Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-02-02 · Heft 5 (2.2.1888) · p. Seite 78

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 5 (2.2.1888)
Date
1888-02-02
Page
Seite 78 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227717-3227723--45064-3264555
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

78 Folge seiner Unausstehlichkeit mit wenige» Ausnahmen seine Stücke zurückgewiesen hatten, wollte er jetzt hier im Nationaltheater sein Glück versuchen. Sein guter Stern führte ihn mit Gabriel Egressy zusammen, mit jenem genialen Künstler, welcher leider weder von seinen Zeitgenossen, noch von der Nachwelt bisher genug gewürdigt wurde. Das beste von Karl Hugo's Dramen war „Brutus und Lucretia", und dieses hatte Egressh zur Aufführung im Nationaltheater ausersehen. Karl Hugo machte sich erst selbst an die Uebersetzung, u. zw. übersetzte er das Stück in Versmaß des Originals. Als er seine Uebersetzung Egressy überreichte, erklärte dieser rund heraus, dieselbe sei vollkommen unbrauchbar, diese Verse könne man weder deklamiren, noch verstehen und er fügte dieser nicht sehr schmeichelhaften Erklärung noch den Rath hinzu, der Verfasser möge seine Arbeit irgend Jemandem zur Uebersetzung in anständige Prosa übergeben, da nur sp davon die Rede sein könne, daß das Stück im Nationaltheater aufgeführt werde. Karl Hugo war anfangs wüthend. Er erklärte, er schreibe nicht für eine Nation, welche seine Verse nicht versteht, er brauche ihren Applaus nicht und zog sein Stück einfach zurück. Später überlegte er sich aber, wie es scheint, die Sache und kam zu mir mit der Bitte, ich möge das Stück „mit möglichster Benützung seiner versjficirten Uebersetzung" übertragen. Ich ging darauf ein, vermied aber sorgfältig „die Benützung seiner versificirten Uebersetzung" und in meiner Uebertragung wurde dann „Brutus und Lucretia" im Nationaltheater — mit außerordentlichem Erfolge — ausgeführt. Mittlerweile vollendete Carl Hugo ein ungarisches historisches Originaldrama, dessen Titel „Egy magyar kiräly“ war. Auch in Betreff dieses Stückes hatten wir unerhörte Kämpfe mit ihm zu bestehen. Denn auch in diesem Stücke waren die Verse so schlecht, daß beinahe jede Zeile umgearbeitet werden mußte. Aber schließlich brachten wir die Geschichte doch fertig, das Nationaltheater nahm das Stück zur Aufführung an und die Rollen wurden vertheilt. Am Morgen nach der Vorstellung schickte Graf Louis Batthyany, der ein großer Protectvr Karl Hugo's war, dein Dichter eine prächtige, an einer langen Goldkette befestigte Cylinderuhr. Später erschien das Drama in Buchform und Hugo widmete es aus Dankbarkeit dem Grafen Louis Batthyany. Hugo hatte auch ein zweites, noch unbekanntes Drama mit aus Paris gebracht, das ebenfalls deutsch geschrieben war; dessen ursprünglicher Titel war „der Kaufmann von Marseille", das ungarische Publikum kennt es unter dem Titel „Barö es bankär“ (Baron und Bankier) ist noch heute auf dem Repertoire in der Uebersetzung Falk's, der für dieselbe von Hugo 15 Gulden und eine mit kleinen Rosen gestickte weiße Atlasweste erhielt, welche letztere er aus Paris mitgebracht hatte. Die Juden in Susa. Es ist mit Susa nicht jene ehemalige große Residenz in Mittelasien gemeint, in welcher Ahasveros residirte, sondern die Hafen- und Küstenstadt in Tunesien, wo jeden Donnerstag jetzt ein französischer Dampfer auf der Küstenfahrt von Tunis nach Tripolis die erste Station macht. In der Rundschau Nr. 3 beschreibt ein Reisender seine Fahrt nach der heiligen Stadt Kairun, welche bis zur Einnahme durch die Franzosen weder Jude noch Christ betreten durfte. In Susa (Baäruruetum), um 675 nach der gew. Ztr. von den Arabern zerstört, von den Türken wiederhergestellt, wegen seines bedeutenden Oelhandels wichtig, verließ der Reisende den Dampfer, um von da zu Wagen die weite Reise zu übernehmen. Die 600 Europäer, meist Maltesen, bewohnen den unteren Stadttheil, die sog. Marina von Susa, scheinen sich aber wenig aus ihren Häusern zu rühren. Auf der einzigen breiteren Hauptstraße entfaltet sich jedoch ein recht lebhaftes Treiben. Es scheint eine Art von Börse abgehalte» zu werden, und zwar fast ausschließlich von Juden. Sie gruppiren sich um die zahlreichen Wechslertische, laut redend und gesticulirend. Die Juden von Susa genießen den Ruf großer Schönheit. Sie wissen mit Würde ihren blauen Mantel in Falten zu werfen und zeigen große Selbstgewißheit im Auftreten. Im Gegensatz zu der Frankenstadt ist der höher gelegene arabische Stadttheil wie ausgestorben. — In Kairun selbst, wo das einzige französische Hotel hinter den niedrigsten Anforderungen zurückbleibt, fand der Reisende auf Empfehlung eines Susaer Kaufmanns eine Privatwohnung, wo er in einem sehr sauberen Hause auf's Freundlichste empfangen wurde. Die Herren M. D. D., sagt der Verfasser, zwei Junggesellen, die bereitwillig ihre ganze Wohnung dem Fremden anboten, sind zwei tunesische Israeliten, der eine spricht nur arabisch, der andere vorzüglich französisch und italienisch. Sie führen hier in Kairun eine eigenthümliche Existenz als einzige nichtfranzösische Fremde von einiger Bildung in einem ganz arabischen Orte. Sie betreiben im großen Stil das Geschäft der Gerstenlieferungen an die französische Besatzung. Sie bewohnten Kairun seit der französischen Invasion. Statt der erwarteten fanatischen Vertheivigung ergab sich die heil. Stadt den Franzosen ohne Schwertstreich, weil sie hierdurch vor den Einfällen der Beduinen geschützt war. Ein düsteres Geheimniß. Man schreibt aus Wien: Vor einigen Tagen starb hier in hohem Alter ein aus Preßburg eingewanderter Privatier, Herr Uffenheimer, der beinahe sein ganzes Vermögen, 65,000 Gulden, Humanitären Jnstistuten hinterließ. Dieses Testament hängt mit einem düsteren Geheimnisse zusammen,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.