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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-02-02 · Heft 5 (2.2.1888) · p. Seite 72

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 5 (2.2.1888)
Date
1888-02-02
Page
Seite 72 (sequence 8)
Language
German
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72 Völkern — bezeichnet, und damit sagen will, daß diese Herzen aller religiösen und sittlichen Unreinheit ergeben sind (9, 25). Ja, er sieht „bie Sünde ausgeschrieben auf die Tafeln des Herzens", so daß es „vom Ewigen weicht" (17, 1. 5), nichts als Hochrnuth nährt (48, 29) und das Böse stets vor Augen hat. Ta der Prophet dies immer wieder vor sich sieht, hegt er tief im Innern den Wunsch, seines Berufes enthoben zu sein. Er ruft aus (4 19): „Meine Eingeweide! Meine Eingeweide! Mir pocht's an die Wände meines Herzens, mir tobt mein Herz, ich kann nicht schweigen!" Vor Kummer fühlt er sein Herz siech (8, 18). „In seinem Herzem ist es wie brennend Feuer" (20, 9), und selbst wenn er „gebrochen fühlt seinHerz in seinem Innern" (23, 9): er muß immer wieder hinaus in das Gewühl des Volkes, um das Wort des Herrn zu verkünden, denn er sieht, wie die falschen Propheten aus dem „Truge ihres Herzens" (1.4, 14) dem Volke lügenhafte Reden halten und es zu seinem Verderben verleiten. Dies Alles ist ihm eine „Zerrüttung des Herzens" (Klgl. 3, 65), eine allgemeine Geisteskrankheit. Aber ist unser Prophet darum ohne Hoffnung, ohne jegliche Zuversicht auf eine bessere Zukunft? Gewiß nicht; oft genug reiht sich ihm an die bitterste Strafrede die Verkündigung der Wiederherstellung. Diese Hoffnung in seinem trauernden Herzen (Kgl. 2, 18. 3, 2 t), da dieses „Flöten gleich klagt" (48, 36), stützt sich auf die Erkenntniß, daß Gott,die Menschen „nicht plagt aus seinem Herzen heraus" (Klg. 3, 33), daß Er vielmehr die Menschen mit schwerer Zucht zu Sich und dem Guten wieder zurücksühren will, und daß Seine „Barmherzigkeit neu ist jeglichen Morgens". Darum sieht er sein Volk dennoch „mit ganzem Herzen zurückkehren" (3, 10), Gott „giebt ihnen ein Herz, ihn zu erkennen" (24, 7), er schreibt die Lehre wieder auf ihr Herz" (31, 33), ihr Herz wird ihn wieder fürchten (32, 39); sie werden sich in ihrem Herzen Jerusalems erinnern (51, 50) und „die Wonne des Herzens", die ihnen jetzt so fern ist, kehrt ihnen zurück, bis das Volk vor seinem Gotte in Jubel ausbricht und sich der Freude des Lebens, dem Gesang und dem Reigen wieder hinzugeben vermag (Klgl. 5, 15). — Wir brauchen unsere Leser nicht erst darauf aufmerksam zu machen, wie Jeremias in allen diesen Aussprüchen uns nicht bloß einen Einblick in das menschliche Herz überhaupt verschafft, sondern auch durch die Entfaltung seiner eigenen Gefühle wahrhaft psychologische Einsicht eröffnet. (Schluß folgt.) Deutschland. Berlin, 19. Januar. Der Hilfsoerein für jüdische Studirende, sowie der Zweigverein desselben zur Unterstützung bedürftiger Gewerbe-, Bau- und Knnstakademiker zählt gegenwärtig iOUO Mitglieder, von denen 863 der eigentlichen und Hauptgesellschast zur Unterstützung armer Studirender an unserer Universität augehören. Das Vermögen desselben beläuft sich auf etwa 1jA Million Mark, während die laufenden Beiträge 11,745 Mk. betragen. Da der Verein seine Unterstützungen Lediglich als Darlehne gewährt, deren Zurückzahlung er den Betreffenden überläßt, sobald es deren Lebenslage gestattet, so vereinnahmt derselbe alljährlich mehrere tausend Mark als Rückzahlungen; diese betrugen im abgelaufenen Geschäftsjahre etwas über 400^) Mk. An laufenden Unterstützungen gewährte der Verein 16,695 Mk., an einmaligen 7oo7 Mk. Die ersteren schwankten zwischen 40 bis 80 Mk. vierteljährlich. Einmalige Unterstützungen wurden als Beihilfe zur Bestreitung von Plomotionskosten und für das Staatsexamen gewährt, theilweise auch zu Collegiengeldern. Der Verein stellt ferner alljährlich Preisfragen zur Lösung; im vergangenen Jahre wurden dem Sieger in diesem Wettbewerbe wegen seiner besonders fleißigen Arbeit außer dem ausgesetzten Preise von 150 Mk. noch besonders 100 Mk. eingehändigt. Die für dieses Jahr gestellten Ausgaben haben 9 Bearbeiter, und zwar 5 Mediciner und 4 Philologen gefunden. Ueber das Ergebniß dieser Preisbewerbungen wird in der am 20. d. M. stattsindenden Generalversammlung Bericht erstattet, werden. Die Zahl der unterstützten Mediciner ist seit einigen Jahren in stetigem Anwachsen begriffen; von 35pCt. im Jahre 1878 ist sie gegenwärtig auf 73pCt. gestiegen. Dieser Umstand ist für die Beurtheilung mancher Zeitströmungen nicht ohne Bedeutung. Die Proeentziffer der Juristen ist seit dem Jahre 1884 von 3pCt. auf 8pCt. der Unterstützten gestiegen, während sich die Ziffer bei den Stndirendeu der philosophischen Facultät auf der annähernd gleichen Höhe, zwischen 17 — 20 pCt. erhält. — Aus der Zweigstiftung für Akademiker wurden 15 Studirende fortdauernd unterstützt. Dieselben erhielten Beihilfen zum Betrage zwischen 90 und 485 Mk. In 14 Fällen wurden einmalige Unterstützungen in Beträgen von 70 bis 260 Mk. bewilligt. Die Art und Weife der Unterstützungsbewilligungen in Form von Darlehen mit nicht festbestimmten Zahlungsfristen hat sich außerordentlich bewährt.

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