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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-02-02 · Heft 5 (2.2.1888) · p. Seite 69

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 5 (2.2.1888)
Date
1888-02-02
Page
Seite 69 (sequence 5)
Language
German
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69 ist es für uns von hohem Werthe, daß das Haus Rothschild noch immer alle seine männlichen Mitglieder dem Judenthume erhalten hat. Zum Schluß ist es auch für uns ein Vergnügen, zu sehen, wie die deutsch-nationalen Antisemiten daran ihre Schadenfreude haben, weil sich die Clerikalen und Feudalen über diese seltene Art einer Auszeichnung ärgern. So schreibt die „Warnsdorfer Abwehr": „Nun jetzt wird kommen und gehen der hoffähige Baron von Rothschild und wird seiner Excellenz dem Grafen Leo Thun die Hand reichen und zu den andern sagen: Guten Tag ihr Herren! Unangenehm, sehr unangenehm!" So beiläufig kann man sich die Gemüthsstimmung Hamans denken, als der König zu ihm sagte: „Thue so Mordechai dem Juden". Der Anerkennung eines Juden, der trotz seines Reichthums noch Kaufmann geblieben ist, und dem selbst seine Gegner nicht nachsagen können, daß sein Reichthum aus unlauterer Quelle geflossen sei, steht als Gegenstück das Gebühren eines jener modernen Weltverbesserer gegenüber, welche ganz besonders das Volk gegen die entsittlichende Verjudung schützen wollen. Hans Kirchmayr, ein oberösterreichischer Bauernsohn, der eine Zeitung herausgab unter dem Titel „Linzer Sonntagsblatt, unabhängiges Organ für das Volk, für Recht und Wahrheit", wurde zu mehrjähriger Kerkerstrafe wegen verschiedener Betrügereien, die er an Bauern begangen hatte, verurtheilt. Kirchmayr hatte es hauptsächlich darauf abgesehen, die Dummheit der Bauern auszubeuten, indem er ihnen vorspiegelte, er vermöge durch seine vornehmen Beziehungen Militärbefreiung, Steuernachlässe und sogar kaiserliche Gnadenacte bei gerichtlichen Verurtheilungen zu erwirken. Ganz besonders bezeichnend ist es, daß er einem Bauern vorredete, er wolle für ihn die Nachsicht einer Arreststrafe bewirken, doch brauche er dazu Geld, weil ein Freund des Kaisers, dessen Einfluß man in dieser Angelegenheit nicht entbehren könne, in die Hände der Juden gefallen sei. So sei denn wieder einer von denen festgenagelt, welche mit halfen, die Entrüstung des Landes gegen die Juden zu machen, die nach der Darstellung des clericalen „Vaterland" anläßlich des Processes gegen einen jüdischen Armeelieferanten in Bosnien, Namens Daniel Baruch, überall da sind, wo eine öffentliche Persönlichkeit ihre Pflicht verletzt. Man klagt über zunehmende Entsittlichung des Volkes und hilft sie selbst machen, indem man, um sich rein zu waschen, oder um seine eigenen selbstsüchtigen Ziele zu erreichen, andere verleumdet. Man arbeitet mit absichtlichen Täuschungen, um die Augen des Volkes von dem Sitze des Uebels abzulenken, es in blinden Haß hineinzureden, damit es zum Spielball in den Händen derer werde, die es mißbrauchen wollen. Wir wollen diese Sache in einem nächsten Artikel näher ausführeu und beschränken uns darauf, heute der Zuversicht Raum zu geben, daß alle diese Bemühungen vergeblich bleiben werden, denn in den Sprüchen des Königs Salomo, in Gottes Worten ist unsere Zuversicht begründet: Wer Anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein, und wer einen Stein wälzt, auf den rollt er zurück. (Spr. 2ö. 27.) Die Zlöckeria-e in ihrem weiteren Verlauf. ii. Die „Bohemia" bringt, angeblich auf gute Informationen gestützt, einen Artikel über die „mißglückte Jntrigue" Stöcker's, dem wir Folgendes entnehmen: „Hofprediger Stöcker hat seit etwa zwei Jahren systematisch dahin gearbeitet, den Prinzen und die Prinzessin Wilhelm unter seinen Einfluß zu bringen. Das prinzliche Paar ist von Natur und nach Erziehung durchaus nicht bigot, auch die Prinzessin Wilhelm nicht, von der dies vielfach fälschlich behauptet wird. Aber die letztere besucht regelmäßig die Kirche und liest auch sonst gern gute Erbauungsgeschichten. Das war der Haken, an welchem Hofprediger Stöcker einsetzte. Er wußte zunächst die Gemahlin des Generalquartiermeisters Grafen Waldersee, eine sehr orthodoxe Dame, für sich einzunehmen. Die Gräfin ist eine geborene Amerikanerin und war in erster Ehe mit einem Punzen von Schleswig- Holstein vermählt. Daraus ergaben sich besonders intime Beziehungen zur Prinzessin Wilhelm ganz von selbst. Durch ihre Vermittelung wurde die Prinzessin auf den Hofprediger Stöcker aufmerksam gemacht und dieser, dem eine große Schmiegsamkeit eigen ist, verstand sich bald in die Gunst der Prinzessin einzuschmeicheln. Er wußte ihr namentlich begreiflich zu machen, was er zur Rettung der sündhaften Reichshauptstadt Alles gethan habe und wie er zum Dank dafür von den Gegnern systematisch so verleumdet worden sei, daß schließlich die Gerichte davon angesteckt wurden. So verstand er es, gewisse gerichtliche „Unfälle", die ihm auch in Hofkreisen stark geschadet hatten, in einem möglichst harmlosen Lichte darzustellen. An der Prinzessin fand er bald eine warme Fürsprecherin beim Prinzen Wilhelm, und durch geduldige, stille Minirarbeit wußte sich Stöcker allmälig einen großen Einfluß auf das prinzliche Paar zu erwerben. Als die Krankheit des Kronprinzen plötzlich eine bedenkliche Wendung nahm und Prinz Wilhelm dem Throne zunächst gerückt erschien, glaubte Stöcker die Zeit zum Handeln gekommen. Er wollte seinen Feinden unwiderleglich zeigen, daß er der Mann der Zukunft sei, und wollte damit seinen geheimen Einfluß zu einem offenkundigen, unerschütterlichen machen. Zu diesem Zwecke veranstaltete er mit Hilfe der Gräfin Waldersee die seitdem vielbesprochene Versammlung. Damit hat er aber nur den Anstoß zu einer Gegenbewegung ge-

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