Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1888)
- Date
- 1888-02-02
- Page
- Seite 71 (sequence 7)
- Language
- German
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7l ihre Heuchelei, die hinter der Maske strenger Cultusübungen die schwerste Ungerechtigkeit, die Verletzung des Rechts, die Unterdrückung der Schwächeren, der Wittwen und Waisen, Raub und Mord verbirgt, wie sie den Zechgelagen und der Wollust fröhnen, die Putzsucht der Frauen, und ruft über sie das „Wehe!" aus. Es kann daher nicht auffallen, daß Jesaias das menschliche Herz besonders von seiner Nachtseite berührt. Ruft er doch schon in seiner ersten Rede aus: „Dein Haupt ist krank, dein Herz ist siech!" (1, 5). Was Lr unter diesem Siechthum des Herzens versteht, haben wir schon oben angedeutet: das von Lasterhaftigkeit, Ungerechtigkeit, Habgier und Heuchelei erfüllte Herz, in welchem jedes lautere Gefühl, jede Gewissenhaftigkeit und wahre Gottesfurcht zum Schweigen gebracht worden. Ist es doch dieses Herz, das in seinem Uebermuth und Hochmuth (22*? 9, 8. 10, 12) Pläne schmiedet zum Bösen (10, 7). Ja, dieser Hochmuth „spricht in seinem Herzen" von seiner Kraft und Größe (14, 13) und wird so die Wurzel aller übelen Thaten. Vergebens hofft man, daß das Herz „Einsicht gewinne, sich bekehre und heil werde" (6, 10). Da hilft die Heuchelei vor Gott nichts (49, 13); der Schlecken kommt über sie, da „jammert das Herz und erhebt Zetergeschrei" (15, 5), das Herz „schwindelt" vor Schrecken (21, 4), und unverlöschlich senkt sich das Gedenken dieser Schrecknisse dem Herzen ein (33, 18). Denn im Herzen spiegeln sich alle Regungen der Seele ab: das Herz erbebt, und wiederum ist es das Herz, das verzagt (7, 2. 4). Wenn solche Geschicke das Volk treffen, dann „seufzen auch alle Herzensfrohen", alle welche reinerer Gesinnung und lautereru Wandels sind (24, 7). Dann aber ruft der Prophet aus: „Sprecht zu den zagenden Herzen: seid stark!" (35, 4). Gewiß, auch Jesaias kennt jenes, von wahrer Gottesfurcht und sittlichem Streben beherrschte Herz, und nennt es ebenfalls cw (38, 3), das mit seinem ganzen Willen „vor Gott wandelt". In diesem wacht auch die Herzensfreude wieder auf, die er (30, 29) so schön schildert: „Dann habt ihr Gesang, wie in der Nacht der Festesheiligung, und Herzensfreude, wie der Pilger, der zieht bei Flötenion zum Berg des Ewigen, zum Felsen Israels."— Von einem anderen Gesichtspunkte geht der jüngere Jesaias aus. Sein Zweck ist, die Herzen der Getreuen wieder zu beleben, mit Hoffnungen zu erfüllen und sie zur Rückkehr ins Vaterland zu bewegen. Darum, im Gegensatz zum älteren, beginnt er seine Reden: „Tlöstet, tröstet mein Volk! Redet zum Herzen Jerusalems, daß seine Schuld gesühnt ist" (40, 1. 2). Er kennt Herzen, welche die Lehre Gottes in sich hegen (51, 7); er weiß, daß Gott „das Herz der Zerknirschten wiederbelebt" (57, 15), und daß das Herz, wenn es eine glücklichere Zukunft erhofft, „sich erweitet" (60, 5). So abhängig ist es von den Vorstellungen, welche ihm vorschweben. Jndeß macht auch er in seinem heiligen Eifer für die Wiederherstellung seines Volkes, für die Läuterung desselben durch reine Gotteserkenntniß und Hingebung an sie, schlimme Erfahrungen. Ein großer Theil des Volkes will von der Rückkehr so wenig wie von der Umkehr etwas wissen. Er sieht, daß „ihre Herzen es nicht verstehen, daß sie es nicht zu Herzen nehmen, und das bethörte Herz sie irre führt" (44, 18. 20). Sie, die verstockten Herzens (2h hegen „falsche Hoffnungen im Herzen" (46, 12. 47, 8); sie glauben, in der Fremde ihr Glück besser zu machen, während die, welche Jerusalem wieder erbauen wollen, übelen Geschicken entgegen gehen. In diesen Menschen sieht der Prophet „ihr Herz Worte der Lüge empfangen und gebären" (59, 13); sie „gehen abtrünnig den Weg ihres Herzens" (57, 17); ja, da sie die Reihen der Gottgetreuen in ihrem Vorsatz beharren sehen, empsinden sie „Rache im Herzen" (63, 4) und wollen ihnen Hindernisse in den Weg legen. — Dem prüfenden Auge wird es nicht entgehen, wie psychologisch scharfblickend beide Propheten waren, wie genau sie die Regungen des Menschenherzens kannten. Jeremias, einer der bedeutendsten Charaktere des alten Israel, der neben den Männern der Thal Moses, Samuel, Elijah, ein Held imLeiden war, dem raschen Niedergang seiner Nation vergebens sicy entgegenstemmte, den Brand Jerusalems und des Tempels und die furchtbaren Leiden des Volkes durchlebte, die Fortführung desselben in die Verbannung vor sich gehen sah und für die im Lande gebliebenen Reste noch stritt und litt und voll ihnen mißhandelt wurde, bis er endlich in den Ruf ausbrach: „Ich bin der Mann, der das Elend gesehen unter der Ruthe seines Grimmes!" Wie erhaben und tief zugleich war das Herz dieses Propheten und Märtyrers in allen seinen Empfindungen! Aber nach dem, was er erfahren und erlitten, und wie er den Blick auf die Verderbtheit seiner Zeitgenossen gerichtet hielt, konnte er das menschliche Herz vorzugsweise von seiner Nachtseite in Betracht ziehen. Da kommt er zu dem allgemeinen Urtyeil (17, 9. 10): „Voll Liste ist das Herz (n?n apy), mehr denn Alles, und siech ist es, wer durchschaut es? Ich, der Elvige, ergründe das Herz, prüfe die Nieren und gebe Jeglichem nach seinem Wandel, nach seiner Werke Frucht." Und wer hat über beides, über die Verkehrtheit ver Menschenherzen und über das Strafgericht, das Gott über sie verhängt, mehr Erfahrung und so recht sichtliche gemacht als er? Immer kehrt daher bei ihm, von 3, 17 an die Klage über die „Verstocktheit des bösen Herzens" wieder. Er fordert mit immer neuer Kraft der Rede auf, (4, 14), „das Herz rein zu waschen von aller Bosheit" — er sieht nur Menschen „ohne Herz" (5, 21) „unbändige, widerspenstige Herzen" (B. 23). Jeremias ist es, der die dem Heidenthume zugewandten Herzen zuerst als „unbeschnittenen Herj zens" — in Vergleich zu den unbeschnittenen heidnischen