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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-02-09 · Heft 6 (9.2.1888) · p. Seite 83

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 6 (9.2.1888)
Date
1888-02-09
Page
Seite 83 (sequence 3)
Language
German
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83 mochte. Der Weg aber, den wir beschritten, führte unmittelbar und unzweideutig zu unserem Ziele. Möge der Gedanke, aus dem diese Abhandlung entstanden, allseitig aufgefaßt und in seiner Prägnanz für das Verständniß des Volkes Israel und seiner Geschichte gewürdigt und festgehalten werden! Die Slöckeriade in ihrem weiteren Verlauf, in. Es ist wahr, die Krise, in welcher sich gegenwärtig Stöcker befindet, geht uns direkt nichts an; allein mit diesem Manne hat sich der Antisemitismus in Berlin und an anderen Orten, jener Antisemitismus, der nicht einmal Gründe, sondern uur Schlagwörter, die jedoch bei einer gewissen Classe um so leichter zünden, anzuführen versteht, zu sehr identificirt, als daß wir nicht in den Personen, welche ihn begünstigen, Förderer des Judenhasses, und in denen, welche ihm entgegentreten, auch Gegner seiner judenfeindlichen Bestrebungen erblicken sollten. Aus diesem Gesichtspunkte interessiren uns die Vorgänge sehr, und wir erkennen in ihnen einen Proceß, in welchem der mittelalterliche Geist im Widerstande gegen den modernen, dem Rechte und der Humanität zugewendeten Geilte sich abspiegelt. Die Aufforderung zu Geldbeiträgen für die Stadtmission ist in den Provinzen verbreitet worden. Sie trägt auch die Unterschrift der Minister v. Puttkamer und v. Goßler. Aber überall und am meisten in Berlin regt sich das Bedenken, die anzusammelnden Geldmittel einer Anstalt zu überlassen, welche von Stöcker allein geleitet wird, so daß damit nur ein bedeutender Etat geschaffen wird, der zur Verfügung Stöckers steht. Man fragt sich, ob hiermit wirklich nur Werke der Liebe und Mildthätigkeit geübt, oder die Summen znm Unterhalte von Missionären und zur Unterstützung für orthodox sich ausgebende Leute verwendet werden? Sehr viele Personen stellen für ihre Gaben die Bedingung, daß Stöcker von der Leitung der Stadtmission zurücktrete; und da man leicht glaubt, was man wünscht, so hat sich bereits die Nachricht verbreitet, Stöcker werde zurücktreten. Ja, der „B. B.-C." versteigt sich zu der Meldung, daß Prof. I)r. Paulus Cassel an dessen Stelle treten und man Stöcker die Summen zurückzahlen werde, welche er der Stadtmission geliehen habe. Dies ist jedoch mehr ein Witz als Wirklichkeit. Paulus Cassel ist ein Gegner Stöckers und hat eine heftige und gründliche Kritik gegen das Verfahren Stöckers in seinen Judenhetzen veröffentlicht. Diese Wahl wäre demnach eine doppelte Demüthigung für Stöcker, und eine solche thun ihm die Herren Conservativen nicht an'). Vielmehr wehrt sich i) Cassel hat dem auch eine Gegenerklärung folgen lasse». Stöcker aus allen Kräften gegen diese seine Beseitigung, und sein Organ „der Reichsbote" spricht dies in heftigster Weise aus. Daß übrigens die Entfernung Stöckers von der Lei-, tung der Stadtmission wirklich betrieben wird, hat sich an einer Stelle erwiesen, von welcher man es am wenigsten erwartete. Bei der im Reichstage stattgefundenen Besprechung der Interpellation der Polen betreffs des Ministerialreskriptes, durch welches der Unterricht in der polnischen Sprache aus den Volksschulen in den Provinzen Posen und Westpreußen verbannt worden, trat der Abg. Windhorst für die Polen ein, und verstieg sich hierbei zu der Zusammenstellung der Verdrängung der polnischen Sprache aus der Volksschule mit der Verdrängung Stöckers aus der Stadtmission. Dieser Vergleich ist gewiß ebenso unangemessen wie unzutreffend, und da doch Stöcker und sein Anhang entschiedene Gegner der katholischen Kirche sind, wundert man sich über die Auslassung des Centrumsführers. Man erklärt sie als in der Hitze des Redegefechtes geschehen. Aber da gerade kommt die innerste, sonst verborgen gehaltene Anschauung des Redners zu Tage. Doch abgesehen von etwaigen Folgerungen, welche die Worte Windhorsts zulassen, geben sie jedenfalls den Beweis für die andauernden Erörterungen über die Beseitigung Stöckers. Jndeß nimmt die Sache noch eine andere Wendung. Die „Frkf. Z." berichtet: „Eine Anzahl angesehener nationalliberaler und freiconservativer Herren, darunter Bennigsen, Miguel, Hobrecht, habe» sich, offenbar von der Absicht geleitet, die Theilnahme des Prinzen Wilhelm an der Waldersee'- schen Versammlung den Deutungen zu entziehen und auch sonst naheliegende Konsequenzen derselben zu vermeiden, entschlossen, sich an der Bewegung für die Stadtmission zu betheiligen. Sie werden demnächst einen Aufruf erlassen, der allen Blättern zugeschickt werden soll, und glauben dadurch der Stadtmission, die sich nicht auf Berlin beschränken soll, den parteipolitischen Charakter zu nehmen und die rein kirchliche Wirksamkeit derselben ins richtige Licht zu stellen. Der Name des Herrn Stöcker wird aber auch unter diesem Aufruf figuriren. Ob es in Folge dieses Vorgehens gelingen wird, den leitenden Einfluß des Herrn Stöcker wirklich zu beseitigen, und ob nicht vielmehr der Anschein erweckt iverden wird, daß diese Herren lediglich für das Werk Stöckers eintreten, ist eine sehr zweifelhafte Frage, über die erst der Erfolg entscheiden wird." — Dagegen bemerkt die „Boss. Ztg.": „In nationalliberalen Blättern wird die Beseitigung des Herrn Stöcker von der Leitung der Berliner Stadtmission allen Abfertigungen der dieser zunächst stehenden Presse zum Trotz als beschlossene Sache behandelt. Dem „Hann. Kurier" s wird es als sicher bezeichnet, „daß Herr Stöcker sich in die i schmerzliche Nothwendigkeit fügt und die Fortführung des von ihm in's Leben gerufenen Werkes anderen Händen überläßt, i von denen zu hoffen ist, daß sie das in sie gesetzte Vertrauen «*

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