Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1888)
- Date
- 1888-02-02
- Page
- Seite 70 (sequence 6)
- Language
- German
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70 geben, an deren Spitze — trotz der Ableugnungen der „Kreuzzeitung" — Fürst Bismarck selbst steht. Heute kann man sagen, daß eine kräftige Hand, die kräftigste, die zur Zeit in Deutschland zu finden ist, den Hofprediger Stöcker von den Rockschößen des künftigen deutschen Kaisers abgeschüttelt hat. Der Stöcker'sche Einfluß auf den Prinzen Wilhelm ist gebrochen." Wenn, wie wir voraussetzen, die obige» Mittheilungen auf Wahrheit beruhen, so geht die neue Epoche Stöcker's, die alle Welt überraschte, rasch wieder zu Ende. Die Welt hält eben Ueberraschungen nicht lange aus. Jedensalls giebt der verfehlte Versuch Stöcker's. Vertrauensadressen an den Prinzen Wilhelm zusammen zu bringen, beredte Anzeichen, daß er sich in Nöthen befindet und deshalb zu verzweifelten Mitteln greift. Es muß Allen einleuchten, daß es keinen wahren Respect vor den höchsten Personen, kein echt monarchisches Empfinden, welches doch Stöcker stets auf der Zunge trägt, beweist, dergleichen Adressen zu colportiren und durch das Fehlschlagen eines solchen Versuches geradezu diejenigen zu compromittircn, an welche sie gerichtet sein sollten. Uebrigens macht es sich bereits bemerkbar, daß dieses jüngste Auftreten Stöcker's die wohlthätige Wirkung gehabt hat, die große Gegnerschaft gegen ihn aus der Indolenz zu wecken. Mit Ausnahme der „Krcuzzeitung" steht Alles gegen ihn auf, selbst die freiconservative Partei und der äußerste rechte Flügel der Nationalliberalen. Der „Schwäbische Merkur" sagt u. A.: „Nie wird es Deutschland ertragen, daß Rassenhaß, Judenverfolgung und derartige mittelalterliche Schrullen wieder die Oberhand im deutschen Volke gewinnen." Hinter diesen Worten liegt mehr, als sie oberflächlich andeuten. Der Antisemitismus wird hier nur als die Avantgarde Stöcker's angegriffen, während der Hauptstoß gegen die anderweitigen Bestrebungen Stöcker's gerichtet ist. Wir unsrerseits können unter der Herrschaft dieser Gesinnung uns sicher glauben und dem weiteren Verlauf mit Ruhe entgegensehen. Je schärfer jener unser Feind ins Zeug geht, desto gewaltiger wird die Opposition gegen ihn werden. *) Vas „Her;" in der Dibel. VI. Erheben wir zum Schlüsse unfern Blick zu dem strahlenden Dreigestirn der großen und dem leuchtenden Zwölf- 1) Ein Hamburger Blatt hatte die Nachricht gebracht, daß Stöcker am Ördensfeste (22. Januar) eine Auszeichnung erhalten werde. Dies ist nicht geschehen. Während sein College, der Oberhofprediger Kögel den Stern zum Rothen Adlerorden II. Kl. erhielt, ging Herr Hosprediger Stöcker leer aus. gestirn der kleinen Propheten. Ihre Zeit geht von der zweiten Hälfte des achten Jahrhunderts vor d. gew. Zeitr. bis zum Bestände des zweiten Tempels. Sie begleiteten das israelitische Bolk in die Verbannung nach Babel und kehrten mit ihm aus dem Exile zurück, bis Jerusalem und der Tempel wieder erbaut waren. Die Propheten waren Volksredner, im edelsten Sinne des Wortes. Sie redeten zum Volke, um es von seinen Fehltritten, von seiner religiösen und sittlichen Entartung zurückzuführen und dem idealen Ziele näher zu bringen, welches ihm als seine Aufgabe und Lebensbedingung vorgesteckt worden. Ein Volksredner aber hat sich sowohl an den Verstand des Volkes zu wenden, um ihm Erkenntniß und Einsicht in das ihm allein Nützliche in sein eigenes Heil zu verschaffen,, als auch sein Herz zu ergreifen, zu erschüttern, in ihm ein Feuer zu entzünden, durch welches seine Empfindungen in einen festen Willen und zu Thaten umgesetzt werden. Nur sekundär hat der Redner die Phantasie seiner Hörer zu afficiren, um durch sie seine Sprache eindringlicher zu machen und Bilder, sei es des Schreckens, sei es glücklicher Zukunft, in ihnen zu wecken und auszumalen. Alles dies finden wir in den Propheten Israels verwirklicht, und in einem Maße, das sie in ihrer Art zu unerreichbaren Vorbildern macht. Sie ersparen den Fürsten, den Priestern und dem Volke nicht die bittersten Vorwürfe, die schneidendsten Schilderungen ihrer Sündhaftigkeit, Verkehrtheiten und Verkommenheit; sie zeigen ihnen, was allein wahr, recht und edel sei; und da sie die Unwirksamkeit alles dessen erkennen, ergehen sie sich in Strafandrohungen und der Verkündigung des Untergangs; immer aber weisen sie wieder auf die Barmherzigkeit Gottes hin, auf reuige Umkehr, auf eine glückliche Zukunft und das endliche Reich Gottes, der allgemeinen Gerechtigkeit und des Friedens. Dies sind nicht bei ihnen, die in größter Selbstlosigkeit ihrer Aufgabe aufopfernd sich hingeben, schöne und gekünstelte Redensarten, sondern Alles strömt ihnen aus dem tief bewegten Herzen, aus dem aufgeregten Geiste. Selbstverständlich begegnet uns deshalb bei den Propheten weniger eine vernunftgemäße Behandlung ihres Stoffes, eine kalte Berechnung des Effects und der Gruppirung, als vielmehr der ununterbrochene Strom der Empfindungen, der Erguß des Herzens. — Der ältere Jesaias, dieser „Adler" unter den Propheten, bewegt sich vorzugsweise in der Strafrede. Allerdings schwebt ihm stets eine bessere Zukunft, ein kommendes Zeitalter der Gerechtigkeit und des Friedens, fest ruhend auf der allgemeinen Erkenntniß Gottes, vor, aber er ist empört über die schlechte Gegenwart. Gerade weil er, namentlich unter der Regierung Hiskia's, auf Besserung des Volkes und seiner Fürsten noch hofft, hält er denselben einen Spiegel vor, in welchem sich die verzerrten Züge ihres Angesichts zeigen; er schildert mit einschneidenden Worten ihre religiöse und sittliche Entartung,