Die Ereignisse des Jahres 1870, dann die Bedeutung, welche Deutschlands Wort seit jener Zeit im Rathe der Völker behauptet, hoben den Nationalstolz der Deutschen bis zu einer gewissen Höhe gesteigert, einer Höhe, welche bis dahin nur bei den Franzosen angetroffen wurde. Hinter diesem Deutschthum verschwindet der Menschlichkeitsgedanke genau ebenso, wie noch im vorigen Jahrhundert hinter dem Christenthum. Man braucht nur Gustav Freytags Lebensbeschreibung zu lesen, um auf jeder Seite das Wort „Deutsch" in der allermißbränchlichsten Weise gehandhabt zu sehen. Ganz besonders ist die Rede von deutscher Tüchtigkeit, von deutschem Geiste, von deutscher Thatkraft, ja es wird sogar davon gesprochen, daß „bei uns Deutschen" die Frauen den Freunden ihrer Männer gleichzeitig als Feinde gelten. Ist bei irgend einem gebildeten Volke die Sache wesentlich anders, oder giebt es „bei uns Deutschen" nicht etwa Männer genug, die ihre Geselligkeitsbedürfnisse nur außerhalb der Familie suchen und finden? — Der hohe Grad von Achtung, welchen die Deutschen in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.